''Die Rebellin'' : Niedlich war gestern

"Verliebt in Berlin" war ihr Durchbruch. Jetzt ist Alexandra Neldel als "Die Rebellin" im ZDF zu sehen

Johannes Gernert
Rebellin
Flucht aus Berlin. In den letzten Kriegstagen zieht Lena (Alexandra Neldel, l.) mit ihren Eltern um. -Foto: ZDF

Alexandra Neldel hat ein altmodisches Gesicht. Sie weiß selbst nicht genau, was das bedeutet. Eine Redakteurin vom ZDF hat es ihr gesagt. Das sei der Grund, weshalb sie die Rolle der „Rebellin“ bekommen hat, die Titelrolle des Event-Dreiteilers, mit dem das ZDF das neue Jahr beginnt. Alexandra Neldels altmodisches Gesicht hat den Vorteil, dass es einer jüngeren Zielgruppe noch sehr gut aus der Zeit bekannt ist, als sich auf der Nase dieses Gesichts eine dicke Hornbrille befand und auf den Zähnen eine Zahnspangenattrappe.

Die Figur, die Neldel mithilfe dieser Verkleidungsutensilien verkörperte, nannte sich Lisa Plenske. Es war die tragende Protagonistin einer erstaunlich zuschauerreichen Sat-1-Telenovela namens „Verliebt in Berlin“. Im vergangenen Frühjahr war Neldels Gesicht, das gedruckt ein wenig streng, aber live in fast jeder Sekunde freundlich wirkt, auf riesige Plakate in ihrer Heimatstadt Berlin gedruckt. Es warb für die auf amerikanische Art ambitionierte, aber gegen Ende hin etwas zuschauerarme Krimi-Serie „Unschuldig“, mit der ProSieben gerne den Sat1-Quotenerfolg von „Verliebt in Berlin“ wiederholt hätte. Dieser Bemühung liegt der Verdacht zugrunde, dass die Beliebtheit der Lisa Plenske mit ihrer Darstellerin Alexandra Neldel zu tun hat.

Alexandra Neldel würde das genau so nie bestätigen. Sie ziert sich gern mit Bescheidenheit. In ihrem altmodischen Gesicht sitzt an diesem etwas trüben Morgen eine eher neumodische Brille, groß, schwarz, eckig. Eine Jeans pludert sich an ihren Beinen hinunter, leicht dreiecksförmig in Richtung Absatzschuhe. Neldel lächelt, das scheint eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu sein. „Ich bekomme einfach gute Sachen“, sagt sie. Es muss also gar nicht unbedingt an ihr liegen, das alles, soll das wohl bedeuten. Sie ist einmal in einem Rosamunde-Pilcher-Film fürs ZDF aufgetreten, ihre Premiere im Zweiten. „Jetzt konnte ich die Rebellin spielen und durfte deswegen zu „Wetten, dass...“ auf die Couch“, sagt sie. Eine große Sache, für die Show erhielt sie als Kind immer die Genehmigung aufzubleiben. „Ich war sehr nervös, muss ich ganz ehrlich sagen.“

Alexandra Neldel ist über-höflich – was sie manchmal zu kleineren Ruppigkeiten zu zwingen scheint. Als ihre Schauspielerkollegin Anna Fischer bei einem kurzen Podiumsgespräch über „Die Rebellin“ die Arbeit der Requisite nach Ansicht von Alexandra Neldel nicht entsprechend würdigt, weil Anna Fischer bemerkt, im ersten Teil der Filmreihe seien Kostüme ja noch nicht so wichtig, da lobt Neldel die Kostümbildner auch für ihren Einsatz am Anfang derart entschieden, dass Fischer kurz schulmädchenmäßig gemaßregelt den Kopf einzieht. Selbstverständlich vergisst Neldel nicht, sich dafür zu entschuldigen, dass sie da einfach einmal habe widersprechen müssen.

