Medien : Der ganz lokale Mord

Die ZDF-Serie „Soko“ hat fünf regionale Ableger. Entsprechend sind die Verbrechen

Alva Gehrmann

Der Rheinländer liebt sein Büdchen. Der Kiosk ist ein zentraler Ort, hier kann man von morgens bis nachts das Wichtigste einkaufen und nebenbei noch den neuesten Klatsch und Tratsch erfahren. Auch Hauptkommissarin Alexandra Gebhardt (Gundula Rapsch) hat so einen Kiosk: Dieters Büdchen. Doch dann ist Dieter plötzlich verschwunden. Ausgerechnet am Tag, nachdem eine philippinische Prostituierte ermordet wurde, die mit dem Büdchenbesitzer liiert war. „Kölscher Klüngel“ heißt die erste Folge von „Soko Köln“, dem neusten Ableger der ZDF-Serie, der heute startet.

Köln wird damit die vierte Soko-Stadt – nach München, Leipzig und Kitzbühel. Ab Ende 2004 wird auch Wismar über eine eigene TV-Sonderkommission verfügen. Dann soll von Montag bis Freitag die 18-Uhr-Strecke mit Sokos befahren werden. Ähnlich wie beim ARD-„Tatort“ laufen alle Serien unter einem Label, sind aber unabhängig voneinander.

Jede Soko hat mit regionalen, spezifischen Morden zu tun. Der Kölner Mörder zum Beispiel mordet eher nebenbei. „In unseren Fällen kommen keine Mörder mit breiten Schultern und Kalaschnikows vor. Es überwiegen kleine Verbrecher, nachvollziehbare Böse, mit denen man sogar ein bisschen Mitleid hat“, sagt Bettina Wente, Producerin von „Soko Köln“. Gemeinsam mit Produzent Reinhold Elschot hat sie die Fälle und die Kommissare entwickelt. Zu Köln gehört der Klüngel ebenso wie die Kirche und der Humor. Der Mord zu Köln ist dann mit einem „Jönne könne“ angeheitert.

Ganz anders als das Münchner Team. Für Elschot eine „humorfreie Zone“. „Soko 5113“ ist der Klassiker – seit über 25 Jahren läuft die Serie im ZDF. Und klassisch, bisweilen sogar statisch, wird sie inszeniert. Kommissar Horst Schickl (Wilfried Klaus), der seit der ersten Folge Verbrecher jagt, hat immer wieder mit Drogenmorden in der Münchner Schickeria zu tun. Aber auch mit einer ehrwürdigen Richterin, deren dubiose Vergangenheit aufgedeckt wird. Oder im gestrigen Fall mit einem Obdachlosen, der tot in einem Designeranzug aufgefunden wird.

„Natürlich hat ein urbanes Umfeld wie Köln oder München Fälle, deren Auslöser eher spezifisch sind: Drogen und Jugendarbeitslosigkeit wird es am ländlichen Tatort weniger geben“, sagt Klaus Bassiner, Hauptredaktionsleiter für Reihen und Serien beim ZDF.

Bassiner hat die vier neuen Sokos mitinitiiert. „Soko Leipzig“ ist für ihn ein aufregendes Pflaster, weil der Tatort eine Großstadt im Umbruch ist: Jahrhundertealte Tradition als Handelsstadt und zugleich Zentrum der Montagsdemonstrationen im Wendeherbst 1989. Die Ost- West-Geschichte wird dann auch immer wieder thematisiert. Eine Leipzigerin, die im Sommer ’89 über die ungarische Grenze in den Westen geflohen ist, taucht plötzlich wieder auf und wird bedroht. In einem anderen Fall sollen Stasi-Verwicklungen durch Morde vertuscht werden. Das Team um Hajo Trautzschke (Andreas Schmidt-Schaller) – dem „sächsischen Columbo“ – hat aber auch mit toten Bauunternehmern zu tun. Trotz der Morde soll das positive Lebensgefühl und der Stolz der Leipziger auf ihr „L.E.“ kenntlich gemacht werden.

Dass in der Provinz von Mecklenburg-Vorpommern neben dem Diebstahl von Kartoffeln und Haarspray-Dosen ganz eigentümliche Morde passieren, wird ab nächstem Jahr die „Soko Wismar“ zeigen. „Es wird einen Fall um eine gruselige Stadtlegende aus dem Mittelalter geben“, sagt Bassiner. Leiche auf Leiche wird aus der gar nicht so tiefen Ostsee gefischt, auch militante Tierschützer (Lieber nackt als Pelz) geraten ins Visier der Sonderkommission. Ihre Eingebungen hat die Soko zeitweilig im Pfarrhaus, weil das Präsidium saniert wird.

Ganz anders geht es da bei der „Soko Kitzbühel“ zu. Der österreichische Ort ist zwar von seinen Wurzeln her immer noch ein Dorf, aber eben ein mondänes. Hier tummeln sich die Prominenten, sie fahren Ski und Après-Ski. Der Einkehrschwung endet nicht selten auf dem Obduktionstisch. Morde passieren eher in der Upper-Class: etwa der Tod eines berühmten Skiläufers auf präparierter Piste, der heimtückische Mord an einer Gourmetkritikerin, das plötzliche Ableben eines reichen Motivationstrainers beim Joggen. In der ORF/ZDF-Produktion ermittelt das junge Polizistenduo Karin Kofler und Andreas Blitz, die sich schon seit den Kindertagen kennen. Unterstützt werden sie von Koflers Vater, Chef eines Nobelrestaurants, sowie von dessen Freundin Gräfin Schönberg, die glänzende gesellschaftliche Kontakte hat.

Morde aus der Upper-Class gibt es in Köln nicht. Dafür wäre wohl eher die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt geeignet. Doch eine „Soko Düsseldorf“ ist für den Kölner Produzenten Elschot unvorstellbar. Für ihn ist Düsseldorf eine Verwaltungsstadt. „Wir wollen doch keine Aktenordner-Geschichten erzählen“, sagt er.

„Soko Köln“: ZDF, 18 Uhr

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