Medien : Die Revolution stand nicht auf dem Programm

Im Osten marschiert das Volk gegen den SED-Staat. Im Westen flanieren die Berliner kurz vor Beginn der Filmfestspiele 1953 über den Kurfürstendamm. Bin ich im falschen Film?, fragt sich der junge Reporter Hans Scholz an diesem 17. Juni. Für den Nordwestdeutschen Rundfunk berichtet er aus dem Ostsektor der Stadt

Hans Scholz

Als sich die Eingangstür des Funkhauses am Heidelberger Platz hinter mir schloss, war zu spüren, dass etwas in der Luft lag. Es war gegen 9 Uhr morgens am 17. Juni 1953, und schon aus der Pförtnerloge wurden mir erste Schlagzeilen zugetragen: „Im Ostsektor ist die Hölle los!“ Und: „Ein Arbeiteraufstand bahnt sich an!“ Und: „Die Werktätigen aus dem Stahlwerk Henningsdorf befinden sich im Anmarsch auf das Regierungsviertel in Ost-Berlin.“ Headlines, die nichts Gutes verhießen.

In den Büros meiner Kollegen des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) Berlin herrschte gähnende Leere. Kein Wunder, denn im Zeitfunksekretariat erfuhr ich, dass zwei unserer Reporter mit ihren Kameras, die anderen mit Mikrofon und Aufnahmegerät bereits an die Sektorengrenze beziehungsweise in den Ostsektor gefahren waren.

Zum Glück stand noch eine weitere Kamera für Reportagezwecke zur Verfügung, und somit lag es nahe, mich ebenfalls eiligst auf den Weg zu machen. Da es für die handlichen 16-Millimeter-Kameras noch keine synchrone Tonausrüstung gab, drehte man als Reporter selbst, ohne Hilfe eines Kameramannes oder eines Tonassistenten. Ich war also ein Ein-Mann-Team und dadurch erheblich beweglicher. An einem Tag wie diesem war das von großem Vorteil.

Ich klemmte mir also die 16-mm-Kamera – Modell „Siemens C2“, eine echte Amateurbox – unter den Arm, nahm fünf Filmkassetten mit Umkehrfilm in Empfang sowie aus der Fahrbereitschaft den Schlüssel für einen VW Käfer und fuhr ab in Richtung Brandenburger Tor.

An der Grenze des britischen Sektors zum Ostsektor hatten sich erste Schaulustige eingefunden. Auf der Ostseite des Brandenburger Tores erkannte ich Soldaten der Kasernierten Volkspolizei auf Mannschaftswagen, und es dauerte nicht lange, bis auch schon die ersten Panzer zu hören waren. Begleitet wurden sie von den Rufen: „Die Russen kommen.“

Die Ereignisse begannen zu eskalieren. Ein paar jungen Männern war es gelungen, auf die obere Plattform des Brandenburger Tors zu klettern. Unter den anfeuernden Rufen der Menge – „Runter mit der Spalterfahne!“ – demontierten sie die dort oben flatternde rote Fahne, schwenkten sie triumphierend, um sie dann unter dem Beifall der Schaulustigen nach unten zu werfen. Das waren willkommene Bilder für mich. Bedauerlich, dass das Weitwinkelobjektiv meiner Kamera keine Nahaufnahmen erlaubte, und dass die kümmerlichen 13 Meter Schmalfilm in meinen Kassetten nur für zweieinhalb Minuten Aufnahmezeit reichten. In den spannendsten Momenten hieß es oft: Kassette wechseln!

Die russischen Panzer waren inzwischen bis zum Brandenburger Tor vorgerollt und zwangen mich, mir eine sichere Position zu suchen. Eng an eine der fünf dicken Säulen geschmiegt, sah ich die T 34 auf meine Kamera zukommen und war ganz euphorisch, als einer der Kolosse bildfüllend in meinem Sucher erschien. Beim Absetzen der Kamera fuhr mir allerdings der Schreck in die Glieder. Die Vorderfront des Panzers hielt direkt vor meiner Nase. Es war mein Glück, dass die stabile Säule des Brandenburger Tores den Panzerfahrer abgehalten hatte, auch nur einen Meter weiter zu fahren. Er hätte mich glatt überrollen können, während ich unten am Boden kauerte.

Zu allem Überfluss waren jetzt meine fünf Filmkassetten abgedreht. Sie mussten entwickelt werden, und ich brauchte dringend Nachschub. Also ab in die Kopieranstalt, auf dem schnellsten Weg nach Lankwitz.

Durch den Tiergarten fuhr ich in Richtung Kurfürstendamm. Die rote Ampel am Kranzler-Eck versetzte mich urplötzlich in eine andere Wirklichkeit. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen: War ich im falschen Film? Im bunten Fahnenschmuck der Internationalen Filmfestspiele, die am folgenden Tag begannen, saßen oder flanierten die Berliner bei strahlendem Sonnenschein auf dem West-Berliner Boulevard und hatten offensichtlich keine Ahnung davon, was sich wenige Kilometer von ihnen entfernt abspielte. Es kam mir vor, als wäre ich auf dem Gelände eines Filmstudios und dort von einem Drehort in den nächsten geraten. Hier die „Großstadt-Melodie“, dort „Apocalypse now“. Eine absurde Kulisse.

