Medien : „Die Welt ist gegen uns“

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Von Annabel Wahba, Tel Aviv

Am Morgen war wieder eine dieser E-Mails angekommen. Diesmal aus Belgien. Ein Regisseur schrieb, er werde nicht zum Internationalen Festival der Filmhochschulen nach Tel Aviv kommen, auch sein Film solle dort nicht gezeigt werden. Vered Siv, die Filmstudentin aus dem Festivalbüro, ist mittlerweile geübt darin, zwischen den Zeilen der Absagen zu lesen. Sie ist vorsichtig mit ihrem Urteil, aber findet es ziemlich eigenartig, dass ein Regisseur nicht mal seinen Film vor israelischem Publikum zeigen will. „Er hat wohl politische Gründe, auch wenn er das nicht schreibt“, sagt Vered. Man könnte es auch Boykott nennen.

Das Tel Aviver Festival war immer eines der beliebtesten bei ausländischen Studenten. Wer dabei war, erzählt von nächtelangen Partys, dem Meer und schönen Menschen. Früher kamen knapp über 70 Studenten aus aller Welt, um hier persönlich ihre Filme zu präsentieren. Dieses Jahr, zwischen dem 1. und 8. Juni, werden es kaum mehr als 30 sein. Viele haben Angst, nach Israel zu reisen, aber einige sagen auch deshalb ab, weil sie glauben, mit ihrer Teilnahme die Politik des Staates Israel zu legitimieren.

Liliane Targownik, Filmemacherin und Gastdozentin an der Tel Aviver Universität, steht im kleinen Festivalbüro, in einer dunklen Ecke der Fakultät. Hier verwalten Studenten die Absagen. „Wenn man dieses Festival boykottiert, trifft es die Falschen“, sagt sie. Die Unis sind so etwas wie ein Hort der Liberalität. Die Verurteilung aus dem Ausland findet Targownik „zu kurz gegriffen“.

Bilder von Soldaten ohne Opfer

Israelis empfinden die Realität in ihrem Land ganz anders, als sie in den Bildern der ausländischen Medien präsentiert wird. Jeder kann hier CNN sehen, BBC und andere europäische Sender, und weil viele die Sprachen ihrer Eltern und Großeltern sprechen, verstehen sie auch zumindest ein ausländisches Programm. Die Israelis glauben, dass die Bilder, die dort gezeigt werden, einseitig sind, man sieht vorwiegend Panzer und Soldaten, aber nur selten israelische Opfer. Und das ist für sie einer der Gründe für die zunehmend Israel-kritische Stimmung in Europa.

Das Gefühl, dass alle gegen Israel sind, machte die größte Tageszeitung „Jediot Acharonot“ nach dem Abzug der israelischen Armee aus Dschenin zum Titel: „Die Welt ist gegen uns: Israel in einer PR-Schlacht“, hieß es in der Dachzeile, und darunter in zentimeterdicken, schwarzen Lettern: „Wir haben kein Massaker in Dschenin angerichtet.“

Dschenin, das war der Einschnitt, der Vorwurf des Massakers machte Menschen wie Liliane Targownik wütend. Sie ist in München aufgewachsen und wohnt heute abwechselnd dort und in Tel Aviv. Am 10. April, einen Tag, nachdem 13 Soldaten im Flüchtlingslager Dschenin in einem palästinensischen Hinterhalt getötet worden waren, flog sie zuletzt von Deutschland nach Israel. Die israelischen Zeitungen, die sie damals im Flugzeug bekam, hat sie aufgehoben. Sie holt sie aus einer Plastiktüte und zeigt Seiten voll mit Fotos und Nachrufen auf die toten Soldaten. Die Einheit war in einen Hof zwischen zwei Häusern vorgerückt, als ein Palästinenser mit Sprengstoffgürtel auf sie zu rannte und sich in die Luft jagte, gleichzeitig explodierten Minen, und die Männer wurden aus umliegenden Häusern beschossen. Die Armee hat die rund halbstündigen Kämpfe mit einer unbemannten Drohne aus der Luft gefilmt. „Im Ausland las man wenig später nur noch von der Zerstörung, die Israel in dem Lager angerichtet hat. Den Selbstmordattentäter und die Tatsache, dass die Häuser vermint waren, hat man anscheinend vergessen.“

Targownik hat Daten und Details der letzten Monate im Gedächtnis gespeichert und erklärt geduldig ihre Sicht der Dinge. Im himmelblauen Poloshirt sitzt sie im Garten der Uni-Cafeteria, ein paar Minuten von der Filmfakultät entfernt, tief im Innern des Campus. Um hier reinzukommen, muss man eine Sicherheitskontrolle passieren. Targownik ist eine Frau, die so etwas wie Ruhe ausstrahlt in diesem nervösen Land. Man merkt, es ist ihr wichtig, zu überzeugen. „Ich glaube, einige ausländische Journalisten hier kennen die Geschichte dieses Konflikts nicht genug, um die Ereignisse in den richtigen Zusammenhang zu stellen“, sagt sie. Sie hat in deutschen Medien auch Falschmeldungen entdeckt und deshalb Leserbriefe geschrieben.

