Medien : Die Goldsucher

Klein sein, frei sein, Literatur muss dabei sein: die Szene junger Kulturmagazine

Manuel Gogos

Was tun kleine Literaturmagazine, wenn sie groß rauskommen wollen? Sie versammeln sich geschlossen im Kölner Szene-Schuppen Hallmackenreuther, diskutieren strukturelle Probleme der Akteure, befeuern sich gegenseitig, proklamieren dann, sich zu vernetzen, gleichzeitig aber ihr individuelles Profil zu schärfen, und laden die Öffentlichkeit ein, sich selbst ein Bild zu machen.

Zum ersten Mal haben sich am Wochenende freie, junge Literatur- und Kulturmagazine zu einer Messe getroffen. Ihr Ziel: Aufmerksamkeit. Die einladenden Papiere für neue Texte führen seltsame Namen wie „Bella Triste“, „sprachgebunden“, „Edit“, „das gefrorene meer“, „Kritische Ausgabe“ – eher old-school-getackert, „Lauter Niemand“, eine Erfolgsgeschichte aus dem Berliner Literatur-Labor, „Krachkultur“ und „Lose Blätter“ –, jeweils in Auflagen von 400 bis 1200 Stück. Die Veranstaltung in Köln, vom „sprachgebunden“-Redakteur Jan Valk maßgeblich vorangetrieben, ist durch den Deutschen Literaturfonds und die Kulturstiftung der Stadtsparkasse Köln gefördert worden. In ökonomischer Hinsicht bleibt die Produktion der Hefte trotzdem mehr als prekär, jedes Heft eine creatio ex nihilo, die Projekte allesamt „Himmelfahrtskommandos“.

Fast alle Blätter sind Text-Bild-Projekte, neben den Buchstabenformationen laufen Bildstrecken mit: Hier erscheint die Verarbeitung eines Motivs (ein dicklicher Junge angelt im weiten trocknen Feld, ein schmalschultriger schwebt im Profil mit einer Seilbahn an der Linie des Horizonts entlang) als feinkörniger digitaler Impressionismus, der ohne Weiteres zwischen Medien und Techniken flottiert. Die Verpackung besticht. Vor allem aber soll es um Texte gehen. Was diese Literaturzeitschriften besser können als irgendein anderes Medium, ist, die Grauzone auszuloten, wo seitens der Autoren die Angst vor dem weißen Papier zumindest zeitweise beherrscht wird, wo die Werke aber noch nicht das gnadenlose Tageslicht der Öffentlichkeit ertragen müssen, stattdessen eine Ehrenrunde durch den Kreis der Insider drehen dürfen.

Es ist das Argument der Entdeckerfreude, das am vehementesten vorgetragenen wird, wenn es darum geht, der literarischen Goldsucherszene ihre Legitimation zu verschaffen. Etwa, wenn ein paar Gedichte von Baudrillard erstmals ins Deutsche übertragen werden, oder wenn man einige völlig unbekannte Kafka-Zeilen wiederentdeckt. Und dann werden, wie um sich im Räderwerk des Literaturbetriebs selbst Mut zuzusprechen, immer wieder die Namen jener Autoren rezitiert, die man selbst herausgesiebt hat.

In der „Krachkultur“ reüssierte Sasa Stanisic, lang bevor er es mit „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Und Jörg Albrecht hatte in „Bela Triste“ sein Coming Out, als die Bachmannpreisrichter sich einen Sound à la Rolf Dieter Brinkmann in der Gegenwartsliteratur nicht einmal vorzustellen vermochten. Die aus dieser Grauzone erwachsen sind, lassen sich als Zugpferde solidarisch vor den Karren spannen (die Szene erhält sich selbst) in der heraufdämmernden „Nacht der Magazine“.

Jörg Albrecht, der Ingeborg Bachmann-Preis-Nominierte, liest querbeet über den Brüsseler Platz einen Text über die Generation Super 68, in dem Josef Bachmann (nicht verwandt) Dutschke die Kugel gibt. Albrecht führt ein handliches oranges Megafon bei sich, das an dramaturgischen Schnittstellen zum Einsatz kommt. Die abgelesenen „Losen Blätter“ verstreut er hinter sich im milden Abendwind. Die preisverdächtigen Sätze aus medialem Kruppzeug wie Netzhäuten und Augäpfeln hallen von der Kirchenwand St. Michael wider, bis sie sich dem Publikum hinterrücks ins Ohr bohren.

Ein bisschen Glanz verbreiten sie schon, die grauen Stars. Wer ist Jörg Albrechts Typberater? Auch Sasa Stanisic kann sich anziehen. Er freut sich auf seine erste Übersetzung in die Materialität chinesischer Schriftzeichen, lang liegen sich Autor und Übersetzerin in den Armen. Die Auswahl der Garderobe, die Gestaltung von Inneneinrichtungen sowie die Konstruktion von Abenden erweist sich bei diesem Stelldichein junger Literaturmagazine als tragfähige Strategie. Selbst die Penner, die auf ihrem Fahrrad angeschnorrt kommen, sehen hier im Belgischen Viertel irgendwie hip aus. Und auch sie scheinen sich für junge Literaturmagazine zu interessieren, hören den Avantgardisten andächtig zu. Und so ist es wie ein leises Flehen, das sich zwischen den Zeilen aus dem Schatten der einstigen Notkirche Kölns entringt: „Lauter Niemand“, erhöre uns.

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