Medien : "Der Schwächste fliegt": Darwinismus mit Domina

Kerstin Kohlenberg

Programmideen sind wie Heuschrecken. Einmal geboren, vermehren sie sich unter günstigen Umständen schlagartig, um dann über die saftigen Programmfelder herzufallen. Bis fast nichts mehr übrig ist.

Einige dieser Plagegeister heißen im Fachjargon Talk-Show und Daily-Talk, Comedy-Show und Reality-TV. Die jüngste Heuschrecke ist die Quiz-Show, die im Moment noch ganz harmlos zu sein scheint. "Quiz-Show", "Cash", "Millionenquiz", "Die Chance deines Lebens" und natürlich "Wer wird Millionär?" heißen die Sendungen. RTL nimmt mit den durchschnittlich elf Minuten Werbung während "Wer wird Millionär?" knapp drei Millionen Mark ein, und das drei Mal die Woche. Die Produktionskosten sind, verglichen etwa mit der Spielfilmproduktion, sehr niedrig. Billiger kann man im Fernsehen kein Geld verdienen.

Um das kollektive Abiturfieber der Deutschen nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, schickt RTL noch eine weitere Quizshow auf Sendung. "Der Schwächste fliegt!" mit Sonja Zietlow geht heute um 15 Uhr auf Sendung und wird montags bis freitags zu sehen sein. Der Lebensraum der Quizshows wird kleiner. Um im Heuschreckenschwarm aufzufallen, präsentiert sie sich härter als ihre Konkurrenten. Außerdem lässt sie eine fast totgeglaubte Idee wieder auftauchen. Aber dazu später.

Die Show: schwarz. Das Studio: schwarz, Zietlow: schwarz. Die neun Kandidaten stehen im Halbkreis um Zietlow herum. Die Moderatorin, bis vor kurzem noch bei der Konkurrenz Gastgeberin einer Talkshow am Nachmittag, schießt ihre Fragen auf die Kandidaten, denen nur ein paar Sekunden bleiben, um zu antworten. Multiple Choice ist etwas für Shows der Jauch-Generation. Mitraten vor dem Fernseher ist bei Zietlow nicht mehr gefragt. Die Zuschauer sollen auf eine voyeuristischere Art bei der Stange gehalten werden: Die Moderatorin ist zur Domina mutiert, die ihre Kandidaten mit strenger Miene bewacht und sich dabei vom Zuschauer beobachten lässt. Es geht nicht mehr um das Miteinander wie bei Jauch und auch nicht um das Gegeneinander wie bei "Cash". "Der Schwächste fliegt!" will Darwin spielen, und lässt die neun Mitspieler nach jeder Spielrunde den Schwächsten rauswählen. Möglich ist entweder die klassische Darwinnummer: Dann wählt man tatsächlich den Schwächsten. Immerhin geht es in den ersten Runden darum, so viele richtige Antworten wie möglich zu geben. Oder aber man entscheidet sich für die moderne Variante: Dann kippt man den stärksten Mitspieler, gegen den man in der Endrunde keine Chance hätte. Das Resultat: Die Mittelmäßigkeit gewinnt.

Das ist die eine Dimension des Spieles, die volksnahe. Die andere hat etwas kriminalistisches. Denn eine Chance hat natürlich auch der, der seine Mitspieler auf die falsche Fährte führt. Sich doof stellen und in der richtigen Sekunde die Knarre ziehen, auch so kommt man ans Ziel. Bei Zietlow bekommt man dafür maximal 50 000 Mark. Auf die Frage, warum der eine den anderen Kandidaten rausgewählt hat, will Domina Zietlow Antworten hören wie: "Ich kann sein gelbes T-Shirt einfach nicht mehr sehen", oder "Die denkt so langsam, dass die Zeit ja zum Duschen reicht."

Und hier taucht nun auch die totgeglaubte Idee wieder auf. Der Hinausgewählte wird nämlich in einen separaten Raum geführt, um dort, für die anderen Kandidaten nicht hörbar, einen Kommentar zum Spielverlauf abzugeben. RTL will Emotionen sehen. Reality-TV meets Quiz-Show.

Die Show kommt aus England, von wo schon das Vorbild für "Wer wird Millionär" herkam. "Der Schwächste fliegt!" heißt dort "The Weakest Link" (Das schwächste Glied), und die Moderatorin tritt als eine Art Fräulein Rottenmeier auf, hochgeschlossen, und verzieht nicht ein einziges Mal die Miene. Ganz so streng will Sonja Zietlow nicht rüberkommen. "Ich werde wohl auch mal einen Rock, oder einen tieferen Ausschnitt tragen. Ich bin ja jung, groß und schlank. Und auch die Augenbraue werde ich wohl mal hoch ziehen." Zietlow teilt die Kandidaten, von denen sie glaubt, dass sie in die Show kommen, in drei Gruppen: Die, die es mit ihr aufnehmen wollen, die, die glauben, alles zu wissen, und jene, die es genießen, gedemütigt zu werden.

Hoffentlich verwandelt sich der harmlose Grashüpfer Quizshow dabei nicht in eine gefräßige Heuschrecke, die das saftige Programmfeld leerfrist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar