Medien : Die Fernseh-Fließband-Arbeiterin

Sie heißt Gülcan, sie moderiert Viva-Sendungen im Akkord, und die Jugend liegt ihr zu Füßen

Lars Spannagel

Das Kreischen und Toben dringt bis in den Flur, durch zwei Stahltüren. Gülcans Show fängt gleich an, die Warm-Upperin feuert die 20 Mädchen im Viva-Studio an, noch einmal „richtig auszurasten“. Dann kommt die Moderatorin, für die sich die jungen Zuschauerinnen so verausgaben. Gülcan Karahanci, 24 Jahre alt, 1,62 groß, trägt einen gigantischen Kaffeebecher vor sich her. Es ist kurz vor 15 Uhr, gleich beginnt „Viva live“, die allnachmittägliche Show des Musiksenders. Den Kaffee braucht Gülcan, sie ist seit sechs Uhr auf den Beinen und hat bereits vier Stunden lang für die RTL-Sitcom „Alle lieben Jimmy“ vor der Kamera gestanden. Nach „Viva live“ wird sie zurück ans Filmset rasen. Ein ganz normaler Tag eben.

Kaum jemand war 2006 so viel im Fernsehen wie Gülcan. Fast ausschließlich in Sendungen, in denen Nachnamen nicht wichtig sind. Sie präsentiert „Bravo TV“ auf Pro 7 genauso wie die Charts-Show „The Dome“ auf RTL 2 – vor 9000 Zuschauern in ausverkaufter Halle. Auf Viva moderiert sie neben „Viva live“ noch die „Download Top 20“, die „Ringtone Charts“ und die Karaoke-Show „Shibuya“, das populärste Format des Senders. Als die Quote für die erste Ausgabe von „Shibuya“ reinkam, machte die Redaktion erst mal eine Flasche Sekt auf.

„2006 war ein wildes Jahr mit viel Action, ein bisschen wie Fließbandarbeit“, sagt Gülcan. Gerade hat sie ein paar Minuten Zeit, ihre Sitcom-Szene ist im Kasten, ihr Bruder und Manager Adnan wird sie gleich mit dem schwarzen Porsche zu Viva fahren. Ein 18-stündiger Arbeitstag ist kein Problem, oft macht sie sich zwischen zwei Auftritten ein Bett im Mietwagen, egal wie groß, „Hauptsache das Auto ist schnell.“ Gülcan wurde als Tochter türkischer Eltern in Lübeck geboren, in Berlin wohnt sie im Hotel, den Verlobten sieht sie so oft es eben geht, ihre gemeinsame Wohnung mit dem Kleiderzimmer und dem Schuhzimmer in Düsseldorf eher selten.

Seit sie vor drei Jahren bei einem Casting von Viva entdeckt wurde, hat sie nicht mehr richtig Urlaub gemacht. Kein Problem, sagt Gülcan: „Nach ein paar Tagen werde ich hibbelig und fange an, das Hotelzimmer zu putzen.“ Im Showbusiness lässt es sich auch schwer langfristig planen, erst recht, wenn man zwei bis drei Termine am Tag hat. „Ein paar Wochen im voraus habe ich die Termine grob im Kopf, die genauen Tage kommen schon mal durcheinander“, sagt Gülcan. So wie heute, als sie in der Viva-Redaktion erfährt, dass Superstar-Sieger Tobias Regner zu Gast ist. Sie hatte mit der Sängerin Liza Li gerechnet. Egal.

Das quietschbunte Studio schreit einem durch die zusätzliche Weihnachtsdeko noch lauter ins Auge. Gülcan fetzt durch die Eröffnungsmoderation, ohne einmal auf ihren Zettel zu schauen: der Studiogast, die heutige Sendung, die neue Freundin eines Boygroup-Sängers, Angelina Jolie, Heuschrecken als Nahrungsmittel, die Zuschauerfrage des Tages. Zack, vier Minuten sind rum, fertig. Andere Moderatoren sagen immerfort „Meinedamenundherrn“, verfransen sich, biegen falsch ab, fahren im Kreis. Gülcan nicht, bei ihr geht es immer mit Vollgas geradeaus.

