Medien : Die Magie der Kohlekörner

Es wurde angeschrien, umtanzt, besungen. Ohne Mikrofon wäre die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen. Heute wird es 125

Marisa Middleton

Mikrofone können Krisen auslösen. Weil sie ein Tuscheln in die ganze Welt übertragen. George W. Bush ist es zuletzt passiert. Im Präsidentschaftswahlkampf 2000 stand er im kleinen Dorf Naperville auf der Bühne, als er seinem späteren Vize Dick Cheney zuraunte: „Da ist Adam Clymer, das Riesenarschloch von der ,New York Times’.“ Die Beleidigung wurde bei der Veranstaltung vom lauten Beifall verschluckt, doch Hörfunk- und Fernsehreporter fanden sie später auf ihren Bändern – das Saal-Mikrofon war offen.

Damals hätten sich Bush und Cheney bestimmt gewünscht, dass die Mikrofontechnik noch immer so rudimentär wäre wie im 19. Jahrhundert, als sie erfunden wurde. Damals musste man aus vollem Halse in ein Mikro brüllen, damit es die Stimme in elektrische Impulse verwandelte, was der Grundmechanismus des Mikrofons ist.

Erfunden wurde der Mechanismus fürs Fernsprechen, also Telefonieren. Von der 1877 gegründeten Bell Telephone Company wurde das Telefon erstmals weltweit vermarktet. Nur dass man damals anstatt von fernsprechen eigentlich von fernschreien hätte reden müssen, trotzdem war bei Entfernungen über 70 Kilometer nichts mehr zu verstehen. Aber schon im Jahr darauf gelang es Thomas Alva Edison mit einem so genannten Kohlekörner-Mikrofon, Schallwellen mit Hilfe einer speziellen Kohlekörner-Technik so präzise in elektrische Signale umzuwandeln, dass man, wie überliefert wurde, bei einer Reichweite von über Hunderten von Kilometern sogar das Trippeln einer Fliege am anderen Ende der Leitung gehört habe. David Edward Hughes präsentierte am 9. Mai 1878 das Kohlekörner-Telefon in der Royal Society of London – dieses Datum gilt als Geburtsstunde des Mikrofons.

„Anfangs gab es eine Art Flatrate, für eine einmalige Gebühr konnte man stundenlang telefonieren“, sagt der Kommunikations-Historiker Joseph Hoppe vom Deutschen Technikmuseum Berlin. Erst nach zwei Jahren führte die Post eine minutenbezogene Gebühr ein. Doch Telefonieren galt als reine Informationsvermittlung und wurde hauptsächlich für gewerbliche und militärische Zwecke genutzt.

Aber nicht nur das Telefon, auch die Schallplattenindustrie und der Rundfunk profitierten vom Kohlemikrofon. Bei Schallplattenaufnahmen, bisher nur über Grammofone oder Phonografen erfolgt, verbesserte es die Klangqualität erheblich, man konnte mehrere Instrumente ohne Verzerrung aufnehmen. Rundfunk wäre ohne Mikrofon gar nicht möglich gewesen.

Um noch anspruchsvollere Tonaufnahmen zu machen, entwickelte man in den Zwanziger Jahren noch feinere Schallwandler, 1923 das so genannte Reisz-Mikrofon, 1928 das Kondensatormikrofon, das bis 1945 als Standard im Rundfunk benutzt wurde und noch heute in leicht veränderter Form für Aufnahmen verwendet wird.

Die eigentliche Karriere des Mikrofons begann jedoch, wo sonst, auf der Bühne und im Fernsehen. Tabletten-ähnlich geformt, rund, lang, dick, dünn – immer irgendwie speziell – hing es von der Decke, steckte im Ständer oder lag beim Sänger in der Hand. Angeschrien wurde es und bespuckt, dann wieder besungen, geküsst und liebkost. Es bekam eine ganz neue Rolle, wurde zum engsten Partner auf der Bühne. Seine vielleicht beste Rolle gab ihm Elvis – er wirbelte es hin und her, nahm gleich den ganzen Ständer und tanzte damit, als wäre das Mikro eine schöne Frau. Jeder Sänger hielt sich an dem elektroakustischen Wandler fest, wahrscheinlich hätte man sich ohne gar nicht auf der Bühne zurechtgefunden, keinen festen Stand gehabt, wobei die Mikrofonhaltung Moden unterliegt: Rapper zum Beispiel halten das Mikrofon schräg von oben zum Mund.

Mittlerweile ist das Mikrofon fast schon ein Kultobjekt – obwohl man es kaum noch sehen kann, mit der Zeit ist es doch immer kleiner geworden. Die im Jahr 1982 entwickelte Piezo-Technik, die die Übertragungsqualität wesentlich verbessert hat, ermöglichte diese Verkleinerung, denn die darin enthaltenen Materialien, Keramik und Kristalle, sind viel kleiner als Kohlekörner.

Unauffällig sitzt das Mikro nun an Hemd- und Jackettkragen. Manchmal vergisst es der Träger sogar. So klagen sie in der Bild- und Tontechnik von Talk- und Unterhaltungsshows, dass die Zuschauer schon mal das Rauschen einer Klospülung mithören – wenn ein Gast das Mikro aus Versehen mit auf die Toilette genommen hat.

Kaum jemand hält es heutzutage noch in der Hand. Und die kleinen Mädchen, die vorm Spiegel ihre Lieblingssänger nachmachen wollen? Werden die in Zukunft einfach nichts mehr in der Hand halten? Keinen Kochlöffel, keinen Kamm, keine Bürste? Wer weiß. Vielleicht tritt auch schon bald ein neuer Star mit einer Bürste auf die Bühne.

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