Medien : Die Stunde der Wahrheit

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Von Barbara Nolte

Fast vier Stunden saßen sie am Donnerstagabend zusammen. Sie saßen in einem Raum, der groß ist wie eine Turnhalle, der keine Fenster hat, weil hier früher die Druckmaschinen der „Süddeutschen Zeitung“ stampften. Seit die Druckerei vor die Tore der Stadt gezogen ist, feiern sie hier ihre Feste. Am Donnerstag verteilten sich etwa 250 Redakteure in den Plastikstuhlreihen. Darunter vielleicht zwanzig, die in den vergangenen zwei Wochen bei ihren Ressortleitern einbestellt worden waren, zwanzig, die fürchteten, dass der Verlag vielleicht noch am selben Abend ihre Kündigung losschickt – wenn jetzt nicht noch ein rettender Vorschlag kommt.

Sie waren sehr still. Seit einer Umfrage wissen sie, dass die Solidarität der Kollegen Grenzen hat. Der Redaktionsausschuss hatte sechs verschiedene Arbeitszeitmodelle zur Abstimmung gestellt, durch die mehr oder weniger Jobs erhalten werden können. Der Minimal-Vorschlag lautete: Ein Gehaltsverzicht von fünf Prozent mit Freizeitausgleich – was bei einem „SZ“-Normalverdiener etwa 100 Euro pro Monat entspricht. 48 Prozent stimmten gegen jedes der sechs Modelle. Die Hälfte der „SZ“-Redakteure macht also genau das, was sie in ihren Kommentaren immer anprangert: Sie verteidigt ihre Besitzstände.

In diesen Wochen lohnt es sich, die Meinungsseiten der Zeitungen nochmal zu lesen: Da kritisierte zum Beispiel die „Süddeutsche“ die Bundesregierung dafür, dass sie den „Trend zu alternativen Arbeitszeitmodellen" nicht forciere. Und die „FAZ" lobte einen FDP-Gesetzentwurf, der Arbeitnehmern erlaubt, auch auf ihren Tariflohn zu verzichten, wenn sie dadurch ihre Kündigung „noch mal abwenden" könnten.

Jetzt stecken sie selbst in der Krise, über die sie immer geschrieben haben. Journalisten stehen vor der Entlassung, vor der Arbeitslosigkeit: Allein bei den großen fünf Tageszeitungen „SZ“, „FAZ", „FR“, „Handelsblatt" und der fusionierten „Welt" und „Morgenpost" müssen etwa 250 Redakteure gehen. Für Kommentar-Weisheiten hat die Stunde der Wahrheit geschlagen.

Ein Bündnis für Arbeit

In der „FAZ“ wollten die Redaktionen, die dem Wirtschaftsherausgeber Jürgen Jeske unterstehen, nachmachen, was sie beim Heizungsbauer Viessmann gelobt hatten: Sie wollten ihr Gehalt reduzieren, um ganze zwanzig Prozent, damit niemandem gekündigt werden müsste. In der Wirtschaftsredaktion der „Sonntagszeitung" hatten sie sich ein Arbeitszeitmodell maßgeschneidert: Von denen, die auf der Kündigungsliste standen, wurde der höchste Solidarbeitrag erwartet. Sie hätten sich auf eine halbe Stelle runterstufen lassen müssen. Der Rest der Redaktion sollte auf so viel verzichten, wie er kann – wer drei Kinder hat, hätte sein volles Gehalt behalten. Aber der Versuch scheiterte. Die Wirtschaftsredakteure wollten nämlich drei bestimmte Kollegen retten, was aber mit dem Modell, nach dem die „FAZ“ diesmal ihre Kündigungen aussprach, nicht vereinbar war. Es wurde nach Sozialplan entlassen, das heißt, nach einer Art Rangliste, die sich „aus Alter, Betriebszugehörigkeit, Behinderung“ berechnet, wie der Betriebsratsvorsitzende Michael Spankus erklärt. Da ließ sich keiner rauskaufen. Wer auf den letzten Plätzen lag, musste gehen.

