Medien : Die Humor-Therapeutin

Cordula Stratmann feiert mit der „Schillerstraße“ einen überraschenden Erfolg

Thomas Gehringer

Seltsam, wie viele Pausen Cordula Stratmann beim Interview einlegt. Sie hält inne und grübelt, und man stellt sich vor, dass sie nun zwischen der ernsten und der komischen Antwort wählt. Meistens wählt sie die ernste. Manchmal allerdings bricht sie auch in ein überfallartiges Lachen aus, mal schallend laut, mal albern glucksend. „Man braucht ein Talent für komische Momente”, sagt sie. „Ich bin, glaube ich, mit dem Heiterkeits-Gen auf die Welt gekommen.”

Ihre Heiterkeit wirkt offenbar auch im Fernsehen ansteckend. Cordula Stratmann ist die Hauptfigur in der „Schillerstraße”, eine der ganz wenigen neuen Ideen, die das bereits verrufene TV-Unterhaltungsjahr 2004 überlebt haben. Mit über drei Millionen Zuschauern war das Sat-1-Format am Freitagabend sogar erfolgreicher als die etablierte RTL-Konkurrenz von „7 Tage – 7 Köpfe”. Zur Belohnung rückt die „Schillerstraße” zum Jahreswechsel in die Primetime am Donnerstag und wurde von 30 auf 60 Minuten verlängert. „Ich hatte von Anfang an im Kopf, dass ich mit dem Format gerne Geschichten erzählen möchte. Nun haben wir mehr Zeit, das gefällt mir sehr gut”, erklärt Cordula Stratmann.

Schauplatz aller Geschichten ist eine Wohnung in einem Fernsehstudio in Hürth, wo die reale Cordula Stratmann eine fiktive Gastgeberin namens Cordula Stratmann spielt. Nur das Thema ist ihr und den drei oder vier Mitspielern jeweils bekannt: Mal spukt’s im Haus, mal kommt ihre Mutter zu Besuch, mal soll ein Undercover-Polizist die gegenüber liegende Wohnung beobachten. Die „Schillerstraße” funktioniere nur, sagt sie, „wenn sich einer nicht permanent an den Bühnenrand stellt und das Publikum allein unterhält”. Ein Drehbuch freilich gibt es nicht, und zurechtgelegte Pointen würden nur blockieren, sagt sie, „weil man sich auf den eigenen Höhepunkt konzentriert und nicht mehr auf die anderen reagiert. Am besten ist es, wenn man ganz leer in die Sendung geht.”

Darauf zu vertrauen, dass sich diese Leere während der Sendung auch ohne hektisches Eingreifen unterhaltsam anfüllen wird, musste Spielleiter Georg Uecker allerdings erst nach und nach lernen. Uecker triezt die Darsteller mit nur fürs Publikum, nicht für die Mitspieler sichtbaren Anweisungen, die Plotpusher genannt werden. Es komme dabei nicht darauf an, „eine möglichst hohe Gagdichte zu haben”, erklärt Cordula Stratmann. Die Plotpusher müssten in die Geschichte passen, dann dürften in ihnen auch „alle Abarten des Lebens auftauchen”. Sogar der Satz: „Ralf, du hast die Unterhose von Cordula an.”

Die Verblüffung, das erschrockene Innehalten, die sichtbare Mühe der Komiker, die Anweisung umzusetzen – das ist wohl das größte Vergnügen für die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich unwillkürlich ausmalen, wie sie selbst die Situation meistern würden. „Schillerstraße” ist eine Mitmach-Sendung ohne die Gefahr, sich beim Mitspielen zu blamieren. Denn weil die meisten froh sein dürften, nicht auf der Bühne zu stehen, sind sie nachsichtig, wenn die Komiker scheitern, und begeistert, wenn sie mit einer unverhofften Pointe überrascht werden. Cordula Stratmann ist Meisterin in beiden Disziplinen, der des würdevollen Scheiterns und der des trockenen, schlagfertigen Humors. „Ich habe Spaß an Figuren, die so halb daneben liegen, denen man das Bemühen ansieht, aus sich was zu machen, und denen man beim Scheitern zusehen kann.” So eine ist vor allem die Annemie Hülchrath, die sie einst für den alternativen Karneval in Köln erfand und deren biederer, durch nichts zu erschütternder Mutterwitz es in diverse Fernseh-Formate („Zimmer frei”, „Annemie Hülchrath – Der Talk”) schaffte. Der WDR plant für 2005 noch ein neues Format: „Die kleine Cordula Stratmann Show“.

„Die Annemie ist ja nicht leicht zu beeindrucken. Das ist durchaus auch eine Eigenschaft von mir. Mich haut so schnell nichts um.” Das mag an ihrem früheren Beruf liegen, der ihr, wie sie sagt, großen Spaß gemacht hat: „Wenn das keiner mag, was ich mache, wäre ich ganz schnell wieder in meiner Familientherapie-Praxis.” Es ist zu spüren, dass sie auf die ehemalige Klientel, die nun im Publikum sitzt, nicht herabblickt. „Ich ergötze mich nicht an der Blödheit anderer und kann auch solche Formate nicht gut ertragen, bei denen ich mir angucken kann, wie bescheuert man sein kann.” Und da man als Therapeutin ständig improvisiere, um sich „auf die Dynamik in den Familien einzustellen”, fühlt sie sich für die „Schillerstraße” gut geschult. „Man muss gut beobachten können, spontan und sehr wach sein.”

Improvisation kommt im Fernsehen langsam in Mode. Olli Dittrich („Dittsche”, „Blind Date”) war der Pionier, nun sprießen die Comedy-Formate, die ohne Drehbücher auskommen. Auch RTL ist auf den Zug aufgesprungen und lässt in „Frei Schnauze” Comedians auf Zuruf des Publikums agieren, mit Spielleiter Mike Krüger als Stütze. Aber ohne Cordula Stratmann.

„Schillerstraße“: 20 Uhr 15, Sat 1

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben