DER BALL  ist eckig : Högschder Einsatz in dritter Halbzeit

Für manche ist es das Saufgelage nach dem Spiel, für andere die Prügelorgie. Bei dieser EM jedoch wurde die dritte Halbzeit in die Pressekonferenzen verlegt.

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Mit dem Begriff „dritte Halbzeit“ meinten Fußballer und Fans früher Saufgelage. Hooligans wählen ihn, um ihre verabredeten Prügelorgien zu versportlichen. Doch die wahre dritte Halbzeit ist spätestens seit dieser EM die Pressekonferenz: Mehrere Fernsehsender und Internet-Plattformen übertragen täglich live. Die meisten Fragerunden vergehen trist zwischen Jogi Löws „högschder Konzentration“ und dem anschließenden Kommentar eines zugeschalteten Experten, der mit ernster Miene darauf hinweist, dass der Bundestrainer „volle Konzentration“ fordert.

Doch es gibt auch verstörende, aberwitzige, manchmal politisch unkorrekte Ausnahmen. Der italienische Stürmer Antonio Cassano antwortete auf die Frage nach möglichen schwulen Mitspielern: „Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass es keine gibt.“ Der deutsche Co-Trainer Hansi Flick wollte gegen die raffinierten portugiesischen Freistöße in Lemberg „den Stahlhelm aufsetzen“. Was immer noch besser war, als Oliver Bierhoffs Idee, mit den Nationalspielern über den Holocaust zu reden, und zwar „bei einem Kamingespräch“.

Was der dritten Halbzeit noch zum endgültigen Durchbruch fehlt, ist Exklusivität in Sachen Fehltritt. Der stellvertretende Bürgermeister Danzigs wollte sich für die toleranten Bewohner seiner Stadt einsetzen und beschrieb sie deshalb als „normale weiße Menschen“ – im Radio. Als Samir Nasri nach der Pleite Frankreichs gegen Spanien die Mutter eines Journalisten dem horizontalen Gewerbe zuordnete, waren gar keine elektronischen Aufnahmegeräte zugegen.

Die Uefa sollte reagieren. Sobald Angehörige der Fußballwelt per Dekret verpflichtet werden, ihre peinlichen Aussetzer vollständig in die Pressekonferenzen zu verlegen, wird die dritte Halbzeit noch populärer. Nik Afanasjew

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