Medien : Die virtuelle Frau

Kein Gespräch, dafür ein Kuchenrezept: Angela Merkel bei „Beckmann“

Kerstin Decker

Am Wochenende war Angela Merkel bei der Saisoneröffnung der Mailänder Scala, wo sie den Tenor ausgepfiffen haben. „Aida“. Die Aufführung war gut, die Stimmen waren okay, hat sie gesagt. Vielleicht hat sie auch gesagt: Die Stimmen waren okay, die Aufführung war gut. Wer will das hinterher noch so genau wissen, schließlich verlassen die Aussagen unserer Kanzlerin nur im Ausnahmefall das mittlere Maß solcher Präzision und Expressivität. Kann sein, Beckmann hat das gestört. Es lag fast ein Funke Aggressivität in seiner Stimme – insofern das bei Beckmann möglich ist –, als er feststellte, „Aida“ sei doch eine immens politische Oper. Die Augen der Kanzlerin verengten sich erschrocken. Wie meinte der das nun wieder? Nur weil Aida in Ägypten wohnt, die siegreiche ägyptische Armee darin vorkommt und sogar Geiselnehmer? Also ging sie auf Nummer sicher und antwortete mit einem typischen Kanzlerinnensatz: Wovon „Aida“ handele, gehöre zur Allgemeinbildung. Beckmann war aber auch gemein. Die Taktfrequenz seiner Fragen näherte sich beinahe dem Friedman-Tempo.

Die Hauptfrage nach diesem Beckmann-Abend muss lauten: Warum machte er das? Ausgerechnet Beckmann, dieser ungemeinste aller Showmaster. Er kann so ermutigend sein, noch dem unerleuchtetsten, verschrecktesten Gegenüber das Gefühl geben, hier bei ihm die großartigste Geschichte der Welt zu erzählen. Nichts davon bei Angela Merkel. Natürlich fragte er etwas anders als Friedman. Er fragte etwa, warum unsere Kanzlerin ausgerechnet in den Siebzigern zur Oper gekommen sei, wo man doch eher Jimi Hendrix oder Led Zeppelin hörte. Und was antwortete das Mädchen aus Templin in der Uckermark: „Wer ist man?“

Wie viele unendlich schöne Möglichkeiten hätte es gegeben, auf diese Frage zu antworten. Warum muss man bei Angela Merkel noch immer vor allem an den Osten denken, obwohl sie fast nie darüber redet? Sie könnte doch auch auf einem anderen Stern geboren sein, sie ist die Frau ohne Hintergrund. Die virtuelle Frau. Warum sollen wir in einer zunehmend virtuellen Welt nicht auch eine virtuelle Kanzlerin haben? Das ist ihr Realitätsgehalt. Schmidt und Schröder, die Vorgänger Merkels bei „Beckmann“ und im Amt, waren Kanzler und Vollpersonen zugleich.

Klären wir also die Frage „Wer ist man?“ Man ist Angela Merkel. Die größtmögliche Allgemeinheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit. Das Temperament eines toten Spaniers, der personifizierte Pressetext. Im Felde der Kanzlerin, also physikalisch gesprochen: Sie die Unbestimmtheitsrelation schlechthin. Das Wunder eines unpersönlichen Menschen. Nur macht es überhaupt keinen Spaß, das alles zu sagen. Nein, sie tat einem beinahe leid. Was für eine Herablassung, fast Gönnerhaftigkeit war in Beckmanns Gestus. Er musste sich keine Distanz verordnen, er hatte sie. Verständlich ist es schon: Beckmann führt Gespräche, keine Interviews. Mit Angela Merkel konnte er kein Gespräch führen. Hätte sie, die Großkritikerin des schröderschen „Nein“ zum Irakkrieg, nicht wenigstens bei diesem Thema einen Anflug eigenen Nachdenkens zeigen können? Denken ist individuell, es ist persönlich. Es ist im Kern das Gegenteil eines Absicherungsmechanismus. Egal, ob sie über Nichtraucherzonen oder den Irakkrieg spricht – in ihrem Mund klingt alles gleich.

Doch auch wenn man sich bei Angela Merkel an den spezifischen Charme und den Tonfall einer DDR-Funktionärin erinnert fühlt: Nur der Allgemeinheitsgrad ist derselbe. Die DDR-Funktionäre sprachen im Ton der absoluten Bestimmtheit, sie im Ton der absoluten Unbestimmtheit. Doch der rhetorische Effekt ist der gleiche: weißes Rauschen.

Das nächste Mal bei „Beckmann“ könnte sich Angela Merkel ein Beispiel an der Ausdruckskraft ihres Obstkuchens nehmen, nur ein kleines bisschen: „Das ist ein ordentlicher Hefekuchen mit ordentlichen Pflaumen!“

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