Medien : Die Wut, die Angst und der Durst

Als „embedded correspondent“ lebt Guido Schmidtke unter US-Soldaten, die am liebsten nach Hause wollen

Joachim Huber

Guido Schmidtkes Bataillon vergräbt in diesen Tagen vor allem Leichen. Es schaufelt Massengräber für die irakischen Soldaten, die sich bei der Schlacht um den internationalen Flughafen von Bagdad den Amerikanern in den Weg gestellt haben. „Wegen Seuchengefahr müssen sie unter die Erde“, sagt Schmidtke, „später werden sie wieder ausgegraben und den Verwandten übergeben.“ Nur Schmidtke sitzt in seinem Zelt, bereitet seine Live-Aufsager vor, die er mehrmals am Tag über Satellit ins N-24-Programm einspeist, denn er ist „embedded correspondent“. Er bewegt sich nicht viel, trotzdem hat er Hunger und Durst, als würde er mitgraben. „Ich trinke bis zu zwölf Liter Wasser am Tag, ich esse, wann immer ich kann, und ich habe sogar abgenommen. Nur wegen dem Stress.“ Todesangst ist wohl der richtigere Ausdruck. Todesangst haben hier alle Soldaten vom 94. Pionierbataillon der US-Streitkräfte, in das Schmidtke eingebettet ist. Das 94. ist zwar kein Kampfbataillon, es folgt der kämpfenden Truppe unmittelbar nach, legt Ponton-Brücken, setzt Straßen instand. Doch auch das ist nicht ungefährlich. Im Krieg gibt’s keine Hinterbänkler.

Es ist nicht die irakische Armee selbst, vor der sich alle fürchten, sondern ein Angriff mit Giftgas. Je nach Typ hätte Schmidtke drei, maximal neun Sekunden Zeit, die Gasmaske aufzusetzen. „Der einzige Gedanke ist: Hoffentlich funktionieren meine Gasmaske und mein Schutzanzug.“ In den letzten Tage hat diese Furcht nachgelassen, die Militärführung rät nur noch, die Gasmaske bereitzuhalten. Eine andere Furcht ist geblieben, die Furcht vor Selbstmordanschlägen. Sie hat die Distanz zur irakischen Bevölkerung wachsen lassen. „Den Irakern nähern sich die US-Soldaten nur noch mit entsicherter Waffe.“ Schmidtke sagt, dass die Angst einen nicht ständig beherrscht: „Das würde einen wahnsinnig machen.“ Sie und den Tod von Kollegen wie den des „Focus“-Reporters Christian Liebig wegzudrängen, das gehöre zur Bewältigungsstrategie. Schmidtke sagt, er sei sehr gelassen geworden, nur bei Giftgasalarm oder bei der Panik, als sein Kameramann verschwunden war – er hatte sich verfahren –, da ist alle Gelassenheit vergessen.

Wenn Schmidtke möchte, kann er nach Hause, nach Deutschland zurückkehren. „Du kannst gehen, wir müssen bleiben“, sagen die Soldaten. Sie haben einen Marschbefehl in der Tasche, das ist ein Papier, auf dem steht: 198 Tage. In den letzten Tagen macht das Gerücht die Runde, der Einsatz könnte länger dauern. Deshalb ist die Stimmung schlecht. Sie wollen nach Hause zu ihren Familien. Und die Gewissheit, für die absolut richtige Sache zu kämpfen, haben auch nicht alle. „Das Bataillon spiegelt die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung. Manche sind für Bush und den Krieg, andere dagegen.“ Nicht wenige würden sich fragen, ob sie nach dem Irak nicht im Iran, nicht in Nordkorea eingesetzt würden. Im Friedenszeiten ist Schmidtkes Einheit in Bayern stationiert, „90 Prozent der Soldaten lieben Deutschland, sagen, sie hätten supernette Kontakte zur deutschen Bevölkerung.“ Dass sich die Bundeswehr am Feldzug nicht beteilige, auch dafür gebe es bei einigen im Militär Verständnis.

