DDR-TV : Rückkehr ins eigene Leben

Wenn Florian Lukas über seine Rolle des Martin Kupfer in der ARD-Serie „Weissensee“ redet, spricht er von sich selbst.

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Liebe in schwierigen Zeiten. Julia (Hannah Herzsprung) und Martin (Florian Lukas) wagen einen Neuanfang und ziehen in die Datsche von Martins Freund Görlitz. Foto: ARD
Liebe in schwierigen Zeiten. Julia (Hannah Herzsprung) und Martin (Florian Lukas) wagen einen Neuanfang und ziehen in die Datsche...Foto: ARD/Julia Terjung

Florian Lukas ist als Prinz in Strumpfhosen durch eine Burg gelaufen. Er hat als Bergsteiger die Eiger-Nordwand erklommen und schaute als falscher Nachrichtensprecher der „Aktuellen Kamera“ in das Wohnzimmer eines Landes, das es plötzlich nicht mehr gab. Florian Lukas mag es, an verschiedene Orte und durch Zeiten zu reisen. Er sagt: „Ich versuche immer, in Bewegung zu bleiben. Lange unter einem Baum zu liegen, macht mir keinen Spaß.“ Im März ist er 40 Jahre alt geworden, bisher hat er in doppelt so vielen Filmen mitgespielt. Gerade hat er einen Weihnachtsfilm für den WDR abgedreht, im Moment steht er als Polizist für eine Krimikomödie des ZDF vor der Kamera. Es scheint, als würde Florian Lukas sich nicht einfach nur bewegen. Er rennt.

Vor drei Jahren war er in der Auftaktstaffel der Fernsehserie „Weissensee“ zu sehen. Eine Geschichte aus dem Jahr 1980 über zwei Familien in Ost-Berlin, die unterschiedlicher nicht sein können. Florian Lukas spielt Martin Kupfer, Volkspolizist und Sohn eines Stasigenerals. Der staatstreue Sohn verliebt sich ausgerechnet in die Tochter einer oppositionellen Liedermacherin. Diese Beziehung verändert sein Leben.

2011 wurde die Serie mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt. Von Dienstag an wird die zweite Staffel ausgestrahlt. Drei Monate hat Florian Lukas dafür vor der Kamera gestanden, es ist sein bislang größtes Filmprojekt. Vor kurzem hat die Produktionsfirma Ziegler Film angekündigt, dass die Dreharbeiten für die dritte Staffel im Herbst nächsten Jahres stattfinden. Der Erfolg von „Weissensee“ liegt nicht nur an seinem großartigen Schauspielerensemble – Uwe Kockisch, Ruth Reinicke, Jörg Hartmann, Katrin Sass, Anna Loos, Hannah Herzsprung gehören dazu. Zum ersten Mal wird im deutschen Fernsehen DDR-Geschichte in einer Familiensaga erzählt und hinter die bloße Fassade von Generälen und Uniformen geschaut.

„Das Besondere an der Serie ist für mich, dass man erfährt, warum das alles so passiert ist“, sagt Florian Lukas, „mit der DDR, der Politik, dem System. Man betrachtet nicht nur eine bestimmte politische Situation, sondern geht weit zurück bis in 30er Jahre. Man erkennt, dass Entscheidungen ganz eng mit einer Lebensgeschichte verknüpft sind, mit den Generationen, die vor dir waren.“ In welcher Lage waren sie? Warum haben sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt? Und wofür? Florian Lukas glaubt, dass diese Fragen bislang so nicht gestellt worden sind.

Der Neue See ist der Canal Grande von Berlin. Ein Paradies für Einheimische und Touristen. Boote werden über das Gewässer gerudert, am Ufer stehen Holzbänke und hohe Kastanien. Florian Lukas blinzelt in die Sonne. Er sieht immer noch jugendlich aus. Seit er 17 ist, steht er vor der Kamera. 1989 entdeckte ihn der Regisseur Peter Welz für seinen Spielfilm „Banale Tage“. Damals war die Mauer gerade gefallen und Florian Lukas spielte im Berliner Stadtbezirk Marzahn in einer Theatergruppe mit. Dort suchte man für die Figur eines 16-jährigen Jungen die richtige Besetzung. Michael heißt der Held aus „Banale Tage“, der im tristen Ost-Berlin der 70er Jahre versucht, dem Mief von Eltern, Lehrer und Schule zu entkommen. Der Film war eine der letzten Defa-Produktionen, seine Zusage bekam Florian Lukas per Telegramm. Er hat es bis heute aufgehoben.

