Medien : Das zweite Zuhause

Der „Aufbau“, die deutsche Emigranten-Zeitung aus New York, wird 70. Die Ex-Praktikantin Else Buschheuer gratuliert

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Es ist alles wie immer. Man geht rein bei „Fairway“, dem Supermarkt, irgendwo zwischen Äpfeln und Kartoffeln. Vorm Fahrstuhl steht eine Schlange aus müden, bezopften Ballettmäusen. Als sich die Fahrstuhltür im dritten Stock öffnet, strömen sie alle hinaus, und ein warmer Schwapp Mädchenschweiß strömt hinein. Im vierten Stock, neben dem KarateStudio, hängt ein Zettel mit dem „Aufbau“-Adresskopf an der Tür; „Else, komm einfach rein, ich bin ganz rechts hinten im Hinterzimmer.“

Und da sitzt sie, fragil, in Rock und Stiefeln, fliegenden dunkelblonden Haaren, über ihren altersschwachen Laptop gebeugt, an einem Text über Dr. Ruth Westheimer arbeitend, für die Jubiläumsausgabe: Monika Ziegler, seit zwanzig Jahren beim „Aufbau“. Ich mochte Monika immer, ihren Filmverstand, ihre Vorliebe für Pinot Grigio und aromatisierte Damenzigaretten, und die Art, wie sie, nach ihrer Herkunft befragt, „bei München“ flüstert, weil sie nicht „Dachau“ sagen will.

Sie, die nach dem Tod ihres Vaters, eines Brauereibesitzers, ihre gesamte Erbschaft von 600 000 Mark in die Emigranten-Zeitung steckte, die ihr Leben ist, wurde mir zum Vorbild für Bescheidenheit und Großzügigkeit. Einige Jahre lang rettete Monikas Geld den „Aufbau“ vorm Untergang, Redakteursgehälter, Mieten, Recherchen wurden davon bezahlt, und sie war stets darauf bedacht, dass das niemand von uns Praktikanten erführe.

„Nun ist alles alle“, sagt sie, zuckt die schmalen Schultern, und wir löffeln schweigend unsere Becher Schoko-Mousse aus, den ich von „Fairway“ mitgebracht habe, und hoffen, während aus dem Ballettstudio anschwellendes Getrappel erklingt, dass ein neues Wunder geschieht. Es ist doch immer irgendein Wunder geschehen.

Auch als ich im Sommer 2001 nach New York kam, um ein dreimonatiges Praktikum beim „Aufbau“ zu machen, kämpfte die jüdisch- transatlantische Zeitung schon seit vielen Jahren um Sponsoren, um Akzeptanz, ums Überleben. Wir Journalisten und angehende selbige, die als Praktikanten in einer nicht enden wollenden Kette nach New York strömten, wollten „helfen“. So formulierten wir es: dem „Aufbau“ helfen.

Monika verabschiedet mich nach einigen Stunden, es ist Sonntagnacht in New York, und sie muss noch die Ruth-Westheimer-Geschichte zu Ende schreiben. Bis in den frühen Morgen wird sie im Büro sitzen, ihrem zweiten Zuhause. Sie wird das Essen vergessen, wie immer, der Kaffee wird kalt werden, wie immer, sie wird müde sein am nächsten Tag, und sie wird die Geschichte trotzdem noch mal umschreiben, genau wie immer.

Ich gehe zwei Tage später wieder ins Büro, am Dienstag, im Produktions-Endstress, um die anderen Kollegen wieder zu sehen. Lisa Schwarz, die ich an meinem ersten Tag für die Besitzerin des „Aufbaus“ hielt, die aber vielmehr seit fast dreißig Jahren dort das Telefon bedient, erinnert mehr denn je an Gloria Swanson in „Sunset Boulevard“. Sie ist 84, aber sieht aus wie knackige 70, tiptop zurechtgemacht, schick gekleidet, perfekt geschminkt und aufwändig frisiert. Im Damenbass erklärt sie mir, dass der „Aufbau“ eine Instanz ist, und weiß, dass sie längst selber eine geworden ist. Mit ihrem Divencharme und ihrem einschüchternden Kauderwelsch aus Deutsch und Amerikanisch verleiht sie dem „Aufbau“ ein Quäntchen Star-Appeal, ein Tüpfelchen „Vogue“, einen Hauch „Unikum“. Andreas Mink, seit acht Jahren beim „Aufbau“ und seit zwei Jahren Chefredakteur, nimmt letzte Änderungen am Editorial der Jubiläumsausgabe vor. Wie immer ist sein Gesicht sorgenvoll, wenn er vom Überlebenskampf des Blattes berichtet. Dabei steht der „Aufbau“ mit seiner Auflage von 10 000 Exemplaren, dort, wo er seit Jahrzehnten steht: kurz vorm Aus. Mink, der bereits unzählige Nächte auf dem Teppichboden der Redaktion geschlafen hat, um Hotelspesen zu sparen, der sich seit Jahren Tag und Nacht den Kopf zerbricht, wie der „Aufbau“ zu verjüngen, zu verbessern, zu retten sei, wird, wie Sisyphos, eines Tages begreifen, dass es nur dann deprimierend ist, den Stein immer wieder den Berg hochzurollen, wenn man hofft, dass man es eines Tages schaffen wird. Die Wahrheit ist: Es wird nie aufhören. So lange es den „Aufbau“ gibt, wird er ums Überleben, um Leser, um Spenden kämpfen. Und so lange es einen „Aufbau“-Chefredakteur gibt, wird er ein sorgenvolles Gesicht machen.

