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Die „12 Cellisten“ der Berliner Philharmoniker: Ein Arte-Film porträtiert ein eingeschworenes Ensemble

Frederik Hanssen

Von Frederik Hanssen

„Es geht hier nicht darum, wie ein toter Fisch auf dem Stuhl zu hängen und auf Anweisungen zu warten.“ Wenn Ludwig Quandt die Arbeitshaltung der Berliner Philharmoniker beschreiben soll, zögert er nicht, zu markanten Vergleichen zu greifen. Quandt ist einer der beiden 1.Solocellisten der Berliner Philharmoniker – und wenn man ihm und seinen Kollegen beim Musizieren zusieht, kommen in der Tat keinerlei Assoziationen an lebloses Meeresgetier auf. Hochkonzentriert und ganz ins Spiel versunken, ohne das leiseste Zugeständnis an die laufenden Kameras präsentieren sich die „12 Cellisten“ in der Arte-Dokumentation von Edda Baumann von Broen (heute, 19 Uhr). Mag das Drumherum auch inszeniert sein, wie jüngst beim Festkonzert zum 30-jährigen Bestehen der Formation, oder hat gar ein Kostümbildner Hand angelegt und die Musiker in legere Hemden gesteckt, weil die besser zum Ambiente des Drehortes, einem sonnendurchfluteten, klassizistischen Saal passen – keiner der Künstler lässt sich zu einer koketten, telegenen Pose verleiten.

Natürlich sind die Cellisten längst Kult. In Japan werden sie geradezu wie Popstars verehrt. Trotzdem haben sie keine Lust auf Allüren. Und obwohl sich das neugierige Dutzend manchen Ausflug in Regionen weit ab vom traditionellen philharmonischen Repertoire gestattet, wird aus den Auftritten noch lange keine Show. Dazu sind ihre Tango- und Jazz-Paraphrasen, ihre Versionen von Popmusik- und Klassikhits einfach zu brillant, zu sophisticated. Was ihnen Wilhelm Kaiser-Lindemann und die anderen Arrangeure auf die Saiten schreiben, ist pure Kunstmusik, Virtuosenfutter für eine eingeschworene Truppe von Spitzeninterpreten, die Spaß daran hat, auf ihren Celli gemeinsame Sache zu machen, zwölf Einzelstimmen zu einer einzigen verschmelzen zu lassen.

Genau an dieser Prämisse scheitert die Fernsehdokumentation: Edda Baumann von Broen hat es sich in den Kopf gesetzt, nur die Musik und ihre Macher sprechen zu lassen. Also gibt es keine Stimme aus dem Off, die den Zuschauer an die Orte der Handlung führt, Kontexte herstellt, die Bilder kommentierend erläutert. Man sieht die zwölf Musiker im Tonstudio mit einem jungen Trompeter und erfährt nicht, dass hier mit Till Brönner das jüngste Album „Round Midnight“ entsteht, man sieht die Philharmoniker in Neapel und erinnert sich vielleicht an Claudio Abbados Abschiedstournee vom Frühjahr, bleibt aber spätestens dann verwirrt zurück, wenn sich die Cellisten per Bus zum Extragastspiel in eine ungenannte Stadt aufmachen.

Die langen Musikpassagen sind nicht das Problem, denn sie sind auf angenehme Art unspektakulär, vermeiden jene hektische Schnellschnitt-Technik, die einem fast alle Fernsehübertragungen klassischer Musik verleiden kann, weil überdeutlich wird, wie wenig die Fernsehregisseure der Musik vertrauen. Alle Cellisten wirken äußerst sympathisch, ob im Gespräch, beim Spiel oder auch in den etwas unvermittelt eingestreuten Privatvideo-Passagen, die so tun, als wären sie bewusst mit wackeliger Handkamera aufgenommen.

Zu den von der Autorin wohl angestrebten Charakterporträts aber verdichten sich die Interviewausschnitte nicht – das wäre auch kaum im Interesse der „12 Cellisten“ gewesen. Denn selbst ein so außergewöhnliches Ensemble kann nur funktionieren, wenn alle Mitglieder bereit sind, Gruppendisziplin über Individualität zu stellen, als Einzelperson im Ensemble unsichtbar zu werden. Darum zwängen sich klassische Musiker auch heute noch in Frack und Fliege. In der Kammermusik wie im Orchester gilt eben: Einer für alle, alle für einen.

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