Die Weiterfahrt verlief hektisch. Ich wollte so schnell wie möglich zurück zum Geschehen an der Sektorengrenze. In der Kopieranstalt gab ich meine Kassetten zur Entwicklung, versorgte mich mit frischem Filmmaterial und nahm diesmal Kurs in Richtung Potsdamer Platz.

Schon von weitem wies mir die Rauchwolke des dort brennenden Columbus-Hauses den Weg. Der Potsdamer Platz war ein Hexenkessel. Demonstranten aus dem Ostsektor und Passanten aus den Westsektoren rissen die Sektorengrenzschilder sowie Propagandatafeln, Transparente und kommunistische Spruchbänder aus den Befestigungen. Die Spannung wuchs von Minute zu Minute und erreichte ihren Höhepunkt, als auch hier Sowjetpanzer auftauchten. Es flogen Steine und Knüppel, Schüsse waren zu hören. Die Menschen reagierten wütend und verzweifelt. Mit der zunehmenden Präsenz von bewaffneten Truppen und anderen „Ordnungskräften“ war die Bedrohlichkeit der Situation nicht mehr zu steigern. Selbst das Filmen wurde für mich immer prekärer. Um einen Überblick zu gewinnen, hatte ich mir einen erhöhten Standort gesucht, wobei ich Gefahr lief, leicht zur Zielscheibe für Steinwürfe, wenn nicht gar Kugeln, zu werden. Ziemlich ungemütlich war es also, aber es ging noch mal gut.

Auf beiden Seiten der Sektorengrenze versuchte die Polizei inzwischen, die erregte Menschenmenge auseinanderzutreiben und zurückzudrängen. Plötzlich war zu hören, die sowjetische Stadtkommandantur habe den Ausnahmezustand für Ost-Berlin ausgerufen, im Ost-Berliner Regierungsviertel und Unter den Linden gäbe es bereits Tote und Verletzte.

Bei all dem Tumult war mir jegliches Zeitgefühl verloren gegangen. Es wurde knapp, meine Filme mussten noch entwickelt und geschnitten werden, und der Beginn unserer Sondersendung um 20 Uhr rückte näher.

Im Schneideraum der Kopieranstalt lief die Bearbeitung der ersten Filmausbeute durch meine Reporterkollegen auf vollen Touren. Die Bilder gaben einen realistischen Eindruck von dem wieder, was sich vor unseren Kameras abgespielt hatte. Dennoch vermissten wir etwas: die „Atmosphäre“.

Originaltöne von den Radiokollegen

Auf Grund unserer Ausrüstung hatten wir stumm gedreht, es fehlte die Geräuschkulisse, von der das aufgeheizte Geschehen erfüllt war. Mit Hilfe von Originaltönen aus den Reportagen unserer Radiokollegen konnte ich das Fehlende noch schnell ergänzen. Mit dieser Ausbeute hastete ich nach Tempelhof ins Fernsehstudio, das sich in dem attraktiven Jugendstilbau des ehemaligen Reichspostzentralamtes in der Ringbahnstraße befand. Das Programm des Berliner NWDR- Fernsehens war hier Gast der Bundespost, die ihrerseits die Technik stellte.

Pünktlich zum Programmbeginn um 20 Uhr standen wir dann zu dritt, meine Kollegen Günther Piecho, Herbert Viktor und ich, im Studio. Nach der Generalansage, mit der Ankündigung unserer Sondersendung vom Volksaufstand in Ost-Berlin, begannen für mich die aufregendsten Minuten des Tages. Im Gegensatz zu meinen Kollegen war ich als Redakteur und Regisseur kein geübter Reporter.

Kein Wunder, dass ich am Ende der Sendung erleichtert aufatmete, nicht ahnend, dass wir eine Lawine losgetreten hatten. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von der aktuellen Berichterstattung über die Berliner Vorgänge auch im Westen unseres Landes verbreitet. Wer erst später nach Hause gekommen war und die Sendung nicht gesehen hatte, erfuhr durch Freunde und Nachbarn – soweit sie ein Fernsehgerät besaßen – von dem Geschehen. So griffen viele zum Telefon und fragten in den Funkhäusern nach einer möglichen Wiederholung des Programms. Das Ergebnis war, dass für 21 Uhr eine zweite Sondersendung angesetzt wurde.

Da wir das Jahr 1953 schrieben, gab es folglich noch keine Programmaufzeichnungen. Alles, bis auf die Filme natürlich, wurde live gesendet. So standen wir erneut – der gerade laufende Spielfilm wurde unterbrochen – vor den beiden Kameras unseres kleinen Studios und gaben ein zweites Mal unsere Eindrücke und die Filmberichte vom Ablauf dieses historischen Tages zum Besten. Doch wie das Leben so spielt: Es gab noch eine dritte Sendung, der Abend war also noch lange nicht vorbei.