So berichtete eine deutsche Tageszeitung Anfang April von einer Rede Scharons, in der er den „totalen Krieg“ gegen den Terror angekündigt haben soll. Doch den Ausdruck, den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels prägte, hatte Scharon niemals verwendet. Die Zeitung hatte falsch übersetzt, in Wahrheit hatte Scharon von einem „kompromisslosen Kampf“ gesprochen. Wenn Juden dann Äußerungen von Politikern wie Jürgen Möllemann und Norbert Blüm, der von einem „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ der Israelis sprach, lesen und außerdem von Anschlägen auf Synagogen in ganz Europa, dann fügt sich das zum Bild eines wieder erstarkten Antisemitismus zusammen.

Im April, während die Militäroperation „Schutzwall“ lief, hatten sich beim israelischen Presseamt zusätzlich zu den offiziellen ausländischen Korrespondenten um die 1100 Journalisten neu akkreditiert. Ein Mitarbeiter des Presseamtes deutet das so: „Im März, als hier täglich Bomben hochgingen, kam niemand.“ Dann strömten die Journalisten ins Land, um über die israelische Militäroffensive gegen die Palästinenser zu berichten, und – so der Eindruck in Israel – den jüdischen Staat als Aggressor zu brandmarken.

Im Jerusalemer Medienzentrum liefen während der Militäroperation viele freundliche Armeesprecher in olivgrüner Kleidung umher und gaben Interviews. Und wenn sie keiner etwas fragte, fragten sie, ob sie nicht behilflich sein könnten. Sie warnten vor Recherchen in den besetzten palästinensischen Städten, nicht nur, weil Krieg immer gefährlich ist, sondern weil die schusssicheren Westen der Journalisten für israelische Soldaten aus der Ferne aussähen wie Sprengstoffwesten von Attentätern und die Fernsehkameras wie Raketenwerfer. Jeden Abend kehrten dann Journalisten mit roten, verschwitzten Gesichtern aus Dschenin und Bethlehem zurück, ihre kiloschweren, schusssischeren Westen wie ein Baby auf dem Arm. Viele waren Kriegsreporter, die zuletzt aus Afghanistan und dem Kososvo berichtet hatten. Und obwohl es die Pressesprecher nicht gerne sahen, wenn Journalisten in die Kampfzone fuhren, hatte gleich neben dem Medienzentrum ein neuer Schutzwesten-Verleih geöffnet. Früher konnte man in dem Geschäft nur Autos mieten, jetzt waren die Westen stets ausgebucht. Für Kriegsreporter ist Israel ein Paradies. Denn, was sie hier vorfinden, ist eine Art Krieg de luxe. „Sie schlafen für 300 Dollar im King David Hotel, speisen morgens am Frühstücksbuffet, und 15 Minuten später sind sie mittendrin im Krieg“, sagt Armeesprecher Marcel Langbeheim.

Selbst Linke empfinden die Kritik aus dem Ausland als heuchlerisch. Betty Benbenisti entwirft PR-Kampagnen für Bürgerrechtsbewegungen, bis vor eineinhalb Jahren war die 32-Jährige Vorsitzende der größten israelischen Friedensbewegung Peace Now. Der Umgang mit den Medien ist ihr Geschäft. Betty sitzt zurückgelehnt auf ihrem Stuhl im Café und bläst den Rauch ihrer Zigarette mit einem entspannten Seufzer in den Raum. Neulich sprach sie eine Nachbarin an, sie habe Betty in einem Café gesehen, wo sie in aller Ruhe Zeitung gelesen habe. „Wie kannst du nur?“, fragte die Frau, als habe Betty etwas Unanständiges getan. Betty hat keine Angst vor Bombenanschlägen. Sie ist ungefähr einen Meter fünfzig groß und scheint sich vor gar nichts zu fürchten. Sie lacht laut und redet viel, am liebsten über Dinge, die unbequem sind.

Heuchlerische Kritik

Betty ist der Meinung, dass die Militärschläge der Israelis falsch waren und glaubt, dass es eine Alternative gibt zum Krieg. Aber sie sagt heute, so sehr sie ihre eigene Gesellschaft kritisiere, so heuchlerisch empfinde sie die Kritik aus dem Ausland. „Es ist für Europa sehr einfach, Israel zu kritisieren, weil man keinen politischen Preis dafür zahlen muss.“ Kein europäisches Land habe die USA kritisiert für den Militärschlag gegen Afghanistan. „Das Ziel war, bin Laden zu fassen, das haben die USA nicht geschafft. Aber sie haben hunderte von Zivilisten getötet. Wie viele, das weiß keiner so genau, und niemand macht das zum Thema.“

Betty, die für Peace Now auch die Kampagne zur Abwahl von Benjamin Netanjahu im Frühjahr 1999 mitentworfen hat, findet, dass die israelische Regierung aber auch nichts dafür tut, sich ein positiveres Image zuzulegen. Während der Militäroperation in Dschenin sammelten israelisch-arabische Friedensgruppen Spenden für die notleidende Zivilbevölkerung der palästinensischen Stadt und fuhren beladen mit Esspaketen, Wasser und Babywindeln zum Salam Checkpoint. Hilfslieferungen an Palästinenser sind nicht von vornherein ein Eingeständnis von Schuld. Aber anstatt die Geste der Friedensorganisationen zu nutzen, um ein menschliches Bild von Israel zu präsentieren, ließ die Armee von 30 Lastwagen nach langen Diskussionen nur vier durch. Die Journalisten waren natürlich dabei. Sie haben alles gefilmt.

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