Medien : Der Klassiker

Er dreht in den USA, lebt in Venedig und hat ein Theater auf der Reeperbahn. Jetzt bekam Ulrich Tukur den Deutschen Fernsehpreis

Carla Woter

Ulrich Tukur wirkt immer leicht atemlos. Die Angst, auch nur eine Minute seines Lebens zu verpassen, muss sehr tief in ihm stecken. „Niemand weiß, wie lange das Spiel geht“, sagt der Schauspieler, der nebenbei Bücher schreibt und Musik macht und noch einiges mehr. Doch diese Getriebenheit, der Spaß am Leben ist genau das, was der ZDF-Konferenzraum in Berlin jetzt braucht. Es geht um den Film „Die fremde Frau“, für den Tukur gerade den Deutschen Fernsehpreis als bester Darsteller erhalten hat. Und der Film ist wirklich alles andere als lebensbejahend. Allerdings will Ulrich Tukur eigentlich über etwas ganz anderes reden als über den Tod – nur ist ihm das im Moment leider entfallen. Dann hat er wohl keine Wahl.

Der todessehnsüchtige Streifen mit Corinna Harfouch in der Titelrolle lief bereist vor ein paar Monaten auf Arte – mit anschließendem Internetforum, weil er die Zuschauer recht ratlos zurückgelassen hatte. „Die fremde Frau“ ist schwierig. „Wir haben lange im Sender darüber diskutiert. Nur die Hälfte hat ihn verstanden“, sagt ZDF-Redakteurin Caroline von Senden. Regisseur Matthias Glasner und Corinna Harfouch bemühen sich wortreich um Klarheit – und stiften leider noch mehr Verwirrung. Selbst Ulrich Tukur scheitert beim Versuch, die Handlung verständlich darzulegen.

Um es kurz zu machen: „Die fremde Frau“ handelt von einem falschen Leben. Jemand wird als Baby vertauscht und übt späte Rache. Alles sehr dramatisch, besonders die Musik. Die Liebesszenen sind in Rot getaucht, der Rest ist düster.

Die Kulisse ist Hamburg. Tukur spielt einen leidenschaftlichen Juwelier, der sich mit Hingabe seinen Preziosen widmet. Was ihn an der Rolle reizte, war die extreme Künstlichkeit. „Das ist eine seltsame, komische, krude Geschichte. Sie hat was von Lynch und Rivette“, sagt Tukur und fügt hinzu: „Am Ende kann ich mich eines unheimlichen Gefühls auch nicht erwehren.“ Das ZDF offenbar ebenfalls nicht. Der Ausstrahlungstermin wurde vom 25. Oktober auf Februar 2005 verschoben.

Aber eigentlich mag Tukur gar nicht so lange über diesen Film reden, er hat ihn ja nicht einmal komplett gesehen. Gerade hat er in Tirol einen „Tatort“ gedreht, erzählt er, und sollte während der Dreharbeiten in einem Wellnesshotel wohnen. Allein bei dem Wort schüttelt es ihn. „Ich will in einem Bauernhof wohnen. Mit Klo auf dem Gang, ohne Fernseher und ohne Wellness.“ Bloß nichts Modernes. Da reagiert der Mann geradezu allergisch.

Eine gewisse Liebe für das Gestern lässt sich bei ihm bei aller Lebensfreude nicht abstreiten. Sie schlägt sich selbst in der Kleidung nieder: Tukur trägt am liebsten alte Anzüge, kleidet sich bevorzugt schlicht in Schwarz. Seine Lieblingszeit ist das Berlin der Zwanzigerjahre. Kein Wunder, dass ihm sein Wohnort Venedig so gut gefällt. „Ein Traum. Es gibt keine störende hässliche Wirklichkeit.“ Da lebt er mit „der Dame meines Herzens“, wie er seine langjährige Freundin, eine Bühnenbildnerin, nennt. Zweimal im Jahr sieht er seine beiden Töchter Lilli (13) und Marlen (15), die bei ihrer Mutter in Boston leben. Tukur bedauert, so wenig Einfluss auf die Erziehung zu haben. „Aber die Mutter hat Vorrang. Wir haben uns intelligent getrennt.“ Und dennoch: Tukur spricht begeistert von italienischen Großfamilien, vom Zusammenhalt, der Selbstverständlichkeit, wie dort Leben und Tod zusammengehören. Für eine eigene Großfamilie fehlt ihm allerdings die Zeit. Das bringt der Beruf eben mit sich.