Der „Aufbau“, der das Kind berühmter Eltern wie Thomas Mann, Albert Einstein, Hannah Arendt, Franz Werfel, Stefan Zweig ist, der in seiner Blütezeit, Mitte der 40er Jahre, eine Auflage von knapp 50 000 Exemplaren hatte und in über dreißig Ländern gelesen wurde, hat, wie alle Kinder berühmter Eltern, mit dem Für und Wider eben dieser Tatsache zu kämpfen. Türen öffnen sich, die anderen verschlossen bleiben – einerseits; dem guten Ruf darf in nichts nachgestanden werden – andererseits. Der „Aufbau“, der seit 2002 auch in Berlin-Wedding mitproduziert wird, hat finanzielle, personelle, politische Krisen überstanden. Er hat in den letzten siebzig Jahren das durchaus nicht leichte Leben einer lebenden Legende geführt. Er lebt noch, nicht nur, weil endlose Nachtschichten und hoch dosierter Enthusiasmus und mühsam akquirierte Spenden ihn am Leben erhalten. Er lebt, weil er nicht umgefallen ist beim Spagat, auf die englischsprachige „Second Generation“ zuzugehen, ohne sich von Altbewährtem zu trennen. Er lebt, weil er aus Krisen zwar um Personal beraubt, aber ideell gestärkt hervorzugehen scheint. Er lebt, weil er gleichzeitig zerbrechlich ist und empfindlich, andererseits aber everfresh und unkaputtbar.

Manchmal, wenn ich Journalistenkollegen irgendwo auf der Welt treffe, geben sie sich auch als Ex-„Aufbau“-Praktikanten zu erkennen. Gemeinsam betreiben wir dann die Glorizifierung unserer „Aufbau“-Zeit, und erzählen uns Geschichten. Ich erzähle meist die von Hilde Slager. Als „Aufbau“-Praktikantin wurde ich einmal zu einem Interview mit einer Holocaust-Überlebenden geschickt. Ihr Name war Hilde Slager, und sie weigerte sich, Deutsch zu sprechen. So unterhielten wir uns in beidseits holprigem Englisch. Als sie nach zwei Stunden eine Bemerkung machte, die erkennen ließ, dass sie mich für eine Jüdin hielt, als ich bekennen musste, dass ich keine sei, schlug Frau Slager die Hände vors Gesicht und sprach nicht mehr. Sie verharrte in dieser Pose eine halbe Minute, vielleicht länger. Der Not gehorchend, fragte ich schließlich auf Deutsch: „Darf ich trotzdem mal bei Ihnen auf die Toilette?“ Frau Slager wies mir überrumpelt den Weg zum Badezimmer, und da die Tür nachher klemmte, musste mich die alte Dame befreien, indem sie ihren Krückstock als Hebel benutzte.

Diese kleine Begebenheit lehrte mich, dass, obwohl wir Ex-Praktikanten selbst Teil der „Aufbau“-Legende wurden, obwohl wir, namenlos, mit ihr verschmolzen sind, nicht wir es waren, die dem „Aufbau“ geholfen haben, sondern, das vielmehr er uns half. Er schubste uns in den Dialog, dort, wo oft aus Verlegenheit geschwiegen wird. Er gab uns die Möglichkeit der Begegnung mit Zeugen einer Zeit, deren Schrecken wir nun nie vergessen werden, auch wenn wir ihn nicht selbst erlebt haben. Dafür danke, „Aufbau“, und Happy Birthday!

Else Buschheuer hat die Romane „Ruf! Mich! An!“ und „Masserberg“ geschrieben. Zurzeit lebt sie in New York und hat kürzlich ihr aktuelles Internet-Tagebuch als Book on Demand herausgebracht: „www.else.tv“.

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