„Nachdem ich diesen ersten Film gedreht hatte, wusste ich, dass ich das mit der Schauspielerei gern weitermachen würde“, erzählt er. „Ich hatte eine wahnsinnig neue und gute Erfahrung gemacht: Ich war gleichberechtigtes Mitglied eines Teams, eingebettet in einer Gemeinschaft, und konnte als Darsteller trotzdem individuell sein.“

Das Abitur schloss er trotzdem erst mal ab, obwohl er sich mit der Schule herumgequält hatte. Das Gymnasium, in das er ging, war bis zum November 1989 äußerst staatstreu gewesen und bildete „politisch zuverlässige Leute“ aus. Florian Lukas lacht, als er sich daran erinnert, wie nach der Wende auf einmal alles anders wurde und plötzlich die Lehrer die Blöden waren. Anfang der 70er Jahre geboren, gehörte Florian Lukas bereits einer Generation an, die sich nicht in die aufgezwungenen Weltbilder und vorgeschriebenen Lebensentwürfe einbinden lassen wollte. „Ich konnte mir nie vorstellen, in fest gefügten Bahnen zu leben. Ich wollte einfach mein Leben leben“, sagt er. „Das Jahr '89 war für mich auch eine persönliche Befreiung.“

Seit dieser Zeit ist Florian Lukas als Schauspieler viel unterwegs. Zwischen Uckermark und Istanbul, zwischen praller und untergehender Sonne, zwischen Freundschaft und Feindschaft, reist er als Held ins Reich der Illusionen, durch Jahrhunderte und Landschaften. In Kleinmachnow lebt er, zusammen mit seiner Frau, der Regisseurin Anna Justice, und den gemeinsamen zwei Töchtern. Sein Zuhause sei für ihn der Dreh- und Angelpunkt, aber der Mittelpunkt sei es nicht. „Wenn ich zwei Tage das Gleiche mache, langweilt mich das.“ Er hat noch eine Wohnung in Kreuzberg, in seiner freien Zeit treibt er Sport, oft auf den Tretmühlen des Fitnesscenters, oder er steigt auf Berge. Erfüllung aber findet er im Beruf.

Viele Filme sind für ihn „Horizonterweiterung“ gewesen. In dem Liebesdrama „Kammerflimmern“ spielte er einen Sanitäter und lernte dafür, wie man Menschen reanimiert. Für das Bergsteigerdrama „Nordwand“ trainierte er ein Jahr lang in der Türkei und in den französischen Alpen. Als er vor zehn Jahren für eine Folge der ZDF-Krimireihe „Nachtschicht“ eine Szene in einer Schweinemast drehte, ist er danach zum Vegetarier geworden. Lukas meint, „Filme können dein Leben verändern. Man sieht bestimmte Sachen auf einmal ganz anders. Man lernt andere Menschen und ihre Arbeit wertschätzen. Das korrigiert auch deine eigene Einstellung zum Leben.“

Mit „Weissensee“ ist er in sein eigenes Leben zurückgekehrt. Die zweite Staffel spielt 1987, in dem Jahr, als er selbst 14 war. Bei den Dreharbeiten waren ihm viele Dinge vertraut, der Geruch von Linoleum, das Titelbild einer Tageszeitung, der Geschmack des Kakaopulvers. Sie erinnerten ihn daran, wie es war, in der DDR zu leben. Aber Florian Lukas sinnt keinem verlorenen Land nach. Die DDR beschreibt er als eine „Diktatur der Spießer und Kleinbürger“ und sein Dasein darin bestimmt von Zwängen und Kompromissen. Wie man es darin aushalten konnte und wie dagegen ankämpfen, zeigt er in seiner Rolle als Martin Kupfer. Der verteidigt seine Liebe gegen den Vater, gegen seinen Beruf. Er bricht mit seiner Familie, gibt seinen Job als Volkspolizist auf. Ein Held ist er nicht.

In seinem Spiel vermeidet Florian Lukas alles, um aus dem treuen Staatsdiener einen schnell geläuterten Aufrührer zu machen. „Er versucht, seinen persönlichen Weg zu finden“, erklärt Florian Lukas seine Filmfigur. Er wolle einfach in Ruhe gelassen werden, niemand solle ihm reinreden. In der Art und Weise, wie er darauf beharre, sein eigenes Leben zu führen, sei er ihm sehr nahe. Wenn Florian Lukas über Martin Kupfer spricht, stockt er hin und wieder. Ihn überkommt das Gefühl, als würde er über sich selbst reden. Mit keiner Rolle vorher hat er das erlebt.

„Weissensee“, ARD, Dienstag, um 20 Uhr 15

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