Medien : Der abgeschlossene Roman

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Von Christian Schröder

Ein Roman könnte folgendermaßen beginnen: „Kein Bauschild verrät in der Pücklerstraße den n dessen, der ab Montag in dem weißen Palais mit dem Rundbogengiebel wohnen wird, aber die Zahl der Streifen des Bundesgrenzschutzes sagt genug über seine Prominenz." So stand es am 1. September 1999 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, im ersten Aufmacher der ersten Ausgabe ihrer „Berliner Seiten". Es ging um Gerhard Schröder und die Dienstvilla, in die der Kanzler ein paar Tage später einziehen würde. Das Thema war programmatisch gewählt. Die Redakteure waren selber erst vor wenigen Wochen in Berlin angekommen, sie sahen sich neugierig in der werdenden Hauptstadt um und protokollierten die Ergebnisse der Ortsbegehungen. Mit Journalismus im strengen Sinn hatten ihre Texte nur wenig zu tun. Es waren lustvolle Abschweifungen, Vorstöße in ein Niemandsland jenseits aller Berichterstattungspflichten.

Mit den Ausdünstungen der örtlichen Kanalisation („Ein stechend fauliger Geruch, der in Schwaden aufsteigt, wenn die Düsen alles durcheinanderwühlen“) beschäftigten sich die „Berliner Seiten“ ebenso wie, anlässlich einer Ausstellung, mit der verwirrenden Doppelgeschlechtlichkeit von Playmobilfiguren: „Playmobilgesichter sind geschlechtslos, Playmobilkörperchen hingegen pflegen auch in eindeutig männlichen Rollen einen eigentümlichen Hermaphrodismus". Die „Berliner Seiten“ waren ein luxuriöses Projekt, der leckere Sahnenachtisch im mitunter kommisbrotartig trocken wirkenden Informationsmenü des Hauptblattes. Professionelle Leser waren begeistert, bald schon wurde gelobt, die „Berliner Seiten“ seien eigentlich gar kein Zeitungsprodukt, sondern: ein Roman. Ein „Berlin-Roman", genau genommen. Fast drei Jahre lang ist dieser Roman in immer neuen Lieferungen erschienen, rund tausend Ausgaben lang, ein paar hundert Autoren haben an ihm mitgeschrieben. Seit gestern ist er sozusagen vollendet. Die FAZ habe ihre „publizistisch erfolgreichen" „Berliner Seiten“ „aus wirtschaftlichen Gründen" einstellen müssen, hieß es in einer Verlagsmitteilung.

Berlin wurde in den „Berliner Seiten“ täglich neu erfunden. Die Stadt zerfiel in viele Nahaufnahmen, die neue Bilder ergaben. Walter Momper vor 60 Zuhörern beim Wahlkampfauftakt im Wedding! Dotcom-Yuppies spielen Golf in Mitte! Ein FDP-Empfang auf der Dachterrasse des Reichstages! Berlin-Jubel stand neben Berlin-Bashing, den Wiederaufbau des Stadtschlosses versuchten die FAZ-Autoren herbeizuschreiben, dem Currywurst-&-Pfitzmann-Mileu des alten Westberlin begegneten sie mit milder Verachtung. Und wenn das Wort „Hauptstadt" in ihren Texten vorkam, dann konnte es nur ironisch gemeint sein. Berlin, die „Hauptstadt der Fledermäuse".

Am Schönsten kam das Prinzip des unordentlichen Nebeneinanders in einer Rubrik zur Geltung, die unten rechts auf der ersten Seite stand. Die „Chronik" verwurstete Verlautbarungen und Agenturmeldungen, in anderen Redaktionen Material für „Kurz notiert"-Spalten oder den Papierkorb, zu grotesken Tagebuchcollagen. Eine andere Kolumne hieß „Webcam“ und versammelte sarkastisch scharfe Miniaturen aus den Alltags-Bühnen der Stadt. Das genaue Hinschauen war die Qualität der „Berliner Seiten“, im besten Fall waren die Reporter tatsächlich eine Art Kamera.

Benjamin von Stuckrad-Barre fuhr mit Klaus Meine Taxi und beschrieb ihn als „Bänkelsänger des Bundeskanzlers“: „Als Meine seine beiden in Lederstiefeln, kompletter Berufsbekleidung also, steckenden Rockstarbeine auf das schwarze Wagenbodenwaffelgummi gestellt hatte, war die Tür zugeschnappt, und der Mann, der sie mit einem eleganten Schubser hatte zuschnappen lassen, war in Sekundenschnelle mit elegantem Raubtierhuschen zur Fahrerplatztür geeilt.“ David Wagner war zu Fuß unterwegs, etwa in der Friedrichstraße: „Die Friedrichstraße ist auch Vorführstrecke für Wagen, die hier noch hinter den Scheiben stehen. Reisebusse rollen langsamer die Straße hinunter, die Menschen halten Ausschau nach dem neuen Berlin. Die letzten Bauschilder schreiben Lyrik an die Hauswände an den Straßenrand, die Versanfänge lauten: Hier entsteht, Hier baut.“

Diese Art von Großstadtimpressionismus hatte 2000/2001 ihren Höhepunkt schon wieder überschritten. Benjamin von Stuckrad-Barre und Wagner verließen die „Berliner Seiten“, Redaktionsleiter Florian Illies bereitete die Sonntagszeitung vor. Die Spielwiese wandelte sich mehr und mehr in einen handelsüblichen Lokalteil. Im April wurde der Umfang der „Berliner Seiten“ von sechs auf vier Seiten reduziert. Der Anfang vom Ende. Und aus dem Veranstaltungskalender verschwanden sogar die legendären Tierfütterungstermine.

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