Ulrich Tukur ist Schwabe, kommt aus einer Akademikerfamilie und wollte immer schon Schauspieler werden. Er hat mit Zadek gearbeitet, Hamlet gespielt, Peer Gynt und Jedermann. Mit seinem Freund Ulrich Waller hat er die Hamburger Kammerspiele geleitet, jetzt haben sie ein Theater auf der Reeperbahn: das „St.Pauli-Theater“, ein Treffpunkt für die besten deutschen Schauspieler. Eine große Gage gibt es dort nicht, aber gute Arbeit und eine schöne Atmosphäre. Tukurs Kollegen genießen das. „Dafür drehen sie ja auch Filme, da können sie auch mal so was machen“, sagt er. Monica Bleibtreu, Otto Sander, Eva Mattes und natürlich Tukur selbst sind im „schönsten Theater der Welt“ (Tukur) zu sehen: „Das Gebäude ist von 1841, die Bühnentechnik von 1904, nichts wurde zerstört.“

Manche Menschen wären mit diesen Tätigkeiten vollkommen ausgelastet. Ulrich Tukur ist das noch immer nicht genug. Bis Ende Herbst wird er sein Buch über Venedig beendet haben, in dem er Anekdoten, Begegnungen und Beobachtungen schildert. Außerdem schreibt er an einem Drehbuch über den jugoslawischen Bürgerkrieg. Nebenbei entwickelt er gerade ein Musiktheaterstück über den Lord von Barmbek, einen legendären Hamburger Verbrecher. Und nächstes Jahr geht er mit seinen „Rhythmus Boys“ wieder auf Tour. Die skurrile Tanzkapelle hat er vor ein paar Jahren gegründet. Tukur singt, sitzt am Klavier, spielt Akkordeon zur Tanzmusik der Dreißiger- und Vierzigerjahre. „Salto Mortale“, heißt das Programm, das passt irgendwie auch zu ihm. Ach ja, fast hätte er es vergessen, er vertont einen Stummfilm über die „Carmen von Sankt Pauli“. „Ein sensationeller Film“, sagt er; man muss dazu wohl anmerken, dass er recht gern „sensationell“ sagt. Das darf er aber, bei dem sensationellen Arbeitspensum. Er wird es verkraften, dass seine Geschichte über einen Barpianisten, die er immer schon mal schreiben wollte, wohl nie erscheinen wird. „Das ist nicht abendfüllend.“

Wann ihm das alles einfällt? „Das kommt dich besuchen“, sagt Tukur. Sein Geheimnis ist offensichtlich, dass er die Tür nie abschließt. „Ich möchte nicht abhängig werden, wenn mich das Theater nervt, kann ich einen Film machen oder Musik.“ Keine Frage, dieser Mann liebt seine Arbeit. Nur von Nazirollen hat Ulrich Tukur genug. „Ich habe seit den achtziger Jahren in mehr als einem Dutzend Filmen mitgespielt. Doch jetzt ist gut.“ Dann spielt er schon lieber einen Stasi-Offizier in dem Kinofilm „Das Leben der Anderen“: „Die DDR hat mich mehr fasziniert als der Bikini-Atoll. Ich lernte dort immer wieder zauberhafte Leute kennen – und dann der Abschied am Tränenpalast. Das war doch grotesk.“ Und plötzlich fällt ihm die Geschichte ein, die er eigentlich erzählen wollte.

Die von seinem Dreh in Hollywood, von Steven Soderbergh und seinem Film „Solaris“. Tukur will mitspielen, hat aber keine Zeit zum Vorsprechen und beschließt, mit seiner Freundin ein verrücktes Anti-Bewerbungsvideo zu drehen. Er singt seinen Solaris-Science-Fiction- Text im Licht einer Kerze, im Hintergrund sind Freuds Werke und ein Totenschädel zu sehen. Das Danze wird kritisch betrachtet von seinem Hund Benny. Was dann passiert, ist klar. Soderbergh ist begeistert – von Tukur und von seinem Hund. Tukur geht also doch nach Amerika und vertreibt sich in Übersee die Zeit auf seine Weise. „Ich war der europäische Hanswurst, hatte mein Akkordeon dabei. Das fanden die scharf, und für die Stimmung war es gut.“ Das glaubt man ihm sofort.

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