Medien : Deutschland, einig Fernsehland

Vom „TV-Duell“ zur Arbeitsagentur in Winsen/Luhe: Bernd Gäblers gesammelte Impressionen vom Wahlkampf-TV

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Ist das schon Überdruss oder doch nur der Rückgang auf das übliche Maß einer Politiksendung? Nur 5,95 Millionen Zuschauer, also nicht einmal ein Drittel der Beobachter des MediaSuper-Mega-Hypes „TV-Duell“, mochten wenige Tage vor dem Urnengang auch noch die Runde der Partei-„Elefanten“ am Montag im Ersten anschauen.

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Begonnen hatte der Fernsehwahlkampf lustig. Gerade war am 22. August der „Tagesthemen“-Bericht über den diesmal seriös angelegten FDP-Wahlkampf zu Ende, da tänzelt auf einem anderen Kanal auch schon Guido Westerwelle bei Stefan Raab die Showtreppe herunter. Dieser fragt allerdings so brav, als beherzige er die FDP-Richtlinie.

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Weil der Wahlkampf kurz war, bot er uns dicht gedrängt eine bunte Fülle von Fernsehformaten. Das meiste war Reden. Allüberall dieselben Gesichter der wenigen Spitzenpolitiker in wechselnden Konstellationen. Obwohl das Fernsehen bemüht ist, jede menschliche Zwiesprache zum „Duell“ zu dramatisieren, geht es zunächst schleppend los: Ost-Verwahrlosung, Stoiber über Frustrierte, Lafontaines Genießerleben werden reichlich medial bespiegelt, berühren die Wähler aber kaum innig. Maybrit Illners nächtliche Ressort-„Duelle“ mutieren da gelegentlich sogar zu recht sachlichen Fachkontroversen. Ludwig Stiegler, der rote Pullunder der SPD, hat Gregor Gysi viele Sprüche, aber wenig Substanz entgegenzusetzen. Man merkt: „New Labour“ ist die Stiegler-SPD nicht. Mit Gysi kommen zunächst viele nicht zurecht. Auf Phoenix lassen sich ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann und der ehemalige „Bayernkurier“-Journalist und aktuelle Co-Programmgeschäftsführer Christoph Minnhoff von ihm vorführen. Die neue Linkspartei/PDS erstarkt.

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Überhaupt versagt beim Reden und Befragen immer wieder das Chefredakteursfernsehen. Warum zum Beispiel ist keiner in der Lage, Joschka Fischer ein ernsthaftes, in der Sache forderndes Gespräch über Außenpolitik abzuverlangen? Da bleibt Fischer unhinterfragt Buddha und König. Und wenn der Kanzler persönlich ins Dritte kommt, wird sogar BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb handzahm. Allmählich wird es zum angenehmsten Vorteil des ZDF-„Heute-Journals“ gegenüber den „Tagesthemen“, dass der tägliche Kommentar entfällt.

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Die wichtigsten Wahlkampf-Journalisten werden so wiederum Sabine Christiansen und Maybrit Illner. Kanzler und Kandidatin haben dort ihre Soli – beiden fällt es in der ARD etwas leichter. Bei Illner müht sich Angela Merkel, gelöster zu wirken. Sie lacht viel – oft an der falschen Stelle. Dennoch wird dies der Auftakt zum eigentlichen Sprechen, auch weil die knappe redaktionelle Themenaufbereitung gelungen ist. In der „Berliner Runde“ des ZDF setzt sich dies fort, Konturen eines tatsächlichen „Richtungswahlkampfs“ werden deutlich. Seinen Höhepunkt an Profilschärfe gewinnt er bei Sabine Christiansen, wo zwei Außenseiter, Friedrich Merz und Oskar Lafontaine, die tatsächlichen Richtungsfragen, vor denen unsere Gesellschaft steht, in klugem Streit und offenem Dialog austragen. Auch als Joschka Fischer Wolfgang Gerhardt später an gleichem Ort einen kurzen außenpolitischen Lehrgang verpasst, stört die Moderatorin nicht weiter. Anders Maybrit Illner, bei der die Kontroverse zwischen Paul Kirchhof und Hans Eichel unsortiert bleibt. Es verhaken sich ineinander: Steuerphilosoph und Pfennigfuchser; Elfenbeinturm und Graf Zahl.

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Bei beiden, Illner und Christiansen, wirkt Gerhard Schröder dagegen insbesondere als Solist gewinnend. Er gibt sich als zwar besorgter, aber dennoch strahlender Staatsmann. Im „Wahlarena“ genannten „Townhall-Meeting“ wendet er sich direkt an das repräsentativ ausgesuchte Wahlvolk, verrät vom Wohngeld bis zum Adoptionsrecht für Schwule – das er ablehnt – unglaubliche Detailkenntnis, schwafelt kaum. Die SPD spielt keine Rolle. Angela Merkel befragen die Wähler im selben Format so wie Mittelständler mit ihrem Steuerberater sprechen: Sie wollen alles auf Heller und Cent berechnet haben. Kaum als Staatsbürger, sondern mit dem Portemonnaie in der Hand treten die Wähler der möglichen Kanzlerin gegenüber. Da allerdings war Professor Kirchhof auch schon von der Geheimwaffe zum Risikofaktor geworden. Und endlich erfahren wir etwas über die Realität insbesondere in Betrieben mit Schichtarbeit: Längst sind die Nebenkosten vom Lohn entkoppelt, denn schmale Gehälter werden kompensiert durch üppigere Zuschläge, die eben nicht nur steuer-, sondern auch abgabenfrei sind.

