Medien : Die Lebensgefährtin des Fernsehens

Die Programmzeitschrift „Hörzu“ wird 60 – und steht vor neuen Herausforderungen / Von Dieter Stolte

-

Niemand hat das Fernsehen so lange begleitet wie „Hörzu“. Fernsehen, das war über drei Jahrzehnte öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Es war ein Kommunikationsmedium, das zuverlässig informieren, gepflegt unterhalten und nachhaltig bilden sollte. Seinem Programmauftrag lag ein Menschenbild zugrunde, das an den Idealen der Aufklärung orientiert war und aus den Fehlern der Geschichte gelernt hatte.

„Hörzu“ entsprach in kongenialer Weise diesem Ideal: eine Fernsehzeitschrift für die Familie, die die Eltern getrost auf dem Frühstückstisch liegenlassen konnten. Nichts Ordinäres oder Gewalttätiges zog neugierige Kinderaugen an und beschäftigte ihre Fantasie. Es waren die Bilder von Tieren und Landschaften, die ihr Interesse finden durften. Die besonders Klugen unter ihnen wurden am Ende des Heftes von Bildern angezogen, die Original und Fälschung zu detektivischem Können herausforderten.

Fernsehen begann für mich mit der Gründung des ZDF im Jahre 1962, als Karl Holzamer mich zu seinem Persönlichen Referenten berief. Bis dahin war ich ein Mann des geschriebenen Wortes; das Medium der bewegten Bilder interessierte mich nur am Rande. Welche Faszination Fernsehen haben konnte, erfuhr ich aus den Erzählungen meiner Kommilitonen. Ich selbst besaß kein Fernsehgerät. Das änderte sich, als ich meine Tätigkeit beim ZDF aufnahm. „Hörzu“ wurde zum Wegweiser durch die Sendungen der Woche. Ich lernte Autoren, Regisseure und Darsteller kennen, häufig auch die Geschichte hinter der Geschichte. Was für den Zuschauer interessant war, wurde für mich zum unverzichtbaren Wissen.

Solange es nur öffentlich-rechtliches Fernsehen gab, schien mir die Arbeit der „Hörzu“-Redaktion einfach zu sein; ARD und ZDF hatten die gleichen Programmziele. „Hörzu“ spornte den Wettbewerb an und hatte dabei das Zuschauerinteresse im Auge. Doubletten wurden kritisiert, Qualität gelobt, Defizite offengelegt. Leserforen und Fernsehkritiken sorgten für pointenreiche Standpunkte. Von „Hörzu“ gelobt zu werden, war wie ein Ritterschlag. Für eine Sendung eine Doppelseite zu erhalten, war wie Weihnachten.

Die Arbeit wurde für „Hörzu“ schwierig, als 1982 das kommerzielle Fernsehen seinen Sendebetrieb aufnahm. Es war von Axel Springer sehnlichst erwartet worden, entsprach dem marktwirtschaftlichen Denken seiner Chefredakteure und versprach durch Wettbewerb eine Steigerung der Programmqualität. Die Enttäuschung war groß: Denn statt Vielfalt stellte sich Einfalt ein, die Schamgrenze fiel. Die neuen Programmangebote rüttelten an dem von „Hörzu“ hochgehaltenen Bild der Familie.

Es verdient Respekt, dass „Hörzu“ sich nicht vom Zeitgeist anstecken und von Verlagsinteressen beeinflussen ließ. Sie förderte keinen hohlen Populismus, ergriff in der Medienpolitik nicht einseitig Partei, sondern blieb Anwalt der Zuschauer.

Als Programmdirektor und Intendant war „Hörzu“ (natürlich auch die Konkurrenzblätter „TV Hören und Sehen“ und „Gong“) für mich unverzichtbar. Es gab keine bessere Programmübersicht zur aktuellen Wettbewerbslage als die wöchentlichen Ausgaben, in denen sich Programmabläufe und Sendekästchen zeitgenau einander gegenüberstanden. Schwächen des eigenen Angebots wurden erkennbar, Stärken der Konkurrenz auffällig.

Bei so viel inhaltlicher Nähe zwischen Macher und Merker entstanden Freundschaften (Hans Bluhm, Peter Bachér, Karin von Faber und Karl-Heinz Mose), die gemeinsames Handeln in wichtigen gesellschaftlichen Fragen förderten. Medienpartnerschaften entstanden bei Springers „Ein Herz für Kinder“ und zur Unterstützung der von Miltred Scheel gegründeten „Deutschen Krebshilfe“. Die Verleihung der „Goldenen Kamera“ wurde zum jährlichen Fest. Über vierzig Jahre meines Berufslebens war „Hörzu“ mein Programmbegleiter. Gemeinsam erlebten wir alle Höhen dieses großartigen Mediums, erlitten aber auch die Perversionen, die sich mit dem Kommerzfernsehen einstellten. Wir wussten um die besondere Verantwortung für den Zuschauer, vor allem für Kinder und Jugendliche. „Hörzu“ ist ihrer Mission immer treu geblieben. Aber auch für Sechzigjährige gibt es keinen Stillstand. Die technische Entwicklung vom Echtzeitfernsehen zum Abruffernsehen wird „Hörzu“ vor neue Herausforderungen stellen.

Dieter Stolte war von 1982 bis 2002 Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben