Medien : Die Kultur-Revolution

Das Deutschlandradio Berlin bekommt einen neuen Namen und ein neues Profil

Heiko Dilk

Seit zehn Jahren strahlt Deutschlandradio das Programm Deutschlandradio Berlin (DLRB) und das Informationsprogramm Deutschlandfunk (DLF) aus. Viel verändert hat sich in der Zeit nicht, doch ab der nächsten Gebührenperiode 2005 muss die Anstalt mit weniger Geld auskommen. Auf 15 Millionen Euro, hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (KEF) ausgerechnet, kann Deutschlandradio pro Jahr verzichten, bei einem Gesamtetat von 200 Millionen.

Womit wir bei Günter Müchler wären. Müchler, seit 1994 Programmdirektor des DLF, ist nämlich seit 1. Mai diesen Jahres in gleicher Funktion auch beim DLRB tätig. Bei seiner Antrittsrede Mitte Mai machte er deutlich, dass er einen weiteren Abbau von Doppelstrukturen befürwortet. Auch die Ende letzten Jahres von der Geschäftsführung beschlossene Sperrung von fünf Prozent der frei werdenden Stellen bezeichnete er als „maßvoll“, ebenso wie er eine verstärkte Zusammenarbeit der Standorte Köln und Berlin befürwortet, allerdings überwiegend im technischen Bereich. „Es ist mit Sicherheit nicht unsere Absicht, weitere Programmstrecken zusammenzulegen.“

Der Druck, den die Gebührendiskussion ausgelöst hat, ist angekommen bei Deutschlandradio – und es bewegt sich, nicht nur strukturell. Auch inhaltlich soll sich beim DLRB einiges ändern – und der Name: Aus Deutschlandradio Berlin wird ab dem nächsten Frühjahr Deutschlandradio Kultur. „Viele Menschen, die das Programm nicht kennen, haben es für einen lokalen Sender gehalten“, sagt Müchler. Der neue Name soll das ändern, damit „draufsteht, was drin ist“.

Und drin ist zunächst mal ein recht weiter Kulturbegriff. Man findet fast alles, von den Graumullen (kleine Tiere, die unter der Erde leben) über die Biografie des neuen CIA-Chefs bis zur klassischen Radio-Kultur, also Hörspiele und klassische Musik. DLF ist dagegen tagesaktuell ausgerichtet, politische und wirtschaftliche Information steht im Vordergrund. Müchler allerdings will den Kultur-Begriff bei DLR Kultur noch stärker ausweiten oder zumindest anders akzentuieren. „Ich halte es für falsch, von einem Kulturprogramm zu erwarten, dass es nur Hörspiele und klassische Musik sendet. Kultur ist mehr als nur Genuss“, sagt er. Deshalb soll es mehr politische und wirtschaftliche Information im Programm geben.

Das wirft wieder die Frage der Abgrenzung zum Informationsprogramm DLF auf. Doch Müchler sieht hier kein Problem. Während sich der DLF etwa ganz konkret mit den Modalitäten von Hartz IV beschäftige, könne es auf dem neuen DLR Kultur etwa um die gesellschaftsphilosophischen Aspekte von Hartz IV gehen. Ein „Radiofeuilleton“ schwebt ihm vor. „Wir arbeiten seit Mai diesen Jahres an der Umstrukturierung“, sagt Müchler, und voraussichtlich gegen Ende des ersten Quartals 2005 werde die neue Programmstruktur eingeführt.

„Wir wollen unser Programm weiterentwickeln“, sagt Müchler. Schließlich hätten sich in der vergangenen Zeit fast alle Kulturwellen der ARD-Landesanstalten reformiert, „hin zu mehr Regionalität und mehr Tagesbegleitung, was heißt: mehr Musik und eine Verringerung des Wortanteils“. Auch einen „Zug zur Boulevardisierung“ hat Müchler festgestellt. „Ich halte die Entscheidungen dazu für richtig“, sagt er. DLRB allerdings soll sich in die entgegengesetzte Richtung bewegen: Der Wortanteil, insbesondere auf den Tagesstrecken, soll ausgeweitet werden. „Der wesentliche Einschaltimpuls für Deutschlandradio Kultur ist das Wort“, so Müchler.

Das DLRB hat im Vergleich zum DLF beträchtlich weniger Hörer. Rund 250 000 schalten täglich ein (MA 2004 II), beim DLF sind es etwa 1,2 Millionen. Diese Diskrepanz spiegelt auch die Tatsache wider, dass gerademal 50 Prozent der Gebührenzahler in Deutschland DLRB empfangen können, den DLF aber 70 Prozent.

Müchlers Reformvorhaben stößt nicht überall auf Begeisterung. Peter Wand, der Gesamtpersonalratsvorsitzende von Deutschlandradio, sagt allerdings, dass keine eindeutige Strömung auszumachen sei. „Es gibt genauso viel Skepsis, ob die Ideen in die richtige Richtung gehen, wie es auch Optimismus gibt“. Grundsätzlich überrasche es allerdings niemanden, dass „strukturelle Veränderungen anstehen“. Müchler sagt, es gebe „keine Widerstandsnester. Wir machen hier ja keine Revolution.“ Wenn sich allerdings andere öffentlich-rechtliche Anstalten Müchlers Äußerung, dass das „übliche Schneckentempo einer öffentlich-rechtlichen Anstalt“ nicht das „Maß der Dinge“ bei der Reform sein könne, zum Vorbild nehmen würden, wäre das revolutionär.

Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz möchte noch nichts zu Müchlers Ideen sagen. Sie müssten erst dem Hörfunkrat vorgelegt werden. Der tagt am 9. September. Müchler hat bereits einige konkrete Positionen genannt, über die sicher noch diskutiert werden wird. So sollen die Archive in Köln und Berlin auf den Prüfstand, Berlin soll Basisarchiv werden, und im Programm wird nachts auf Selbstfahrbetrieb umgestellt.

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