Alexandra Neldels besonderes Verhältnis zur Maske ist möglicherweise auch damit zu erklären, dass ihr der erste Karrieresprung in einem Fatsuit gelang – so nennt man den Verdickungsanzug, in den sie sich als Lisa Plenske immer zwängen musste. Die Telenovela hatte etwas Märchenhaftes – wie auch Neldels Karriere: Sie begann bei einem Polo-Turnier, in das sich die junge Steglitzer Zahnarzthelferin mit einem geliehenen VIP-Bändchen eingeschlichen hatte. Dort wurde sie entdeckt. Es folgten „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und schließlich „Verliebt in Berlin“.

Ihr neuester Film „Die Rebellin“ erzählt nun von der jungen Flüchtlingsfrau Lena Berkow, die ihr Familienvermächtnis, ihre Begeisterung für die Technik im Allgemeinen und für Radio- und Fernsehgeräte im Besonderen in die Hallen einer fränkischen Radio- und Fernsehfirma treibt – deren Chef hat nicht nur ihrem verstorbenen Vater die Erfindung eines TV-Kastens geklaut, sondern dessen Sohn sendet wiederum auch deutliche Signale an Lena Berkow. Darum herum wird nicht viel weniger als die gesamte Nachkriegsgeschichte der 50er Jahre erzählt. Verlauste Heimkehrer, verbliebene Hitler-Träume, Army-Amis mit Kaugummi, Entnazifizierung, überfüllte Flüchtlingsbauernhöfe, Wirtschaftswiederaufbau.

Wenn man bedenkt, dass das ZDF dieses Vorhaben innerhalb weniger Wochen recht spontan in Höchstgeschwindigkeit produziert hat, ist es ein beachtliches Fernsehgeschichtswerk geworden. Die Drehbücher wurden teils erst während des Drehs fertig. Es liegt vielleicht auch an dem rasanten Produktionstempo, dass Alexandra Neldel in manchen Szenen nicht viel mehr als ein altmodisches Gesicht bleibt, auf das sie sich selbst verschiedene Grundstimmungen zu projizieren scheint. Traurig, fröhlich, hart, kühl, sehr traurig. Sie hat Anfang 2008 in dem nicht besonders bedeutenden, aber unterhaltsamen Kinofilm „Märzmelodie“ eine neurotische Lehrerin gespielt, da war sie wesentlich mehr als ein Gesicht. Auch in „Unschuldig“ gelang ihr als ermittelnde Anwältin eine verletzliche Kühle, die der Serie gutgetan hat.

Neldel sagt, dass sie trotz aller Identifikation, trotz aller Arbeit, immer einen gewissen Abstand zu einer Rolle wahre, dass sie nach dem Dreh nie darin bleibe. Man sieht diesen Abstand manchmal – trotz der Kittelschürzen, der gestreiften Kleider, trotz der kunstvoll geflochtenen Zopffrisuren. Es sind Augenblicke, in denen die beiden Männer, zwischen denen Lena sich entscheiden muss, Neldel gegen die Wand zu spielen drohen. Der eine ein bodenständig-maulfauler Sebastian Bezzel, der andere ein manisch überdrehter David Rott. Neldel sagt, dass sich beim Spielen vieles über die Kostüme ergebe, über die unbequemen Schuhe, die einem eine bestimmte Haltung verleihen, über das Blutsuppe rühren, das Melken, all die Bauernhoftätigkeiten, die sie lernen musste. Es mag sich vieles so ergeben, aber eben nicht alles.

Am Ende, das weiß Neldel nur zu gut, wird wieder ein Quotenverdikt gefällt – und dafür ist die schauspielerische Leistung höchstens ein Faktor von vielen. Auch die ProSieben-Serie „Unschuldig“ hatte sich mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle anfangs wacker geschlagen. Dann begann die Fußball-Europameisterschaft 2008 und mit ihr nahm das Zuschauerinteresse ab. Trotzdem wird in diesem Frühjahr wohl eine Fortsetzung gedreht. Keine Serie, sondern eine Reihe von 90-Minütern. Was danach kommt? Neldel lächelt: „Schöne Projekte“, es gebe natürlich Angebote. Genaueres verschweigt sie äußerst höflich.

„Die Rebellin“, heute, am Mittwoch und am Sonntag, jeweils 20 Uhr 15, ZDF

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