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Solche Realitätsnähe ist selten. Viel zu oft treten schlechte Politologie, Parteitaktik und Koalitionskalkül an die Stelle von Wahrheiten aus Betrieben, Schulen und Hochschulen.

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Auch der zu solcher Basisnähe wie zum Seriösen unbedingt entschlossene Peter Kloeppel (RTL) trug diesmal – außer einer Handy-Cam – wenig Eigenes bei. Eine Bimmelbahnfahrt mit Claudia Roth auf Rügen, die Frage an den Helikopterpiloten, ob er mit dem Kanzler an Bord vorsichtiger fliege – so menschelte er rastlos dahin. Relevanz war hier nicht zu Hause.

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Der Brückenschlag von populär zu politisch gelingt Frank Plasberg normalerweise bei „Hart aber fair“. Im Wahlkampf wollte er nicht der elfte der zehn Tenöre sein. Hätte er sich nur daran gehalten. In der Verkleidung eines „Wahlchecks“ konnte „Hart aber fair“ zwar alte Einspielfilme recyceln, wirkte aber durch Parteiproporz gebremst.

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Nervig war das permanente Auftreten des Ex-Berater-Duos Matthias Machnig und Michael H. Spreng, der lange Jahre ein ordentlicher Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ war, aber 2002 Edmund Stoiber nicht über die Hürde zu hieven vermochte. Der eine ist und bleibt treuer Parteisoldat, der andere hatte das Bedürfnis, dem bayerischen Ministerpräsidenten noch ex post in die Kniekehlen zu treten. Für beide gilt: Sie würden nichts sagen, hätten sie noch etwas zu sagen.

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Früher wohnte Guido Westerwelle in jeder Talkshow. Diesmal war einer omnipräsent, der wirklich alles weiß, mit Sicherheit der beste Kanzler wäre, stets mit äußerstem Engagement nur für die Sache streitet – und wahrscheinlich auch der einzige Berliner Journalist ist, der nicht durch Duzen und Machtnähe bestochen ist. Als er Angela Merkel, die mit „systemsprengender Kreativität“ endlich „Fantasie an die Macht“ bringe, zur Angela Davis der Jetzt-Zeit umdeutete, titelten seine „Stern“-Kollegen: „Glotze aus!“ Davon unbeirrt erschien Hans-Ulrich Jörges am 6. September auch noch bei Johannes B. Kerner.

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Uninspiriert und langweilig wie selten war die Wahlwerbung der Parteien. Fehlte den Agenturen schlicht die Zeit? Sämtliche Wahlspots waren überflüssig.

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Stark ist das Bilder- und Emotions-Medium stets, wenn es darauf ankommt, wie etwas gesagt wird. Das Selbstbewusstsein von Schröder und Fischer zeigt es ebenso plastisch wie den Kampfesmut der Herausforderin, die Rollenunsicherheit eines bemüht ernsthaften Westerwelle oder die dann doch eintretende Marginalisierung Gysis. In den obligatorischen Porträtfilmen über die Kandidaten wurde der verklemmte Vertrauensbeweis zwischen Angela Merkel und Edmund Stoiber ein optischer Höhepunkt, Stefan Lambys „Die Welt des Joschka Fischer“ hatte die beste Musik und Wolfgang Herles bewies, dass es sogar noch gut getextete Filme gibt.

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Vor allem aber regte der Wahlkampf gute Autoren zu gelegentlichen Exkursionen in die Wirklichkeit an. Diese Filme sind wahrscheinlich wenig entscheidend und auch kaum quotenstark, aber der von Spiegel-TV inspirierte Deutschland-Dreiteiler des ZDF oder die instruktiven ersten Folgen der „Deutschlandreise“ in der ARD zeigten, welche dokumentarische Kraft das Fernsehen entwickeln kann. Zu einem aufschlussreichen, mehr erstaunten als polemisierenden Höhepunkt wurde dabei Rita Knobel-Ulrichs Mentalitätsstudie „Arbeit – nein danke!“ über die Arbeitsagentur in Winsen/Luhe. Jetzt müssten die Redaktionen noch einsehen, dass es nicht nur Ränder, sondern auch eine Mitte der Gesellschaft gibt, die so lohnenswert unter die Lupe genommen werden kann.

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Als Bezugspunkt für die Meinungsbildung wurden im alles überragenden „TV-Duell“ erwähnt: Deutschlandfunk, „Süddeutsche“, „Die Zeit“ und auch der Tagesspiegel – für wie viele der knapp 21 Millionen Zuschauer war das wohl Neuland?

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