Medien : Die Eine-Milliarde-Euro-Liga

Was ist der Fußball dem Fernsehen wert? Die ARD-„Sportschau“ startet in die neue Saison. Es könnte ihre letzte um 18 Uhr 10 sein

Markus Ehrenberg[André Görke],Joach

Wenn morgen Abend Gerhard Delling in der ARD um 18 Uhr 10 in der runderneuerten „Sportschau“-Kulisse sechs Millionen Fußballfans begrüßt, sollte man es sich vorm Fernseher noch mal gemütlich machen. Denn der frühe „Sportschau“Start in die neue Bundesliga-Saison könnte der letzte seiner Art sein. Grund: die bald startenden Verhandlungen über die Bundesliga-Übertragungsrechte ab der Saison 2006/2007. Einige Vorzeichen deuten darauf hin, dass Millionen Fans vor dem Bildschirm – mit dem Ergebnis dieser Verhandlungen – ihre Sehgewohnheiten in der nächsten Bundesliga-Saison grundlegend ändern müssen.

Mit der vertrauten Aufteilung der Spiele zumindest dürfte es mit dem Auslaufen der TV-Verträge im Sommer 2006 vorbei sein. Die Vereine fordern mehr Geld von den TV-Sendern. Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge will jährlich 500 Millionen Euro mit Beginn der Saison 2006/07. Groß ist der Druck der Vereine, die höhere Fernseh-Honorore erzielen möchten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben – mit Konsequenzen für die TV-Ausstrahlungen. „Noch lebt der deutsche Zuschauer, was das Programmangebot, den zusammenhängenden Spieltag und die zeitnahe Berichterstattung im Free-TV angeht, in paradiesischen Zuständen. Das wird sich ändern“, sagt der Wirtschaftsprüfer Arnd Hovemann in einer Studie zur wirtschaftlichen Lage des Profifußballs voraus.

Rund 300 Millionen Euro erhält die Deutsche Fußball Liga (DFL) in dieser Saison aus diversen TV-Verträgen. Damit liegt die Bundesliga im Vergleich zu den Spielklassen in England (710 Millionen Euro) oder Italien (550 Millionen Euro) deutlich zurück. Mit den 500 Millionen Euro hat Rummenigge eine laut DFL-Chef Werner Hackmann „sehr ambitionierte Zahl“ genannt und die DFL-Verhandlungsführer unter Druck gesetzt.

Was bedeutet das für die „Sportschau“? Streitpunkt ist vor allem eine (gemessen am Spieltag-Schlusspfiff um 17 Uhr 15) zeitnahe Ausstrahlung der „Sportschau“ wie jetzt um 18 Uhr 10. Das ist dem Pay-TV-Sender Premiere, der Ende 2007 die Vier-Millionen-Marke bei den Abonnenten endlich knacken will (heute sind es nach eigenen Angaben 3,3 Millionen), ein Dorn im Auge. „Für mehr Exklusivität sind wir grundsätzlich bereit, mehr zu bezahlen. Bleibt es beim derzeitigen Status quo, sind wir es nicht“, sagte Premiere-Geschäftsführer Georg Kofler zum Tagesspiegel. Im Klartext: Wenn der zeitliche Abstand zwischen den Live-Übertragungen bei Premiere und den Zusammenfassungen im Free-TV nicht „deutlich“ größer werde, erzielt die Liga keine höheren TV-Einnahmen. Abo-TV, so Kofler weiter, sei das einzige Geschäftsmodell im Mediensystem, das für die Bundesliga nachhaltig mehr Geld erbringen könne.

Premiere überweist bisher 180 Millionen Euro pro Saison und ist damit schon der größte Geldgeber der DFL. Verschiedene Modelle sind denkbar, um die Premiere-Wünsche zu erfüllen. Die Rückkehr zu Freitag-Partien oder die Zusammenfassung der Samstag-Spiele im Free TV nicht vor 22 Uhr wären aus Premiere-Sicht geeignete Maßnahmen. Allerdings: Sat1 hat mit der Verlegung seiner „ran“-Sendung auf nach 20 Uhr vor ein paar Jahren ein Quoten-Desaster erlebt. Außerdem ist es fraglich, ob Premiere mit seiner neuen Preispolitik überhaupt neue Kunden bekommt. Erstmals wurde jetzt ein Extrapaket „Fußball Live“ für monatlich 14,90 Euro geschnürt.

Dennoch: Sollte sich Premiere gegenüber der DFL mit seinen Forderungen – mehr Geld, mehr Exklusivität, mehr Abonnenten – durchsetzen, droht auch eine „Sportschau“ um zehn Uhr abends. Diese Aussichten möchte Redaktionsleiter Steffen Simon gegenüber dem Tagesspiegel nicht kommentieren. „Wir wollen nicht auch noch einen Stein ins Wasser werfen und gucken, wer darauf reagiert. Wir investieren jetzt, sind auf der Höhe unserer Zeit und Kräfte.“ Damit ist die modernisierte Ausstattung der „Sportschau“ gemeint. Herzstück ist ein 11,5 Meter breites und 1,2 Meter hohes LED-Band, das die Monitore ersetzt.

Aber ob eine Techno-Kulisse als Argument ausreicht? Insider sprechen auch von einer Kompromisslösung mit Premiere, einer „Sportschau“ ab 19 Uhr. Nur: Wie will die ARD in einer Stunde bis zur „Tagesschau“ sieben Spiele samt Werbung unterbringen? Vielleicht ist das die Stunde der Privaten. Sat1-Chef Schawinski wäre so ein Coup zuzutrauen. Die guten Einschaltquoten und Kritiken könnten allerdings ein starkes Argument für weitere „Sportschau“-Jahre sein, auch für die Werbepartner und Trikotsponsoren der Vereine. Auch sie zahlen Millionen – und wollen von Millionen gesehen werden, und das nicht erst deutlich nach 18 Uhr, sagt Kerstin Krohne, Sprecherin vom „Sportschau“-Presenter „CMA“. „Zu einem späteren Sendeplatz verliert diese Plattform an Attraktivität.“

Und nun? Was tun? Gleich schon mal einen Premiere-Decoder für die nächste Saison bestellen? Oder abwarten und „Sportschau“ gucken, weil der Durchbruch des Pay-TV eh nie kommt? Kofler sagt: „Wenn wir die Zahl der Abonnenten verdoppeln, können wir über eine Verdoppelung der Lizenzgelder reden.“ Wenn das Rummenigge hört... Die Deutsche Fußball Liga geht inzwischen sogar mit noch größeren Erwartungen in die Verhandlungen über neue TV-Verträge als der Bayern-Vorstand. Nach Ansicht des DFL-Geschäftsführers Christian Seifert sind allein die Pay-TV-Rechte für Deutschland eine Milliarde Euro pro Jahr wert.

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