Medien : Die edelste Feder

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Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Henri Nannen, weiland der Herr vom „Stern“, den Egon-Erwin-Kisch-Preis erfunden hat, weil es ihn ärgerte, dass in Deutschland „Seriosität und Langeweile nahezu Synonyme sind. Deshalb gelten bei uns ja auch der politische Analytiker und der Leitartikler mehr als der Reporter.“ Den wollte Nannen ermutigen. Hat er das geschafft? Im Prinzip ja. Damals fand Nannen schon in Schülerzeitschriften lauter erhobene Zeigefinger, wenn nicht gar erhobene Fäuste. Das ist nicht mehr so, auch weil die dazugehörigen Ideologien pleite sind, aber nicht nur deshalb. Es gibt wieder mehr Journalisten, besonders junge, die Spaß am Erzählen haben; die auch wieder ein Gespür dafür haben, dass nichts verblüffender ist als die Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts fantasievoller als die Sachlichkeit – um es mit Kisch zu sagen.

Natürlich verändert sich die Reportage, wird sich weiter verändern, denn es gibt immer neue Herausforderungen: von den elektronischen Medien über den „Häppchenjournalismus“ bis zu „Borderline“ und ähnlichem Unfug. Die gedruckte Reportage wäre wohl gar nicht mehr am Leben, wenn die Reporter bloß bejammert hätten, dass das Fernsehen mit seinem „instant reporting“ und seiner optischen Allgegenwart ihnen den Reiz der Augenzeugenschaft weitgehend weggenommen hat.

Statt dessen haben sie sich auf ihre Fähigkeit besonnen, eine Geschichte so zu erzählen, wie sie das Fernsehen eben nicht erzählen kann – im Zusammenhang zum Beispiel.

Nun hat dieser Tage der ehrenwerte Kollege Wolfgang Büscher in der „Welt“ behauptet, die Reportage sei „verkommen“, sei „Massenware“ geworden: „diese szenischen Anfänge, die um die Ecke gefeatured kommen wie Hütchenspieler und deren Versprechungen genauso viel wert sind…“ Gewiss, solchen Schrott hat es immer gegeben, wird es weiter geben. Aber er ist so wenig „die Reportage“, wie der szenische Anfang deren erstes Kriterium ist.

Natürlich gibt es Kriterien zur Definition der Reportage. Die kann man in Handbüchern nachlesen. Aber in Wahrheit ist eine „journalistische Kunstform“ (Kisch), die an der Grenze zur Literatur angesiedelt ist und diese häufig überschreitet, nur individuell, also über den Autor, zu definieren. Sie ist formal gar nicht existent ohne die individuelle Entscheidung des Autors, wie er uns seine Geschichte erzählen will. Manchmal gelingt ihm das, manchmal nicht.

Der Kisch-Preis steht von Anbeginn, und heute mehr denn je, unter der verschärften Observanz der Kollegen. Das ist in Anbetracht der karrierefördernden Wirkung des Preises gut zu verstehen. Gelegentlich ist die Jury auch nach Strich und Faden durch den Kakao gezogen worden, ebenfalls von Journalisten natürlich – von solchen, die einen klangvollen n und trotzdem null Chancen haben, diesen Preis zu gewinnen, aber manchmal auch von Preisträgern. Ich war schon vor 25 Jahren in dieser Jury und habe solche Attacken immer genossen, denn die branchen übliche Bösartigkeit, mit der Journalisten übereinander reden, ist doch recht kreativ und oft auch amüsant.

Besonders gern wird gefragt, wie es denn geschehen konnte, dass manche Reporter mehrfach ausgezeichnet wurden (und mit ihnen immer wieder dieselben Gazetten).

Die Unterstellung, die in der Frage mitschwingt, ist leicht zu widerlegen. Die Kisch- Jury will die drei besten Reportagen des Jahres finden, nichts sonst. Das setzt natürlich voraus, dass sie ihr vorliegen. Einreichen kann jeder Reporter seine Arbeiten selber. Aber die Zahl der Preiswürdigen ist nicht groß, und wer sich einmal an die Spitze geschrieben hat, bleibt dort meist ein paar Jahre, hat also immer wieder die Chance, eines der drei besten Stücke des Jahres zu schreiben.

Gefunden werden können diese Reportagen nicht nach einem bestimmten Reglement, schon gar nicht unter taktischen Aspekten. Eine so subjektive, zugleich dem Zeitgeist und der Literatur verpflichtete Form wie die Reportage lässt sich nicht ausrechnen, etwa nach einem Punktesystem. Sie kann nur erkannt werden im Dialog kritischer Köpfe, die bewiesen haben, dass sie wissen, wovon sie reden, und also ein Recht haben auf ihr subjektives Urteil – ob andere Kritiker das nun nachvollziehen können oder nicht.

Und wie jetzt weiter? Was den Kisch-Preis in seinem 25. Jahr angeht, würde ich sagen: „Same procedure as every year". Die Reportage ist keine aussterbende Art.

Sie ist noch nicht mal ernstlich gefährdet. Das hat Nannen, als er diesen Preis erfand, auch nicht behauptet. Er hat von Ermutigung gesprochen. Und die wird der Reporter, der Geschichtenerzähler immer brauchen.

Soll die Reportage, wenn sie „etwas für sich selbst tun will“, um noch einmal Büscher zu zitieren, wirklich „ein Moratorium über sich verhängen, eine Art Ehrenkodex“? Braucht sie wirklich eine Auszeit? Ich glaube nicht.

Aber ich weiß: Wenn wir Journalisten aufhören, unseren Lesern Geschichten zu erzählen, dann können wir den Beruf an den Nagel hängen. Dann stehen wir bald nicht nur ohne Anzeigen da, sondern ohne Leser.

Der Autor Hermann Schreiber war von 1964 bis 1979 „Spiegel"-Reporter, danach „Geo“-Chefredakteur.

Der Kisch-Jury gehört er seit 1977 an.

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