Medien : Der Nicht-Sprecher

Wie aus der Stärke von Bushs Pressemann McClellan eine Schwäche wurde

Christoph von Marschall

Er war wohl das zweitbekannteste Gesicht dieser Regierung nach George W. Bush, jedenfalls in den USA. Jeden Tag und jeden Abend blickte Scott McClellan von den Bildschirmen in die Wohnungen der Amerikaner und erklärte die Politik des Präsidenten. Er war häufiger zu sehen als Vizepräsident Dick Cheney oder Außenministerin Condoleezza Rice.

Im besten Fall sind die Sprecher eine Brücke zwischen dem Weißen Haus und der Öffentlichkeit. Diese Brücke war seit Wochen einsturzgefährdet. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Informationsfluss, den Bushs Mannschaft über die Brücke Scott McClellan nach draußen schicken wollte, und dem Nachrichtenverkehr, den das White House Press Corps vom ihm erwartete, war einfach zu groß geworden. „The Un-Spokesman“ – der Nicht-Sprecher – steht über dem Artikel der „Washington Post“ zu den Hintergründen für seinen Abgang.

Die Ansichten, was einen guten Sprecher ausmacht, sind unterschiedlich – je nachdem, auf welcher Seite der Brücke man steht. Das Weiße Haus möchte, dass er die Agenda des Präsidenten in die Medien bringt und andere Themen in den Hintergrund drängt. Denn die lenken von der Botschaft ab. Die Journalisten wollen vom Sprecher Auskunft zu den Aspekten, die sie für die Nachricht des Tages halten. Natürlich wissen beide Seiten, dass sie voneinander leben und die gegensätzlichen Erwartungen in der Waage halten müssen. Der Ausgleich hatte in den jüngsten Wochen hörbar nicht mehr funktioniert. In der White House Press Conference, wo in der Regel ein freundlicher Umgangston herrscht und Witz oder Ironie mehr Eindruck machen als eine erhobene Stimme, war es zu hitzigen Wortwechseln gekommen. Ein Fernsehreporter schrie McClellan an, aus Frustration über dessen wortreiche Kunst, nicht auf den Kern der Frage zu antworten. Später entschuldigte er sich.

Das aktuelle Thema des Tages – Bushs Verwicklung in die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame – war nur der Anlass für den Wutausbruch. Aber er bot den Korrespondenten Gelegenheit, McClellan „zu grillen“ und ihm frühere Äußerungen vorzuhalten, die sich nun als unwahr erwiesen hatten. McClellan hatte, zum Beispiel, viele Monate zuvor gesagt, er sei sicher, dass Bushs politischer Berater Karl Rove nichts mit der Veröffentlichung des Namens der CIA- Agentin zu tun hatte. Doch Rove stand inzwischen mit im Zentrum einer strafrechtlichen Untersuchung des Vorgangs.

„Wir alle teilen eine kollektive Frustration: Du bekommst von diesen Typen einfach nicht die Antworten“, klagt der oberste White-House-Korrespondent des Sender NBC, David Gregory, jetzt über Bushs Sprecher Ari Fleischer und Scott McClellan. „Scott genoss hohes Ansehen im innersten Kreis (um Bush). Aber er vermied es, sich in irgendeinem Punkt weiter vorzuwagen, als es der Präsident wollte. Das setzte den Möglichkeiten des Weißen Hauses, die Themen zu setzen, Grenzen.“

Anders gesagt: Scott McClellans Stärke wurde am Ende zu seiner Schwäche. Er war ein guter Sprecher im Sinne des Weißen Hauses, hielt sich an die engen Vorgaben und brachte die Medien nicht durch eine zu offene Interpretation seiner Rolle auf unerwünschte Themen. Damit war er für die Korrespondenten jedoch ein schlechter Sprecher, weil sie sich nicht umfassend informiert fühlten und keine Hinweise unter der Hand bekamen. Darunter litt am Ende das Vertrauen der Medien in McClellan. Und damit sank wiederum sein Wert für das Weiße Haus. „Er konnte das Press Corps nicht mehr zähmen“, meint Sam Donaldson, langjähriger White-House-Korrespondent des Senders ABC. Und Ex-Pentagon-Sprecherin Torie Clarke, die nun selbst als mögliche nächste Präsidentensprecherin genannt wird, sagt: „Das Verhältnis im Briefing Room ist antagonistischer geworden.“

„Zwei bis drei Wochen“ wolle er den Job noch ausüben, bis ein Nachfolger gefunden sei, kündigte McClellan in seinem emotionsgeladenen Auftritt mit bisweilen zitternder Stimme am Mittwoch an. Woraufhin George W. Bush den Arm um seine Schultern legte und scherzte: „In ein paar Jahren werden wir beide im Schaukelstuhl in Texas wippen und über die gemeinsame Zeit reden.“

Washington spekuliert neben Torie Clarke über zwei Namen: Radiomoderator Tony Snow vom konservativen Network „Fox News“; er diente Vater Bush als Redenschreiber, hat kürzlich eine Darmkrebsoperation überstanden und sagte vor Monaten: Es sei eine Ehre,in Betracht zu kommen. Aber man müsse „Familie, Gehalt und Gesundheit“ abwägen. Und Dan Senor, ebenfalls vom Sender „Fox“, früher Sprecher der US-Zivilverwaltung im Irak. Er ist frisch verheiratet mit NBC-Moderatorin Campbell Brown.

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