Medien : Der kleine Unterschied

Die öffentlich-rechtlichen und die privaten Programme gleichen sich immer mehr an – außer bei der politischen Information

Thomas Gehringer

Auch die deutschen Privatsender kennen offenbar eine Fünf-Prozent-Hürde. Noch nie in ihrer Geschichte haben RTL & Co. der Berichterstattung über harte politische Themen mehr als fünf Prozent ihres Programms gewidmet. Das behauptet jedenfalls der Potsdamer Medienforscher Hans-Jürgen Weiß, der am Mittwoch in Düsseldorf die Ergebnisse seiner Langzeitstudie vorstellte. Seit 1998 analysiert er im Auftrag der Landesmedienanstalten jeweils im Frühjahr und im Herbst eine Woche lang die Programme von acht Sendern, zuletzt im Oktober 2002, also nach der Bundestagswahl und vor dem Krieg im Irak. Die TV-Berichterstattung über den Golfkrieg soll jedoch Thema einer künftigen Sonderstudie sein.

Hans-Jürgen Weiß hält einen Vergleich zwischen Programmen privater und öffentlich-rechtlicher Anbieter, den „stereotypen Blick auf Systemgegensätze“, für nicht produktiv. Auch müssten die zu „Leerformeln“ verkommenen Begriffe „Information“ und „Unterhaltung“ mit Inhalten und konkreten Beispielen gefüllt sein, um überhaupt aussagefähig zu sein. Ist dies geschehen, lässt sich offenbar doch vergleichen: So bestehen laut Weiß zwischen dem Ersten Programm und dem ZDF auf der einen und den privaten Sendern auf der anderen Seite keine nennenswerten Unterschiede mehr – außer eben auf dem Feld der Nachrichten und der politischen Magazine.

In der „Berichterstattung über gesellschaftliche, kontroverse Themen“ haben die öffentlich-rechtlichen Programme im Langzeitvergleich ihren Vorsprung gewahrt. Bei ARD und ZDF bewege sich der Anteil, „je nach Ereigniskontext“, zwischen 15 und 20 Prozent der täglichen Sendezeit.

Insbesondere RTL und Sat 1 bevorzugen dagegen „Unterhaltungspublizistik“, also Human- Touch-Themen – vor allem in Boulevardmagazinen, Talkshows und Nachrichten. Das ZDF hat hier seine Angebote im Lauf der letzten Jahre erweitert und rangiert nun deutlicher vor der ARD und fast gleichauf mit Pro 7. Der ehemalige Kirch-Sender wiederum hat vor allem in das Gebiet der „Sachpublizistik“ (zum Beispiel durch „Galileo“) investiert. Auch Vox hat sich – zumindest quantitativ – zu einem ernsthaften Konkurrenten von ARD und ZDF entwickelt.

Einen relativ geringen Vorsprung besitzen die Öffentlich-Rechtlichen in der mit Beratung verknüpften „Lebensweltpublizistik“. Bei Filmen und Serien ist es in den letzten Jahren ebenfalls zu einer Annäherung gekommen, da die meisten Privatsender fiktionale Programme gekürzt haben.

Die Weiß-Studie soll die Landesmedienanstalten, die angesichts der Zuständigkeit für Lizenzen und Plätze in den Kabelnetzen durchaus über Druckmittel verfügen, auch auf Versäumnisse der Sender hinweisen. Immerhin sollen alle Vollprogramme Information, Bildung und Beratung zu einem „wesentlichen Teil des Gesamtprogramms“ machen. Da die politischen Informationsangebote eher gegen null als gegen fünf Prozent tendieren, befinden sich nach Ansicht von Hans-Jürgen Weiß „mit Ausnahme von RTL alle privaten Fernsehvollprogramme in einem kritischen Defizitsektor“.

Allerdings müssen die betroffenen Sender keine ernsten Konsequenzen befürchten. Die Landesmedienanstalten suchen allenfalls das Gespräch mit den betroffenen Sendern. Aber auch das zeigt angeblich Wirkung: So hat RTL 2, was zweifellos bemerkenswert ist, nach der letzten Weiß-Veröffentlichung eine politische Magazinsendung („Das Nachrichtenjournal“ am späten Sonntagabend) ins Leben gerufen.

Und Weiß hat auch bei Kabel 1 eine Art Sinneswandel notiert: weg von reißerischen Themen, hin zur Sachpublizistik. Dies hält er durchaus seiner Arbeit zugute: „Der Sachverhalt der Dauerbeobachtung ist schon im Bewusstsein der Macher verankert“, sagt Weiß.

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