Medien : Die große Dürre

Wir Frauen sind schuld, dass Pro 7 magere Mädchen über den Laufsteg schickt / Von Sibylle Berg

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Die unvermeidliche Heidi mal wieder. Kann es sein, das sie eigentlich nie ein Topmodel war? War ihre gesunde Durchschnittlichkeit nicht nur in Deutschland (sie ist wie wir, sie ist wie wir) und in Amerika (oh my god, she looks so natural) erfolgreich? Egal. Heidi ist ein zähes Ding, und ihr Ehrgeiz beachtlich. Nun macht sie also im Fernsehen Supermodels, und da fällt mir auf: Heidi hat etwas von Dieter Bohlen, und umgekehrt. Diese hemdsärmlige Präsenz, das muss man erst mal hinbekommen. Unter 11 000 kleinen Hühnern wurden 32 ausgelesen, die jetzt vor der Kamera ihre Anorexie und ihre alterstypische Unterbelichtung präsentieren. Wir Alten schauen uns das an und denken: Mädchen, mach doch irgendwas anderes. Konditor zum Beispiel.

Die fröstelnden unter 50-Kilo-Mäuse beim Unterwäsche-Shooting, das war wahrlich ein Höhepunkt des Fernsehmasochismus. Eine furchtbare Bewegungstucke stolziert vor den Kindern her und zeigt ihnen affektiertes Laufen, ein blondierter Schönling spielt den Fotographen. Ja Baby, so ist es gut – dass die sich nie zu blöd sind, ihre eigenen Klischees zu erfüllen. Kleine Mädchen, habe ich mir von kleinen Mädchen sagen lassen, schauen sich die Sendung an und denken, was kleine Mädchen so denken: geil.

Viel mehr Gedanken sind da nicht, und wer will es ihnen übel nehmen.Wir alten Säcke können uns in den Medien ereifern: Kinder, lest doch mal ein Buch, und geht es denn wirklich nur ums Äußere? – es spielt überhaupt keine Rolle. Zum einen, weil kleine Mädchen keine Zeitungen lesen (also auf jeden Fall nicht die kleinen Mädchen, die Model werden wollen oder wenigstens Moderator oder was mit Medien, ich find den Umgang mit Menschen so toll), und außerdem sind wir doch selber nicht besser.

Klar wird die Zeit immer bescheuerter, aber wehren wir uns? Wir erwachsenen Frauen hungern uns einen ab, um in immer absurder kleiner werdende Größen zu passen, wir betrachten 14-Jährige in der „Vogue“ und messen uns an ihnen, wir lassen an uns schneiden und zupfen und wehren uns nicht. Von Männern ist hier nicht die Rede, die sind hier völlig unwichtig. Ich will von keinem Mann irgendwas über Mode hören, über die Mühe, die es macht, eine Frau zu sein, ich will eigentlich von Männern überhaupt nichts hören, es sei denn, sie haben ein spannendes Spezialwissen wie Biochemie oder Hirnforschung.

Männer essen, was sie vorgesetzt bekommen, und wenn wir es zu entscheiden hätten, würden sich ältere Männer mit jungen Frauen lächerlich machen, würde das Schönheitsideal, das Männer von Frauen haben, von Konfektionsgröße 32 auf 40 wachsen. Aber lassen wir die Männer außen vor. Das hier geht uns an. Wir sind die Vorbilder für die jungen Mädchen, die wir jetzt so oberflächlich und beängstigend dürr finden. Und wir sind nicht ein Prozent besser.

Wir treten in den Wettbewerb mit 17-Jährigen, statt zu erkennen, dass man sehr viel länger alt als jung ist, und man dagegen einfach nichts machen kann. Gegen das Alter. Gegen alles andere ja. Wie schnell würden die Magersüchtigen von den Laufstegen und aus den Anzeigen verschwinden, wenn keiner mehr bei den Designern kaufte, die uns diesen Quatsch zumuten? Wie schnell würde sich das Schönheitsbild ändern, ginge keine mehr zur Botoxspritzeinheit jedes halbe Jahr? Wie schnell fänden kleine Mädchen dürre Artgenossinnen uncool, wenn ihre Vorbilder aus normal gewichtigen, normal aussehenden Frauen bestünden?

Leider alles unsere Schuld. Nicht DIE DA machen was mit uns, sondern wir bereiten uns unsere Hölle alleine. Heidi Klum könnte mit ihren Talenten eine Kochsendung moderieren oder irgendwas mit Sport, und endlich wäre der Quatsch mal zu Ende. WENN WIR ES WOLLTEN. Ich rede nicht von Albernheiten wie inneren Werten. Wer hat die schon? Ich spreche von dem WAHNSINN, als erwachsene Frau aussehen zu wollen wie 17. Ich spreche nicht von Fressen und Übergewicht, sondern von auf sich achten, weil es nicht angenehm ist, wenn es unter Wülsten schwitzt, doch zwischen Konfektionsgröße 32 und 56 gibt es ja noch ein wenig Spiel.

Liebe Damen, so lange wir uns nicht ändern, bekommen wir, was wir verdienen: Heidi und Supermodelshows, Designer, die sich über uns totlachen und eh’ nur mit Männern verkehren. 40 Jahre Frustration, Operationen, augetauscht werden gegen Jüngere, kollektiven Selbstmord aller Damen irgendwann, mit 70, wenn wirklich nicht mehr viel geht, und leider muss ich sagen: Es wird kein Verlust sein, wenn es uns nicht mehr gibt!

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