Medien : Der Mensch als Faktor

Wenn eine TV-Runde über Arbeitslosigkeit spricht

Gabriele Bärtels

Die Wirtschaftsexperten Professor Bofinger und Professor Sinn lässt man im Fernsehen gern aufeinander los, weil sie sich so herrlich mit Zinsen und Kurven beharken, zum Beispiel zum Dauerbrenner „Arbeitslosigkeit und Depression“. Doch die Berliner-Phoenix-Runde mit Gaby Dietzen ist für drei Gäste konzipiert, also lädt die Redaktion noch einen Menschen dazu, der unter dem Thema leidet, das die Experten eher beruflich beschäftigt. Dieser Mensch hat ein Jahr von Sozialhilfe gelebt, und auch jetzt verdient er sein Geld als Freiberufler eher sporadisch. Wie es weitergehen soll, fragt er sich bei jedem Zähneputzen.

Ihm klopft das Herz, als er die namhaften Fachleute und Frau Dietzen in der Maske begrüßt, doch er denkt sich, dass er das, was er am Küchentisch feurig vortragen kann, hier wohl auch los wird. Zum Beispiel hat der Mensch das Gefühl, dass Politik und Wirtschaft ihn nur als statistische Größe wahrnehmen. Er will betonen, dass Hartz IV ein alltägliches Schicksal ist, in dem man viel zu Fuß laufen muss. Da kann man schon mal eine Depression und wenig Kauflust entwickeln. Sein persönliches Antidepressivum ist, lieber umsonst zu arbeiten als gar nicht, weil man schließlich nicht erst langweilig aus dem dunklen Keller kommen kann, wenn oben doch mal einer mit einem Auftrag klingelt.

Professor Bofinger stöhnt, dass er den Rest seines Lebens mit Journalisten verbringen könnte, nähme er jeden Interview-Antrag an. Neulich war er wieder beim Kanzler. Professor Sinn nimmt eine schwere Aktentasche auf den Schoß, nach der Sendung fliegt er nach Luxemburg. Beide suchen höflich den Blickkontakt mit dem Menschen, aber sie können sich schon hier kaum bremsen aufeinander loszugehen, denn sie haben vielfach referierte, kurvenreich nachweisbare, äußerst hochrechnerische, völlig unterschiedliche Visionen von der Heilung der deutschen Krankheit.

Frau Dietzen diskutiert viermal pro Woche mit solchen Gästen, und es ist ihr Job, Abstand zu wahren. Der Mensch wünscht sich trotzdem, dass sie etwas von ihm wissen wollte. Frau Dietzen will nicht. Der Mensch fremdelt.

Mit Mikrofon gespickt wandert man ins Aufnahmestudio, macht noch zwei Scherze, bis die Techniker fertig sind. Für alle ist es daily business, nur für den Mensch nicht. Er stört sich an der Holzverkleidung vor seinen Füßen. Als das Phoenix-Jingle erklingt, wähnt er sich einen Augenblick zu Hause vor der Glotze, doch diesmal ist er drin.

Sein schlagartig einsetzendes Blutrauschen übertönt die Einleitungsworte, die Gaby Dietzen in die Kamera spricht. Der Mensch erinnert sich gerade noch, wohin er gucken soll. Als die ersten Fragen an die Experten gehen, stellt er fest, dass die beiden sehr viele Zahlen auswendig kennen müssen. Sie laden sie quasi als Munition und schießen sie über den Tisch. Mehr als 25 Prozent Buchstaben enthalten ihre Schleudersätze nicht. Der Bürger kommt nur so vor: Er ist die Variable, die spart oder konsumiert.

Frau Dietzen wendet sich an den Menschen. Ihre Frage vergisst er so schnell, wie sie sie stellt. Sein Stuhl verschwimmt zu Lava, er rudert durch ein glühendes Meer und würde seinen sofortigen Untergang sehr begrüßen. Durch lodernde Wellen ruft er seine Botschaft, doch ihm ist nicht klar, was er davon wirklich ausspricht und ob in der richtigen Reihenfolge. Als er abbricht, geht das Gefecht der Experten in die zweite Runde.

Dem Menschen fällt ein, dass viele Arbeitslose rapide an dem Selbstbewusstsein verlieren, von dem die berufstätigen Dietzen, Sinn und Bofinger einiges haben, doch das scheint ein deplatzierter Gedanke zu sein. Er grinst blöde, während sich die Professoren mit Prozenten befeuern, wühlt in seiner Gehirn-Lava, ahnt, dass Frau Dietzen ihn wieder etwas gefragt hat, doch hat er geantwortet? Ihm wird klar, dass er sich lächerlich macht, und damit das nicht so weh tut, schaltet er sein Bewusstsein schon vor dem Ende der Sendung aus. Nach 43 Minuten gehen auch die anderen ab.

Der Mensch sieht sich die Sendung zu Hause nicht an, denn er fühlt schon, dass er den gelähmten Arbeitslosen par excellence dargestellt hat. Was die Experten raten, wurde ihm nicht klar. Was er tut, um sich selbst zu helfen, hat Frau Dietzen nicht gefragt. Von einer Aushilfskraft des Senders erhält er eine Dankes-Mail.

Die Autorin war am 14. April Gast der „Berliner Runde“ bei Phoenix.

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