Medien : Der entdämonisierte Dämon

Hirschbiegels Kinoerfolg „Der Untergang“ in der zweiteiligen Fernsehfassung

Kerstin Decker

Im letzten Jahr gab es zwei große Kinofilme über die NS-Zeit, eigentlich waren es noch mehr, aber bleiben wir bei diesen beiden, denn sie waren in gewissem Sinne Parallelfilme: „Der neunte Tag“ von Volker Schlöndorff und „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel. „Der neunte Tag“ zeigt die Geschichte eines Pfarrers, der etwas bekommt, was es gar nicht gibt: Urlaub vom KZ. Und der wieder zurückgeht.

„Der Untergang“ zeigt die letzten Tage im „Führerbunker“ mit vereinzelten Blicken auf die Erdoberfläche. „Der neunte Tag“ hatte am Ende 65 000 Zuschauer, „Der Untergang“ hatte 4,5 Millionen. Bei dem einen Film stand schon auf dem Presseheft ein dicker roter Stempel „Besonders wertvoll“; der andere Film bekam diesen Stempel nicht. Im stempellosen „Untergang“ spielt Ulrich Matthes Goebbels, im „neunten Tag“ ist er der Pfarrer, der zurückgeht ins KZ. Der eine kommt heute und morgen Abend zur Hauptsendezeit ins Fernsehen, der andere, der mit dem Stempel, wird vielleicht mal irgendwann spätabends laufen, zur besten Sendezeit für arbeitslose Akademiker und andere, die nicht schlafen können. Über den einen Film – den ohne Stempel – sprachen alle, schon bevor sie ihn gesehen hatten, über den anderen sprach vorher eigentlich fast keiner. Und nachher auch nicht.

Nun sehen also auch alle passionierten Nicht-Kinogänger Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“. Die Sorge der Medien im Vorfeld war groß: Gibt es nicht eine natürliche Sympathie mit Untergehern und wenn das nun Hitler ist, was sollen wir dann denken? Und das Ausland, was würde das Ausland dazu sagen? Zu alledem spielt auch noch Bruno Ganz diesen Hitler, Ganz mit seiner beinahe naturhaften Aura von Wärme; Ganz, dieser definitive Nichtbarbar, der einst vom Himmel über Berlin herabstieg, um ein Mensch, also ein Berliner zu werden.

Kurz vorm Kinostart des „Untergangs“, als die Kritiker den Film gesehen hatten, atmeten sie auf, aber nicht befreit, eher etwas rasselnd. Jens Jessen von der „Zeit“ fasste die Eigentümlichkeit dieses Atemzugs in die unverlierbaren Worte: der Film sei „noch nicht dumm“, er sei aber „auch nicht klug“.

Sätze wie diese sind gewiss noch nicht dumm, sie sind aber auch nicht klug. Wer heute Abend den „Untergang“ vielleicht zum zweiten Mal sieht, kann das alles noch einmal überprüfen und wird möglicherweise eine erstaunliche Entdeckung machen: Dieser Film ist gar nicht dumm, ja, er ist sogar schon klug. Der Haken liegt woanders. Man muss diesen Film nicht zum zweiten Mal sehen. Er berührt uns nicht dort, wo große Filme treffen, etwa Schlöndorffs „Der neunte Tag“. Vor diesem Film ist „Der Untergang“ gewichtslos. Am Wochenende, bevor „Der neunte Tag“ in unsere Kinos kam, war „Der Untergang“ auch in Polen angelaufen. Ein kritischer Augenblick, aber selbst in Polen konnte man mit diesem Hitler leben.

Wer „Der Untergang“ heute doch noch mal sieht, kann sich sehr gut auf solche Dinge konzentrieren und vergleichen. Bruno Ganz ist ein Ereignis. Wir haben schon viele TV- und Kino-Hitlers kommen und gehen sehen in den letzten Jahren, da kriegt man eine Ahnung davon, wie schwer es ist, einen überzeugenden Hitler zu spielen. Und sonst waren die Hitlers nur Nebendarsteller, und hier hat er die Hauptrolle. (Noch so ein Stein des Anstoßes: Sollte man Hitler wirklich eine Hauptrolle geben?) Man hatte beinahe Angst vor seinem ersten Auftritt – jeder hat ein Bild von Hitler, fast jeder hat ein Bild von Ganz, lassen die sich wirklich übereinander legen? Gleich in der ersten Szene ist der „Führer“ ein nicht uncharmant älterer, verständnisvoller Herr. Und Ganz hat ihn sofort ganz. Vom Engel aus dem „Himmel über Berlin“ wird er nicht zum bellenden Monster – das auch, aber später –, sondern findet einen nichtstellbaren Ton. Er sucht eine neue Sekretärin und wählt die blutjunge Traudel Junge aus München. Das probieren wir gleich noch mal, ermutigt er die Neue, die vor Anspannung nur noch zufällig die richtigen Buchstaben auf ihrer Schreibmaschine trifft. 1942 war das, Wolfsschanze.

Diese Eröffnungsszene ist überwältigend klug: Von hier aus, von dieser noch ganz und gar unbestimmten Situation her entwickelt Ganz seinen Hitler in aller Hinfälligkeit, seinem Größenwahn, der dämonischen Kraftgebärde, die nun – unter den Bedingungen rapiden Machtverfalls – etwas akut Lächerliches bekommen, das die Beteiligten nach und nach wahrnehmen. Der entdämonisierte Dämon, die Maske hinter den Masken, der sentimentale Biedersinn, das alles zeigt Ganz’ Hitler. Wahrgenommen von der ersten Szene an vor allem mit den Augen der 22-jährigen Traudel Junge, zwischen Loyalität, Anhänglichkeit an diesen Mann („Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen, wo alle ihn verraten.“) und jähem Erkennen.

Dieser Film ist „noch nicht dumm“, „aber auch nicht klug"? Es ist entlarvend-klug, Hitler einfach sprechen zu lassen. – Hitler: „Wenn der Krieg verloren geht, ist es vollkommen wurscht, wenn auch das Volk verloren geht.“

„Der Untergang“: heute und morgen um 20 Uhr 15, ARD

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