Medien : Der globale Schwabe

Eine ARD-Dokumentation versucht, sich Jürgen Klinsmann zu nähern

Barbara Nolte

Der Dokumentarist Wolfgang Biereichel hat großen Aufwand getrieben, um sich diesem Bundestrainer zu nähern, der im Grunde keinen an sich heranlässt.

Biereichel ist nach London, Mailand, Monaco gereist, auf den Spuren des wohl weltläufigsten deutschen Fußballers. Und natürlich nach Huntington Beach. Dorthin hatte Klinsmann das ARD-Team zum Interview bestellt. Nicht zu sich nach Hause, eine Tabuzone für Journalisten, sondern in ein Hotel, in dem ihn schon „Zeit“, „Bild“ und andere einvernahmen. Für Klinsmann-Porträts gibt es mittlerweile feste Rituale.

Und das ist das Grundproblem so eines Films kurz vor der WM: Klinsmanns Unabhängigkeit, seine Radikalität, sein Geschäftssinn. Alles längst beschrieben. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Klinsmann in Interviews immer als harter Brocken erwies: kontrolliert, einer, der sich in den unangenehmeren Momenten des Lebens hinter einem fast grimassierenden Lachen versteckt.

Biereichel versucht, Klinsmann zu knacken, in dem er ihn umzingelt. Er hat mit der Mutter und dem Bruder gesprochen, dem Jugendtrainer, den Mannschaftskameraden von den Tottenham Hotspurs und natürlich mit seinen heutigen Beratern. Biereichel hat gute Zugänge. Sein Film zeigt das System Klinsmann.

Und da die großen Dinge über Klinsmann gesagt sind, macht sich Biereichel auf die Suche nach den Kleinen. Ex-Trainer Giovanni Trapattoni nennt Klinsmann einen der „intelligentesten Fußballer, die ich hatte“, Ex-Mannschaftskamerad Karl Allgöwer beschreibt ihn als „im positiven Sinne“ nicht normal: „Er ist immer einen eigenen Weg gegangen.“

Immer wieder preisen Biereichels Interviewpartner Klinsmanns Eigenständigkeit. Was der Film aber nicht auflöst: Wieso ist dieser eigentlich so eigenständige Klinsmann gläubig, fast sektiererisch, wenn es um amerikanische Motivationsmethoden geht?

Nun ist die Stärke des Fernsehens nicht die psychologische Tiefenanalyse, sondern die Bebilderung. So werden noch einmal die schönsten Klinsmanntore und sein wütender Tritt gegen die Werbetonne nach einer Auswechselung gezeigt. Der Film beginnt, wo sonst?, in der Bäckerei Klinsmann in Botnang, wo Jürgen Klinsmann einst Bäcker lernte. Immer wieder kehrt der Film in den Stuttgarter Vorort zurück – anders als Klinsmann, der zwar mit der Heimat nicht brach, aber für den immer festzustehen schien, dass sein Platz woanders lag.

Klinsmann, heißt es, habe sogar darunter gelitten, nur eine Lehre gemacht zu haben und kein Studium. Seine internationalen Stationen als Fußballer ist er später ein bisschen angegangen wie Studenten ihre Auslandspraktika. Mit dem Käfer Cabrio reiste er an, einen Sprachkurs hatte er da schon hinter sich. Klinsmann war, so macht die Dokumentation nochmals klar, in der sonst eher unmündigen Profifußballerwelt eine große Ausnahme.

Bringt der Film sonst noch eine neue Erkenntnis?

Es ist Klinsmann selbst, der seine Person ein bisschen verständlicher macht, als er seine Faszination für den Fußball beschreibt: „In manchen Momenten gibt es keine Logik, keine Taktik mehr. Du lässt es laufen und machst das Richtige automatisch.“ Es ist die Sehnsucht des Kopfmenschen, auch einmal Instinktmensch zu sein, die Klinsmann an den Fußball bindet. Nach Toren und nur dann scheint Klinsmanns Lachen echt.

„Klinsmann: Vom Bäckerjungen zum Bundestrainer“; ARD, 21 Uhr 45

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