Computersucht : Ans Netz verloren

Aussehen, Schule, Freunde - alles wird vernachlässigt. Eine ARD-Doku beschäftigt sich damit, was passiert, wenn Computer süchtig machen.

Kurt Sagatz

Das Zimmer sieht erstaunlich ordentlich aus. Das Bett gemacht, das Kopfkissen ordentlich aufgeschüttelt, und auch der Schreibtisch zeugt noch nicht von der Verwahrlosung, die mit vielen Suchterkrankungen einhergeht. Süchtig ist der 16-jährige Marc-Oliver dennoch, nach seinem Computer, dem Internet und vor allem nach dem Online-Rollenspiel "World of Warcraft". "Ich habe keinen Bock dir zu helfen", erwidert Marc-Oliver patzig, als seine Mutter ihn bittet, sein Spiel nur kurz zu unterbrechen, um seinen kleinen Bruder abzuholen. Ohne seine Mutter, das macht die NDR-Dokumentation "Spielen, spielen, spielen… wenn der Computer süchtig macht" an diesem Mittwoch im Ersten eindringlich klar, würde der Jugendliche komplett den Kontakt zur realen Welt einstellen.

Über ein Jahr lang hat das Autorenteam Sonia Mayr, Anja Reschke und Henning Rütten Marc-Oliver und andere Spielsüchtige begleitet. Schule, Aussehen, Familie, Freunde, alles wird vernachlässigt, so ihre Erfahrung. "Es gibt immer mehr Computerspielsüchtige, die sich komplett gehen lassen, stellt auch der Suchtexperte Oliver Bilke von den Vivantes Klinken Berlin fest. Für viele Jugendliche gilt: Sie spielen nicht mehr draußen, sonder nur noch im Netz - zumindest, wenn gerade keine Lan-Party in der Nähe stattfindet.

Dabei sind die reinen Fakten längst bekannt. Dass jeder zehnte Computerspieler suchtgefährdet ist, ging durch alle Medien. Der Verdienst dieser Dokumentation liegt darin, den Verlauf dieser Erkrankung zu schildern und zu zeigen, wie fließend der Übergang von der coolen Freizeitbeschäftigung zum einzigen Lebensinhalt ist. Die Mechanismen der Erkrankung sind erschreckend einfach. Zum einen ist da das simple, aber effektive Belohnungssystem: Wer gewinnt, kommt weiter. Zugleich schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Erfolg und Glücksgefühl werden gerade für Menschen mit mangelnder Bestätigung zur Droge. Hinzu kommt bei Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" mit seinen zehn Millionen Spielern die Gruppendynamik innerhalb der eigenen Gilde aus Magiern, Heilern, Kämpfern. "Wenn sich das Team um 18 Uhr zu einem Kampf gegen einen mächtigen Gegner trifft, kann man nicht zum Abendbrot kommen", sagt Marc-Oliver.

www.rollenspielsucht.de

"Spielen, spielen, spielen", 23 Uhr 30, ARD

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