Medien : Die Witwen von Srebrenica

Zehn Jahre nach dem Massaker: Ergreifende Arte-Dokumentation über drei Frauen, die ihre Familien verloren

Caroline Fetscher

Selina kann die Angehörigen, die sie im Sommer 1995 in Srebrenica verloren hat, kaum aufzählen. Ihr Mann, drei ihrer Brüder, zwei Brüder ihres Mannes, drei Onkel, vier Cousins, viele andere. Ihren kleinen Sohn hatte sie, als die Mörder der serbischen Armee auftauchten, um alle Jungen und Männer mitzunehmen, als Mädchen verkleidet. Er überlebte. Wie weiterleben mit den Traumata von soviel Auslöschung? Laurent Becue-Renard portraitiert drei bosnische Frauen und deren Therapeutin Fika (Teufika Ibrahimefendic) im bosnischen Tuzla. In klaren Bildern, ohne die über den Dingen schwebende Stimme aus dem Off, offenbart der Film Fragmente von Lebensgeschichten, die für Außenstehende Bruchstücke bleiben müssen. Dieser Tatsache sucht Becue-Renard narrativ und ästhetisch großen Respekt zu zollen.

Der Zurückhaltung des Filmemachers steht die Direktheit der Frauen und ihrer Therapeutin entgegen, deren gemeinsamer Mut, sich mit Ereignissen zu konfrontieren, die Dantes Hölle entstammen könnten. Morde, Folter, Verluste, und dann – bis heute – das Warten auf die Exhumierungen, auf das Identifizieren der Toten. Kurze Szenen aus dem Alltag tauchen zwischen den Gesprächen auf, der Film folgt den Jahreszeiten: Regen, Schnee und Sonne auf den Straßen, Wäsche aufhängen vor dem Hühnerhof, Kinder baden, Kochen, sogar Tanzen. Und die Demonstrationen, auf denen Frauen Schilder mit den Namen der Vermissten tragen.

Darf die Frau eines Ermordeten wieder heiraten? Sollen sie schweigen oder sprechen? Wie ertragen sie das Erlebte? „Borba za zivot je“, sagt Selina, „es ist ein Kampf für das Lebendigsein“. Sie trägt das Hemd ihres vermissten Mannes, und sie wirft sich noch immer vor, dass sie nicht mit ihm in den Tod gegangen ist. Senada sollte das Gebiss ihres Mannes identifizieren, doch der Kiefer, den man ihr im Leichenschauhaus vorlegte, war nicht seiner. So wartet sie weiter. Jasmina erklärt: „Alles war, wie ich es sage, aber es kommt mir irreal vor.“ Sie habe Angst, vom Besprochenen zu träumen. Sie erzählt dann doch. Wie alle anderen. Erinnerungen, Rachefantasien, Trauer brechen sich Bahn. „Ich atme jetzt leichter“, sagt eine der Frauen nach der Sitzung. Weiterleben ohne Erzählen und Zuhören, das ist, so klärt dieser Film auf, eine Unmöglichkeit.

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