Die jungen Soldaten sind nach Schmidtkes Beobachtung nicht sehr gut informiert, „den Offizieren scheint das eher recht zu sein“. Wer sich an die Bilder und Aussagen der gefangenen Soldaten im irakischen Fernsehen erinnert, der musste schon den Eindruck gewinnen, dass nicht jeder Soldat wusste, warum er im Irak für die amerikanische Sache kämpfen muss.

Was Schmidtke überrascht hat: Er kann mit den Soldaten über diese Themen frei reden, und das Gehörte und Gesehene auf den Sender geben: „Ich gehöre zur Einheit wie jeder Soldat und werde so auch wahrgenommen. Es gibt eine offene Informationspolitik.“ Die Presseoffiziere nennt Schmidtke „sehr offen. Wir wussten, wann der Krieg losgeht.“ „Embedded“ heißt auch, sich Spielregeln, die das Pentagon aufgestellt hat, zu unterwerfen: „Keine militärisch verwertbaren Informationen weitergeben über die Einheit, ihre Stärke und ihren Standort, keine Gesichter zeigen von toten oder verletzten Soldaten, von gefangenen Irakern.“ Schmidtke hat über die Kriege im Kosovo und in Afghanistan berichtet, die „embedded“-Berichterstattung sieht er als Fortschritt. „Wir können den Alltag, die Routine des Krieges schildern, wir können hinter seine Fassade schauen.“ Was stimmt, ohne „embedded correspondents“ wäre der Zwischenfall an einem US-Checkpoint kaum bekannt geworden, als Soldaten elf Zivilisten in einem Bus erschossen, dessen Fahrer nicht stoppen wollte. Trotzdem, eine wirklich freie Berichterstattung ist nicht möglich, die Journalisten sind „eingebettet“, ihr Berichtsradar wird gelenkt.

Der N-24-Korrespondent betont die Vorteile. Wie eine kleine Einheit an einem Krieg teilnimmt, das könne er detailliert in kleinen Geschichten darstellen. Wie er Strom für seine Satellitenanlage für Gesprächszeiten an seinem Satellitentelefon eintauscht, wie bei der Marschverpflegung ein schwunghafter Tausch herrscht , wie sich untere Dienstgrade darüber aufregen, dass Vorgesetzte ständig geputzte Stiefel sehen wollen. Feuchte Babytücher statt Wasser werden für die Wäsche benutzt. Der Mensch unter Kriegsbedingungen, seine Anpassungsfähigkeit an den Krieg, das will Schmidtke neben allem Kriegsgeschehen aufzeigen. Er sagt, die Tage seien sehr lange, würden einem aber nicht lange werden, wichtig sei, wann immer es gehe, zu schlafen, unterm Schützenpanzer, auf der Motorhaube.

Was die Soldaten überrascht, wie Schmidtke sagt, ist die Diskrepanz zwischen den Riesenpalästen für Saddam Hussein und der Armut, gerade im Süden des Irak. Und der geringe Widerstand der irakischen Armee: „Ich habe noch keinen schweren Panzer gesehen.“ Es gebe auch Mitleid unter den Soldaten und die Bereitschaft, „das Land, im Frieden wiederaufzubauen“. Diese Stimmung aber schwankt. Als es nach der Befreiung der von Irakern gefangen genommenen Jessica Lynch hieß, die 19-Jährige sei im Krankenhaus misshandelt, vielleicht sogar vergewaltigt worden, seien die Emotionen in der Truppe hochgekocht: „Warum sind wir die einzige Armee, die sich an die Genfer Konventionen hält?“

Guido Schmidtke erzählt das, während im Hintergrund Panzer rasseln und Hubschrauber dröhnen. Er erzählt das auf dem Internationalen Flughafen von Bagdad, dessen Zentrum er noch nicht kennen gelernt hat, aber noch kennen lernen will. Wenn sich der Kriegsreporter Guido Schmidtke, 36 Jahre alt, in einen Korrespondenten zurückverwandelt hat. Erst danach wird er sich die drei Wünsche erfüllen, die ihn von Tag zu Tag mehr plagen: die Familie, eine ordentliche Toilette, ein kaltes Bier.

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