Der Ball ist ECKIG : Nur Heiner ist kleiner

Der Kampf um die Deutungshoheit - die Kolumne zur Frauenfußball-WM.

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Weitgehend abgekoppelt vom Turnierverlauf hat sich während der WM ein ganz eigener, nicht minder unterhaltsamer Wettbewerb entwickelt: der Kampf um Deutungshoheit darüber, welche Einstellungen zu Frauenfußball nun sexistisch sind und welche nicht. Da gründet sich die Facebook-Gruppe „Frauenfußball ist wie Tieren beim Sterben zusehen“ und „Brigitte“ empört sich, obwohl die Ironie schwer übersehbar ist. Da wagt auf taz.de der durchaus lustige Deniz Yücel alle deutschen Spielerinnen nach dem Aus gegen Japan als Schlampen zu bezeichnen, Nadine Schlamperer, Kerstin Schlampefrekes, Schlampone Laudehr und so weiter. Erboste Leser fordern, Yücel zurück nach Anatolien zu schicken oder wenigstens mit Berufsverbot zu strafen, die Chefredakteurin rechtfertigt sich („die ,taz’ ist eine pluralistisch funktionierende Redaktion“), und ausgerechnet „Bild“ tut aufrichtig pikiert („So verspottet die ,taz’ unsere Fußball-Mädels“). Das wiederum ist an Heuchelei nicht zu toppen, schließlich hat „Bild“ zur WM den schmerzbefreiten Mario Basler als Macho-Kolumnisten engagiert, der Torhüterinnen vorschlägt, Wäsche aufzuhängen, damit der Kasten sauber bleibt. Man kann sich plastisch vorstellen, wie Basler daheim geifernd neue Altherrenwitze ausgräbt und das für originell hält.

Unerträglicher, weil perfider ist höchstens noch Heiner „kein guter Film seit 1997“ Lauterbauch, der als Welt-Online-Kolumnist damit kokettiert, doch eigentlich ein schlimmer Macho zu sein, aber jetzt – auch „auf die Gefahr hin, meinen Ruf zu verlieren“ – seine Liebe zum Frauenfußball verkündet. Um dann so schwachsinnige Argumente zu bringen wie: „Es wird so gut wie gar nicht gespuckt“ (was bei Schweden–Japan, wie 8,45 Millionen Zuschauer verfolgten, eindeutig widerlegt wurde). Man möchte diesem Mann zur Strafe seine Goldenen Kameras aberkennen, hätte er je welche bekommen. Sebastian Leber

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