Dank der Hörfunkkollegen war es gelungen, Augenzeugen aus Ost-Berlin, darunter zwei der jungen Männer, die die rote Fahne vom Brandenburger Tor heruntergeholt hatten, ins Studio zu bringen. Ein Rias-Reporter hatte außerdem das Glück, den stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR, Otto Nuschke, vor sein Mikrofon zu bekommen. Ein Vorgang, dem man an diesem Tag ganz besondere Bedeutung beimessen durfte.

Mit dem Rücken zur Kamera

Der Fernsehkollege, der zufällig mit der stummen Kamera in der Nähe war, filmte das Interview gleich mit. Mit etwas Geschick gelang es uns, diese Bilder mit dem Radiointerview zu kombinieren – nicht ganz synchron versteht sich, doch Aktualität und Brisanz des Gespräches machten diesen technischen Mangel allemal wett.

Somit gab es neuen Stoff für eine dritte Sondersendung, die um 22 Uhr 45 startete. In dem Gespräch mit unseren Studiogästen zeigten sich die Ost-Berliner Augenzeugen im Studio zu ihrer eigenen Sicherheit nur mit dem Rücken zur Kamera. Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme, wie sich erweisen sollte.

Es war spät geworden an diesem Fernsehabend des 17. Juni 1953, einem Tag, der kurze Zeit danach im Westen ein nationaler Feiertag werden sollte. Doch auch für das noch junge Fernsehprogramm bekam dieser Abend seinen besonderen Stellenwert. Er verhalf der aktuellen Berichterstattung mit dem 16-mm-Film zum Durchbruch. Man hatte bisher diesem „Schmalfilm“ nicht den ihm zustehenden Platz eingeräumt. Altgediente Filmleute stuften ihn als „amateurhaft“ ein, und die Perfektionisten hielten ihn qualitativ für ungeeignet. Dieser Vorwurf bezog sich in erster Linie auf die Wiedergabetechnik, die noch nicht richtig ausgereift war. Durch Neuentwicklungen in der Fernsehindustrie konnte dieses Manko alsbald ausgeglichen werden, so dass sich selbst Fernsehspielfilme in späteren Jahren auf 16-mm-Material behaupteten, ohne das man an der Bildqualität Anstoß nahm.

Zwei weitere Argumente ließen die Kritiker kapitulieren: Aktualität und Schnelligkeit. Wir hatten in Berlin einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung vorgegeben. Der 16-mm-Film war plötzlich „in“. So schrieb Kurt Wagenführ 1953 in der Fachzeitschrift „fernseh-informationen“: „Das Fernsehen hat einen überzeugenden Beweis für sein Aktualitätsgefühl, sein Verantwortungsbewusstsein in der Berichterstattung und in der Zielsetzung gezeigt – durch fast pausenlose Bereitschaft die Fernsehteilnehmer an einer Schicksalsstunde teilnehmen zu lassen, die nicht nur Berlin oder die Sowjetzone betrifft. Es handelte sich nicht um Sensationsmeldungen – die Bilder und die dazu gesprochenen Kommentare waren Meldung, Wirklichkeit, Zeitgeschehen, echte Ausschnitte aus dem Leben einer Stadt und seiner unterdrückten Bewohner. Das ist die Aufgabe eines publizistischen Instrumentes: dieses Bild einzufangen und an alle heranzutragen, gerade an die, die räumlich entfernt, aber mit ihren Gedanken bei den Menschen in dieser Stadt sind.“

Noch eine Stimme ließ von sich hören, auf deren Urteil wir zweifelsohne angewiesen waren und sie daher umso mehr zu schätzen wussten. Es war die des damaligen Generaldirektors des Nordwestdeutschen Rundfunks, Adolf Grimme. Jeder von uns drei Reportern erhielt ein persönliches Dankschreiben und die Ankündigung, dass zum Lohn für seine Arbeit eine Überweisung über 50 Mark an der Kasse liegen werde. Wir wurden, genau genommen, die ersten „Grimme-Preisträger“.

Ach ja, da war doch noch etwas: Kurz vor Mitternacht bin ich an diesem Abend auf der Geburtstagsparty meines Freundes Ferry aufgetaucht. Aus diesem Anlass hatte ich mich am Morgen bereits schick gemacht. Wie sich herausstellen sollte, ein reichlich unpassendes Outfit für den Verlauf des Tages. Ich war ziemlich überrascht, als ich in meinem arg ramponierten Anzug mit Standing Ovations empfangen wurde.

Die anwesenden Gäste hatten alle drei Sondersendungen gesehen und fanden es angemessen, an diesem 17. Juni nicht nur das Geburtstagskind zu feiern. Ich war gerührt.

Der Autor arbeitete von 1947 bis 1954 als Redakteur und Regisseur beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) in Berlin. Nach Stationen beim SFB und NDR ging Scholz 1960 für fünf Jahre in die Vereinigten Staaten. Danach arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 1994 beim WDR.

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