Medien : Der Soft-Schocker

Erst Sex-Rapper, jetzt „Popstars“: Sido castet auf ProSieben eine Mädchenband

Sonja Pohlmann

Wie kann ein Rapper noch schocken, der mit verchromter Totenkopfmaske auftrat und in seinen Liedern von Analverkehr und Drogen schwärmte – er setzt sich in eine Jury, um zur Prime-Time eine Mädchenband zu casten. Sido, dessen Künstlername für „superintelligentes Drogenopfer“ steht, bürgerlich aber Paul Würdig heißt, ist Jury-Mitglied der neuen „Popstars“-Staffel, die heute startet. Eltern und der Deutsche Kinderschutzbund sind empört, Sidos Fans skeptisch, seine Rap-Kollegen machen sich lustig und ProSieben hofft auf hohe Einschaltquoten.

Acht Jahre nachdem mit den „No Angels“ die erste „Popstars“-Band gecastet wurde, braucht das Format wieder einen neuen Kick. Zwar war auch die vergangene Staffel mit einem Marktanteil von 14,7 Prozent und einer durchschnittlichen Quote von 1,68 Millionen Zuschauern pro Folge erfolgreich. Doch einen Sprüche-Klopfer wie RTL ihn mit Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“ hat, konnte der Münchner Sender bisher nicht vorweisen. Deshalb wurde jetzt Sido engagiert. „Ich soll der frische Wind in der Sendung sein“, sagt Sido, der Casting-Bands eigentlich „nervig“ findet, trotzdem aber auf seine neue Karriere als „Popstars“-Macher brennt. Denn sein Rap-Ding ist ihm zu langweilig geworden, so sagt er es selbst.

Erst im Mai war mit „Ich & meine Maske“ die dritte Platte des Berliner Rappers erschienen, der mit seinem Song „Mein Block“ über die angeblich katastrophalen Zustände im Stadtteil Märkisches Viertel bekannt wurde und Jugendschützer mit dem „Arschficksong“ in Aufregung versetzte. Jetzt sucht Sido eine neue Herausforderung. „Als ProSieben fragte, hab’ ich sofort zugesagt. Ich gucke nach jeder neuen Sache, die mir Spaß bringt“, sagt Sido. „Was das für mein Image bedeutet, ist mir dabei total egal. Ich scheiß’ auf die Street-Credibility.“

Eigentlich eine ungewöhnliche Haltung für viele in der Rap-Szene, wo es oft darum geht, mit harten Texten und entsprechendem Auftreten seinen Ruf zu verteidigen, kein „Opfer“ zu sein und zu beweisen, „dicke Eier statt Rosinen in der Hose zu haben“, wie es Sidos Konkurrent Bushido neulich einforderte. Aber für die beiden Rapper, die es mit ihrer Musik von der Straße in die Charts geschafft haben, geht es vor allem auch um eines: Platten zu verkaufen. Sidos Label Aggroberlin hat sich kürzlich mit Universal zusammengetan, um ein noch größeres Publikum zu erreichen. In seiner neuen Single gab sich der Rapper bewusst soft, kinderlieb und massentauglich. Und genauso erschließt ihm jetzt ein Auftritt in der „Popstars“-Jury Käuferschichten, die ihn vorher nicht kannten und nach zwei, drei coolen Sprüchen vielleicht Lust bekommen, seine Platten zu kaufen. So ist es zu verschmerzen, wenn sich enttäuschte Fans abwenden. Sidos neuer Karriereschritt ist deshalb wohl nicht nur ein Versuch, sich weniger zu langweilen – sondern sich in erster Linie noch stärker als Marke zu etablieren.

Und ProSieben freut sich über den Coup, der so viel Aufmerksamkeit verspricht. Damit die Mischung stimmt, hat der Sender an Sidos Seite die harmlose Sängerin Loona gesetzt, die mit „Bailando“ vor zehn Jahren einen Hit landete, der noch heute in Dorfdiskotheken rauf- und runtergedudelt wird. Und natürlich Detlef „D!“ Soost, den Tanztrainer mit der rauen Schale und dem weichen Kern, der seit der ersten Staffel mit dabei ist. „Just 4 Girls“ ist dieses Mal das Motto, Vier die magisch Zahl: In vier Städten werden jeweils vier Mädchen gecastet, die mit zum Workshop nach Ägypten dürfen. Vier von ihnen werden dann die neue „Popstars“-Band sein – und hoffen, so viel Erfolg zu haben wie die „No Angels“, die erste „Popstars“-Band. Keiner ihrer Nachfolger konnte bisher daran anknüpfen. „Room 2012“ und „Overground“ schienen sofort nach dem Finale in der Versenkung zu verschwinden, „Bro’Sis“ und „Monrose“ hatten zwar ein wenig länger Erfolg in den Charts – doch dass der Traum vom Popstar doch nicht leicht zu erfüllen ist, scheint durchzusickern. Über 10 000 Kandidaten hatten sich bei der letzten Staffel beworben, dieses Mal nur knapp 3000 – was wohl nicht alleine daran liegt, dass nur Mädchen gesucht wurden.

Wie schnell eine „Popstars“-Karriere vorbei sein kann, weiß Sido selbst. Seine Freundin Doreen Steinert hatte es 2004 in die Band „Nu Pagadi“ geschafft. Schon ein Jahr später gab es die Gruppe nicht mehr. Doreen singt jetzt auf Sidos Platte. Eine Chance, auf die die anderen Bewerberinnen kaum hoffen dürfen. Der Rapper setzt deshalb gleich auf Ehrlichkeit: „Wenn eine nicht singen kann, dann sage ich ihr das sofort.“ Tränen werden fließen.

„Popstars – Just 4 Girls“, ProSieben, 20 Uhr 15

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