Medien : Desaster-Lawine

Melodram und Krimi zugleich: Der ARD-Film „Mutterglück“ zerstört und rettet Illusionen

Barbara Sichtermann

Bauer Thiele ist kein Aufreißer, und er sieht täglich mehr Rindviecher als Menschen. Frauen trifft er selten. Also besinnt er sich nicht lange, als Ana ihm entgegenkommt, die schöne Schweigsame aus Ex-Jugoslawien, Mutter eines kleinen Jungen. Der Film beginnt mit der stillen Hochzeit. Ana will kein Fest und kein Aufsehen, und Bauer Thiele tut, wie stets, was sie sagt.

Diese „Nie-sollst-du-mich-befragen“- Geschichte hebt an mit einer Illusion von Glück. Doch wenn der Bauer (Jürgen Vogel) verlangend und sorgenvoll zu seiner Frau herüberäugt, und sie, die zarte Ana (Viktorija Malektorovych), den Kopf zur Seite dreht, dann ahnt man gleich: Da stimmt was nicht. Der Mann weiß fast nichts von dieser Frau. Und wie wenig sie von ihm wissen will, das zeigt sie deutlich, auch wenn er es zu übersehen versucht. Er ist ein Mensch von dieser Welt: bodenständig, gutwillig, überfordert. Sie erscheint wie eine Abgesandte aus einer fremden Welt, ein feenhafter Alien, eine Zauberin, deren Macht spürbar, aber nicht erklärbar ist. Man fürchtet sofort um den allzu demütigen Liebhaber, der seine Frau vielleicht auch deshalb nicht befragt, weil er sich seine Illusion von Glück bewahren will.

Regisseur Christian Görlitz hat gemeinsam mit Edeltraut Ralitzer auch das Buch für „Mutterglück“ geschrieben. Er und seine Koautorin sind sehr weit gegangen. Die Lawine von Desastern, die nach der Hochzeit losbricht, ist ungeheuerlich, und sie verlangt vom Zuschauer eine starke Bereitschaft, mit den Figuren auf dem Bildschirm immer neue harte Prüfungen durchzustehen. Doch die raffinierte Verschränkung von Melodram und Krimi sowie die nicht nur menschliche, sondern auch kriminologische Spannung, die Görlitz aufzubauen versteht, hält den Film zusammen und den Zuschauer bei der Stange. Man muss einfach wissen, wie das alles zusammenhängt und bekommt auch genug Hinweise, um sich seine eigene Theorie zurechtzulegen, die dann vom Fortgang der Handlung bestätigt oder widerlegt wird, wie Krimifreunde es gewohnt sind und gern haben.

Ana hat während des Bürgerkriegs auf dem Balkan Schlimmes durchgemacht. Was sie erzählt: Brand des Hauses, Tod des ersten Mannes und einer kleinen Tochter, ist zwar gelogen, aber was sie stattdessen erlitten hat, war noch viel schlimmer. Den deutlichsten Hinweis gibt der Titel des Films. Das Glück, Mutter zu sein, kann zur Illusion werden, wenn der Akt der Empfängnis ein Verbrechen war. Ana demütigt ihren Mann durch ihre Lügen und ihre noch radikaleren Attacken auf seine körperliche Unversehrtheit. Sie tut all dies, weil sie selbst am allertiefsten gedemütigt wurde. Die Fremde, aus der sie kommt, ist die bewusstlose Gewalt des Krieges, und ihre Mission ist es, von dieser Gewalt in dem friedlichen Dorf des Bauern Thiele zu künden. Nicht mit Worten, mit Taten. Und ihr Mann, der ihretwegen durch die Hölle geht, versteht und schützt sie bis zum Schluss. Er, der so viel, der zu viel hinnimmt, ist am Ende der moralische Sieger. Mit großer Klarheit, als wahren passiven Helden, spielt Jürgen Vogel den treuen Thiele.

Der den Film tragende Charakter aber ist Ana in der Verkörperung durch die ukrainische Schauspielerin Viktorija Malektorovych. In ihrem Gesicht steht von der ersten Einstellung an die Tragödie geschrieben, deren Hergang den Zuschauer interessiert und in die er Szene für Szene ein wenig mehr Einblick erhält. Anders als Thiele will der Zuschauer ja alles wissen, und er bekommt zusätzlich zur Wahrheit noch die Vision eines halbwegs glücklichen Ausgangs.

„Mutterglück“; Mittwoch, 20 Uhr 15, ARD

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben