Medien : Die andere Seite des Spiegels

Gerhard Mauz ist tot. Wie kein anderer Journalist gestaltete er die Justizgeschichte der Bundesrepublik mit

Hans Leyendecker

Die Lage der Journalisten, die sich mit der Justiz befassen, hat der Gerichtsreporter Gerhard Mauz mal mit einem Sprichwort beschrieben: „Aller Anfang ist schwer. Nur nicht beim Steinesammeln.“ Was „zunächst leicht erscheint, wird von Tag zu Tag schwerer. Endlich ist es eine fast unerträgliche Last.“

Das Sprichwort aus Dithmarschen war für den 77-Jährigen, der am Abend des 14. August friedvoll eingeschlafen ist, ein Stück Lebensbilanz. Die Last ist ihm manchmal sehr schwer geworden.

Als Mauz starb, galt er längst als Legende, was ihm sehr missfiel, aber auch ein bisschen gefiel: Der bedeutendste deutsche Gerichtsberichterstatter der letzten 75 Jahre, eine der besten Federn der Republik, ein Journalist, der sich über Missstände aufregte und dessen Empörung nicht gespielt war, wie es in der Branche üblich ist. Vor einem guten Jahrzehnt noch war sein Name sogar ein anderes Wort für den großen „Spiegel“. Wer nicht Augstein sagte, sagte Mauz.

1990, als der Gerichtsreporter 65 Jahre alt geworden war, wurde er vom „Spiegel“ offiziell mit einem Festakt im Hamburger Hotel Atlantik verabschiedet und der Herausgeber des Blattes, Rudolf Augstein, war an diesem Abend sehr freundlich: Anders als er, Augstein, habe Mauz „einen eigenen Sound für seine Geschichten“ erfunden, sagte Augstein, und er meinte das durchaus freundlich konkurrierend. Mauz habe für die politische Kultur etwas geleistet, „was ich nicht vergleichen könnte mit irgendeinem in diesem Lande“ – Augstein eingeschlossen?

Mauz dankte mit dem Hinweis, dass er Augsteins „langjährig Unterworfener, Untergebener, ergebenst untergebener Mitarbeiter“ gewesen sei und erzählte, was er gerne bei solchen Gelegenheiten machte, eine Anekdote: „Gelegentlich“ habe er sich erinnert gefühlt, an die Frau des Nobelpreisträgers, der am Abend der Preisverleihung der schwedische König beim Tanz zuraunte: „Es muss ein Glück sein, sein Leben zu teilen.“ Und die Gattin habe zur Antwort gegeben: „Majestät, er ist unerträglich.“ Nach dem Tod von Augstein vorigen November hat der alte Mauz vor „Spiegel“-Mitarbeitern gesagt: „Wir haben zu ihm gehört und versucht, uns dessen würdig zu erweisen, was er uns an Vertrauen entgegengebracht hat.“ So unterwürfig ist er eigentlich nie gewesen.

Augstein war der Gigant des Journalismus. „Ohne ihn wären wir andere geworden“ hat Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der „FAZ“, mal geschrieben. Mauz hat mit seinen Reportagen und Anmerkungen immerhin die Rechts- und Justizgeschichte der Bundesrepublik mitgestaltet. Dass er auf seine alten Tage im Tagesspiegel Kolumnen schrieb, hat die Zeitung durchaus geschmückt. Über den einen, Augstein, werden noch viele Bücher geschrieben. Über den anderen, Mauz, steht bei Munzinger nichts, obwohl dort ein Dieter Bohlen Ausleger findet. Sechs Seiten werden dem Pop-Produzenten und Sänger gewidmet.

Mauz wurde am 29. November 1925 in Tübingen als Sohn des Psychiaters Friedrich Mauz geboren. Er studierte Psychologie, Philosophie, Psychopathologie und interessierte sich auch für das Strafrecht. Mit dem Vater und dessen Wirken im Dritten Reich als Ordinarius in Königsberg hat er sich oft und intensiv beschäftigt.

Im Studium versuchte sich Gerhard Mauz bereits als freier Journalist. Er arbeitete dann als Lektor beim Fischer-Verlag, schrieb für die „Welt“, wurde von Hans Zehrer gefördert, bevor er am 1. Mai 1964 beim „Spiegel“ anfing.

Er konnte schreiben, wie nur wenige schreiben können, ohne Schnörkel, ohne Wichtigtuerei: „Eva und Karl-Hermann Schmidt, 53 und 56 Jahre alt, haben lebenslang. Ihnen ist ihr Sohn, der Medizinstudent Frank Schmidt, im Alter von 23 Jahren getötet worden. Bis zu ihrem Tod werden sie im Schatten dieses Verlustes leben“, so begann eine Geschichte über eine Familie, deren Sohn getötet worden war.

Er war auf der Seite der Opfer, was auch manchmal die Täter einschließen konnte. Immer wieder ist er mit dem Journalisten Paul Schlesinger, der sich Sling nannte, dem großen Gerichtsreporter der Weimarer Republik, verglichen worden, und er hat nicht wirklich darunter gelitten. Auch Sling hatte eine sehr direkte Schreibe und ging, ähnlich wie Mauz, mit der Justiz ins Gericht. Zwei Seelenverwandte: Eine Sammlung mit Slings Geschichten erschien in den zwanziger Jahren im Ullstein-Verlag: „Richter und Gerichtete“. Eine Sammlung von Mauz erschien 1968 bei Ullstein: „Die Gerechten und die Gerichteten“. Mauz rief „zur Solidarität vor und in der Schuld“ auf. Der Sache, an die er glaubte, diente er als tyrannischer Diener. Viele Journalisten und viele Juristen haben ihren Weg in den Beruf gefunden, weil es ihn gab. Kann ein Schreiber mehr erreichen?

Hans Leyendecker war lange Jahre Weggefährte von Gerhard Mauz beim „Spiegel“. Heute ist er leitender politischer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“.

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