Medien : Die Moral der Mächtigen

Doku erzählt die politische Sittengeschichte der Bundesrepublik

Kerstin Decker

Lange her, dass wir glaubten, Geschichte sei nur ein anderes Wort für den Weg zur Vernunft. Leben wir nicht längst in einer permanenten Sonnenfinsternis? Einen Bereich gibt es, der noch immer auf das Hellerwerden der menschlichen Dinge hoffen lässt. Berlin und Hamburg haben schwule Bürgermeister und fast alle finden, das ist gut so. Undenkbar war das noch vor fünfzig Jahren. Selbst die größten Philanthropen hätten nicht geglaubt, dass größere Menschengruppen – im Unterschied zu Einzelnen – einmal zu solcher Unbefangenheit im Umgang mit sich selbst und anderen fähig sein könnten. Dass sogar „die Masse“ Talent hat zur Toleranz.

Die zweiteilige MDR-Dokumentation heute Abend im Ersten hat ein sicheres Gespür für die Sensation, die darin liegt. Und weil die bekannten Dinge noch lange nicht die erkannten sind, fängt sie noch einmal in der Vorgeschichte an. Also bei Adenauer. Denn moralisch gesehen, gehört die Adenauer-Ära einer anderen Zeitrechnung an. Da wären Wowereit und von Beust nicht Bürgermeister sondern eher Häftlinge geworden.

Moral ist eine Frage des Zeitpunkts, schlussfolgern die Autoren Tom Ockers und Michael Jürgs und erinnern an das traurige Schicksal des FDP-Abgeordneten Blücher, der in den Fünfzigern nach Paris fuhr und sich bei seiner Rückkehr vor die Adenauer-Frage gestellt fand: Kennt Ihre Frau eigentlich die Dame, mit der Sie in Paris waren? Fortan fiel Blücher dadurch auf, dass er als einziger FDP-Minister mit Ja! stimmte, wo alle anderen für Nein! waren. Was ist schon der Anschluss des Saarlandes als Entscheidungsfrage gegen die Gefahr, seine Frau könnte die Dame aus Paris doch noch kennen lernen. Schlechte Karten hatten natürlich unverheiratete Minister. Oder ledige Nato-Generäle. Wer keinen Trauschein hatte, galt sowieso als schwul. Noch in den Achtzigern wurde der ledige General Kießling schon einmal vorsorglich entlassen – denn sind Schwule nicht schon aufgrund ihrer Lebensweise ein Sicherheitsrisiko? Allerdings mussten Kohl und Wörner Kießling rehabilitieren, weil der genauso wenig in Kölner Stricherkneipen verkehrte wie Kohl mit seiner Vorzimmerdame.

Rein ästhetisch gesehen, fällt diese Dokumentation unter die Rubrik Schnipselfernsehen. Fünfzig Jahre politische Sittengeschichte in eineinhalb Stunden. Man kann es verzeihen, zumal die Autoren so bemerkenswerte Erotik-Kommentatoren gefunden haben wie Egon Bahr (zu Brandt und anderen) und Peter Boenisch (zu allem) oder Björn Engholm (zu sich selbst). Ärgerlich ist der Ehrgeiz der Autoren, das komplette Liedgut eines Jahrzehnts in zwei Minuten vorzutragen, wegen der sinnlichen Einstimmung. Ein oft unterschätzter Vorzug der rigiden Sexualmoral der Vergangenheit war, dass Journalisten oft viel mehr wussten als sie schrieben (Kartell des Schweigens), während sie heute mehr schreiben als sie wissen. Diese Dialektik wird angedeutet.

Zwei Ausnahmen von der neuen Unmöglichkeit, mit Sex heute noch einen politischen Skandal zu machen, scheint es zu geben: Scharping und Friedman. Scharping kommt im Film vor. War es nicht der ewige Pennäler Scharping selbst, der versuchte, erotisch aufzufallen, während seine Armee gerade anderes vorhatte? Die Verhältnismäßigkeit stimmte nicht. Wie auch bei Friedman. Eine Art säkularer Gegenpapst sein zu wollen und zugleich zu koksen und zu huren, ist ein nicht uninteressantes, jedoch sehr gewagtes Arrangement.

Bleibt die „Erotik der Macht“. Die Filmemacher bezeichnen damit den sexuellen Erfolg von Männern, deren erotische Attraktivität gar nicht mit bloßem Auge erkennbar ist, denken wir an Franz Josef Strauß, Theo Waigel oder Rudolf Scharping.

„Sex. Skandale. Politik. Die Erotik der Macht“: ARD, 21 Uhr 45 (Teil 1) und 23 Uhr 30 (Teil 2).

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