Bei der „Süddeutschen“ hatte der Betriebsratsvorsitzende Klaus Schönauer ein Kurzarbeitsmodell vorgestellt, bei dem Solidarität sozusagen zum Sonderpreis zu haben gewesen wäre: Auf etwa vier Prozent Gehalt hätten die Redakteure verzichten müssen, dafür bräuchten sie zehn Prozent weniger zu arbeiten. Die Differenz würde das Arbeitsamt ausgleichen. Die Redakteure stellten eine Bedingung: Der Verlag müsse garantieren, dass dann im kommenden Jahr niemandem gekündigt wird. Das wollte der Verlag nicht versprechen. Jetzt wird es immer unwahrscheinlicher, dass es noch zu einem großen Solidarmodell kommt. Anfang der Woche werden die Kündigungen verschickt. Die Redakteure tüfteln trotzdem noch an kleinen Modellen. Das Muster: Zehn Redakteure verzichten auf ein paar hundert Euro, dafür bekommt ein Kollege, der auf dem desaströsen Arbeitsmarkt ganz gewiss nichts mehr findet, ein fixes Monatshonorar.

Kündigung statt Relaunch

Vor Arbeitsgerichten werden wohl nur die wenigsten Kündigungen der „SZ“ Bestand haben. Denn die Zeitung hat die 37 Redakteure entlassen, die sie für entbehrlich hält. Viele Ältere hat es getroffen. Bis auf die Mitarbeiter der „Berlin-Seite“ und des Jugendmagazins „Jetzt“; die sind im Durchschnitt erst um die dreißig. Mitsamt ihren Seiten sollen alle von ihnen jetzt aus der „Süddeutschen“ verschwinden.

Die „Berlin-Seite“, eingestellt am vergangenen Samstag, ist bereits von den zwei- und dreispaltigen Artikeln der hinteren Nachrichtenseiten überwuchert. Und montags, am früheren „Jetzt“-Tag, fällt höchstens noch ein Werbe-Katalog aus der „SZ“. Im Gegensatz zu anderen Branchen, die der Krise mit neuen Konzepten begegnen, werden Zeitungen bislang nur dünner.

Die „Frankfurter Rundschau“, ebenfalls von dramatischen Anzeigeneinbrüchen in die Verlustzone katapultiert, hat ihren Relaunch, den sie schon mehrere Male angekündigt und wieder abgeblasen hatte, erneut verschoben. Jetzt gehen Ende August, etwa um den ausgefallenen Relaunch-Termin herum, wohl Kündigungen raus. „Wir kommen nicht drumherum“, sagt der Personalchef Günter Wolf. Es kursiert auch schon eine Zahl: 21 Redakteure. „Die Zahl ist falsch", sagt Wolf. Noch versuchen sie in der „FR“, alternative Arbeitszeitmodelle zu finden. Die Redaktion hat einen Beirat gebildet, der Sparvorschläge sammelt. Ein Vorschlag war die Reduzierung des Weihnachtsgeldes. Aber da spielte der Betriebsrat nicht mit. Das verstoße gegen das Tarifvertragsgesetz.

Auf die Hilfe von Betriebsräten kann nur bedingt zählen, wer von der Kündigung betroffen ist. Helmut Kruschak, Betriebsratsvorsitzender bei Springer, berät Redakteure bei Abfindungsverhandlungen; bei den fusionierten Redaktionen von „Welt“ und „Morgenpost“ müssen 120 gehen. Über alternative Arbeitszeitmodelle denkt er kaum nach: „Zu viele Fragen sind ungeklärt: Gibt es ein Rückkehrrecht auf Vollzeit? Wie viele Jobs können damit erhalten werden?“

Die Wirtschaftsredaktion der „Badischen Zeitung“ hat vor fünf Jahren mal ein Solidarmodell versucht. Alle reduzierten Arbeitszeit und Gehalt auf 90 Prozent. Dafür konnte eine Volontärin mit einer halben Stelle übernommen werden. Bei der nächsten Sparrunde wurde die halbe Stelle gestrichen. Sie hatten wieder die ganze Arbeit. Ihr Gehalt blieb aber bei 90 Prozent.

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