Dafür liebt ihr Publikum sie, niemand sonst bei Viva bekommt so viele Autogrammwünsche, so viel Fanpost. „Ich wäre gerne so hübsch wie Du“, beichten ihr junge Fans in den Briefen. Die Zielgruppe liegt ihr zu Füßen. Auch, weil Gülcan weiß, worüber sie spricht. Die neuesten Handyspiele testet sie am liebsten selbst.

Tobias Regner tritt auf, die beiden plaudern über Weihnachten. „In Bayern soll es am Heiligabend zu 35 Prozent schneien, das sind ja fast 50 Prozent, also aufgerundet 100“, erklärt Gülcan. Bei solchen Sätzen fällt selbst den Kameraleuten und Tontechnikern die Kinnlade runter, und die sehen Gülcan fast täglich. Studiogast Regner erzählt, was es bei ihm am Heiligabend zu essen gibt. „Wo wir gerade bei Rehrücken sind – kommen wir doch zu ,Silbermond‘“, sagt Gülcan und muss selbst lachen, so bekloppt ist diese Überleitung. In den Werbepausen plaudert Gülcan völlig entspannt mit ihrem Studiogast, während ihr Make-up nachgebessert wird. Ihr scheint es egal zu sein, ob die Kamera gerade läuft oder nicht. Die Sendung geht schnell vorbei, zum Schluss bringt Gülcan noch ein paar Gewinne aus dem Viva-Adventskalender unters Volk. Routine.

Viva ist Gülcans Kerngeschäft, am liebsten würde sie noch 20 Jahre beim Musiksender bleiben. Illusionen macht sie sich aber keine. „Als Frau kann man da mit 40 nicht mehr rumhüpfen“, sagt sie. Auch wenn ihr großer Bruder sie managt, sie ist ihre eigene Herrin. „Ich weiß, wie man ’ne Steuererklärung macht und was ich verdiene“, sagt sie überzeugt, „zumindest so Pi mal Daumen mal Fensterkreuz.“

2007 wird ihre Steuererklärung wohl noch umfangreicher ausfallen. Die neue Staffel von „Bravo TV“ steht an. Bei „TV total“ war sie schon als Gastmoderatorin dabei, beim großen Stefan Raab. „Der ist der Godfather of Viva, vor dem mache ich jedes Mal einen Knicks“, sagt Gülcan beinahe ehrfürchtig, „die Wok-WM war das Blödeste, was es gibt. Hut ab.“

„Shibuya“ geht ins dritte Jahr, „Alle lieben Jimmy“ ins zweite. Neun neue Folgen, Freitagabend, Comedy-Primetime. Gülcan Karahanci spielt Leyla Arkadas, die leicht tussihafte Schwester des Protagonisten Jimmy. Am Abend nach der Viva-Sendung stehen Gülcans letzte Szenen auf dem Drehplan. Producer Peter Fröhlich und das Filmteam mussten flexibel sein, um sie in den Drehablauf zu integrieren. Zuweilen sitzt Fröhlich vor dem Fernseher und sieht Gülcan mehr als einmal. „Manchmal zappt man so durch die Sender – und hat Gülcan auf drei Kanälen gleichzeitig. Nur nicht auf den Öffentlich-Rechtlichen.“

Das kann sich noch ändern. Konkrete Pläne, die über die nächsten Wochen hinausgehen, hat Gülcan nicht. Einen Traum schon: „Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland, die Show ist perfekt“, schwärmt Gülcan, „ich warte nur noch, dass Gottschalk aufhört.“ Gülcan also bald auf der großen Bühne, der großen Couch, bei „Wetten, dass …“? Unter Druck setzen will sie sich nicht, ganz entspannt will sie ihre Karriere weiterverfolgen: „Alles kann, nichts muss – wie im Swingerklub.“

„Viva live“, 15 Uhr, Viva

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