Medien : Die Terrier von der Themse

Oh, Dear! In England muss ein Boulevardreporter wegen Schnüffelei ins Gefängnis. Ein Frontbesuch

John F. Jungclaussen[London]

Clive Goodman ist kein guter Mann, das fand der Richter auch. Aus niederen Motiven habe er gehandelt, als Goodman in seiner Rolle als Hofreporter des sonntäglichen Boulevardblatts „The News of the World“ heimlich über 600 Nachrichten abgehört hatte, die von den Prinzen William und Harry auf den Handys der Mitarbeiter des königlichen Hofes hinterlassen worden waren. „In diesem Fall geht es nicht um Pressefreiheit, sondern allein um einen schweren, unentschuldbaren Eingriff in die Privatsphäre“, sagte Richter Gross und verurteilte Goodman zu vier Monaten Gefängnis.

Da ist sie also wieder, die hässliche Fratze der britischen Boulevardpresse. Einmal mehr hat sie den Pfad von Anstand und Legalität verlassen und viel Geld investiert, um eine saftige Schlagzeile zu liefern. Neben Goodman saß der Privatdetektiv Glenn Mulcaire auf der Anklagebank. Er geht nun für sechs Monate ins Gefängnis. Mulcaire stand bei „News of the World“ unter Vertrag. Für „Forschungs- und Informationsdienste“ bekam er ein Jahressalär von über 104 000 Pfund (rund 150 000 Euro) im Jahr. Am Ende war es keine gute Investition. Die einzige Geschichte, die sie erspitzeln konnten, war, dass Prinz William eine Militärübung ausfallen lassen musste, weil er ein kaputtes Knie hatte – nicht gerade der Stoff, aus dem Traumtitelseiten gestrickt werden.

Dieses Mal war es also nichts, aber die britische Boulevardpresse wird schon weiter wühlen in dem Privatleben von Supermodels, Fußballstars, Politikern und Royals und schließlich werden sie auch eine Story haben, die wieder richtig groß ist; dann werden sich einige wenige über die Methoden der schnüffelnden Reporter aufregen, aber Millionen von Menschen werden das Blatt kaufen und alle Intimitäten aus der Glitzerwelt gierig verschlingen. Darum geht es hier nämlich in erster Linie. Britische Boulevardblätter reagieren einzig und allein auf die Nachfrage ihrer Leser. Und dass müssen sie auch, denn sie operieren auf einem heiß umkämpften Markt. Nicht weniger als 14 Boulevardtitel suchen jeden Tag eine Schlagzeile, die den geneigten Käufer von der Konkurrenz weglockt. Und weil die Neugier des Lesers genauso bedient werden muss, wie sein Anspruch auf moralische Integrität, scheuen sich die Redakteure auch nicht vor krasser Heuchelei. Als vor einigen Woche die Hatz auf Prinz Williams Freundin Kate Middleton darin gipfelte, dass eine Horde von fast hundert Fotografen ihre Wohnung belagerte, empörte sich die „Daily Mail“ heftig über die Paparazzi. Sie seien dabei „ein Leben zu zerstören“, wetterte der Leitartikler und erinnerte daran, wie Prinzessin Diana vor fast zehn Jahren auf der Flucht vor den Fotografen in den Tod gerast war. Auf der Titelseite derselben Ausgabe prangte, natürlich, ein Foto von Kate Middleton, die sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Sonnenbrille vor den Objektiven versteckte.

Und noch etwas steckt dahinter: Die britische Presse versteht sich in erster Linie als Oppositionsorgan zu den Herrschenden. Dass war schon immer so, es spiegelt das britische Staatsverständnis wider. Im Zentrum der Gesellschaft steht hier das Individuum, nicht das Kollektiv. So groß die Mehrheit eines Politikers auch sein mag, so sehr die Briten ihr Königshaus lieben, in ihrem Inneren misstrauen sie „denen da oben“. Das Wort vom „Vater Staat“ gibt es im Englischen nicht. Der Staat erhebt Steuern, greift in das Privatleben ein und das macht ihn suspekt. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts karikierte der Maler und politische Kommentator William Hogarth die Dekadenz der Aristokratie in seinen Bildern und auch die ersten Zeitungen mussten sich von Anfang gegen die Zensur des Staates durchsetzen. „Respektlosigkeit gehört zu den besten Tugenden der britischen Presse“, hat der Veteran des Journalismus, Frank Johnson, einmal gesagt.

Tatsächlich steckt darin auch etwas Gutes. Die Terriermentalität der Presse beschert den Briten nämlich ein politisches System, das weit weniger korrupt ist, als man es aus anderen Teilen Europas so kennt. In Großbritannien hört eine politische Karriere auf, wenn jemand von einem Kaufhausbesitzer 2000 Pfund annimmt und eine Nacht umsonst in seinem Pariser Luxushotel wohnt. So ging es dem konservativen Unterhausabgeordneten Neil Hamilton, der dem Harrods-Boss Mohammed al Fayed vor zehn Jahren einmal anbot, sich für ihn im Parlament einzusetzen. Der „Guardian“ deckte die Geschichte auf und Neil Hamilton war erledigt. Sein Kollege Jonathan Aitken wurde ebenfalls vom „Guardian“ überführt, in unkoschere Deals mit den Saudis verwickelt zu sein, und landete wegen Meineids im Gefängnis.

Vergleicht man das mit den Skandalen in Deutschland und Frankreich, dem Deal zwischen dem Ölkonzern Elf Aquitaine und den Leunawerken, bei dem Schmiergelder in Höhe von mehreren hundert Millionen Mark flossen, oder Helmut Kohls Parteispendenaffäre, dann erscheint eine Presse, die sich unnachgiebig festbeißt, auf einmal ganz wünschenswert. Britische Politiker sind nicht weniger korrupt, der Parteispendenfall in den Tony Blair sich gerade verwickelt sieht, ist ein Indiz dafür. Aber wer sich dort dafür entscheidet, die politische Bühne zu betreten, erwartet von der Presse keine Nachsicht und nur wenig Anstand. Das ist ein hoher Preis, und wer würde Kate Middleton und Prinz William schon darum beneiden. Aber der Demokratie tut es gut.

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