Datenjournalismus : Migrationsströme seit der Antike auf einen Blick

Datensammeln für einen guten Zweck: An der Universität Dallas wurde die Wanderungsbewegung der Menschen seit der Antike jetzt grafisch aufbereitet.

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Wanderungsbewegung grafisch aufbereitet: Wie Magneten ziehen Metropolen wie London, Paris, Berlin die Menschen an.
Wanderungsbewegung grafisch aufbereitet: Wie Magneten ziehen Metropolen wie London, Paris, Berlin die Menschen an.Screenshot: Tsp

Datenjournalismus ist eine feine Sache. Abstrakte Zusammenhänge lassen sich grafisch einprägsam vermitteln. Aus den Telekom-Verbindungsdaten des Grünen-Politikers Malte Spitz hatte die Wochenzeitung „Zeit“ vor einiger Zeit mithilfe von Datenaufbereitungsexperten eine interaktive Grafik erstellt. Auf einen Blick wurde damit erkennbar, wie aus Vorratsdaten Bewegungsprofile werden. Die weitere Debatte über Sinn und Notwendigkeit der digitalen Rasterfahndung hatte sich damit zwar nicht erübrigt, doch die Animation veranschaulicht zumindest, welche realen Gefahren für jeden Einzelnen mit der Datensammelwut verbunden sind.

Gegen das Sammeln von Daten – gerade auch über längere Zeiträume – ist an sich nichts einzuwenden. Jeder Mensch erzeugt automatisch eine Vielzahl von Daten, und das nicht erst seit Erfindung der elektronischen Datenverarbeitung. Selbst Jahrhunderte später existieren von vielen großen Persönlichkeiten noch die Angaben über Geburt und Todeszeitpunkt, einschließlich der Orte, an denen sie das Licht der Welt erblickt und ihren letzten Atemzug getan haben.

Blau ist die Geburt, rot der Tod

Aus 150 000 dieser frei verfügbaren Daten aus den letzten 2500 Jahren hat ein Team um den Wissenschaftler Maximilian Schich von der Universität Dallas eine Computeranimation erstellt. Auf Youtube gibt es dazu ein fünfeinhalb Minuten langes Video von „Nature“ (http://bit.ly/VUWBEe). Blaue Punkte stehen für die Geburt, rote für den Tod. Interessant ist die Bewegung dazwischen, denn aus der Vielzahl der Einzelschicksale entsteht die bildliche Darstellung der Wanderungsbewegung der Menschheit seit der Antike.

Kurt Sagatz, Medienredakteur Tagesspiegel
Kurt Sagatz, Medienredakteur TagesspiegelFoto: Kai-Uwe Heinrich

Lange Zeit führten alle Wege wie im Sprichwort tatsächlich nach Rom. Aus allen Teilen der damals bekannten Welt kamen die Menschen ins Zentrum des Römischen Reichs. Über die Jahrhunderte entstanden in Europa neue Metropolen. Vor allem Paris und London, in Deutschland fehlte ein Zentrum. Erst später entwickelte sich Berlin zu der Stadt, die wie ein magnetischer Pol die Menschen anzieht. Aber auch die Wanderungsbewegungen im 16. Jahrhundert Richtung Amerika und später den Treck nach Westen bildet die Animation ab. Das ist nicht nur für die Wissenschaft interessant, sondern für die gesamte Menschheit – und dafür werden gerade einmal vier Angaben zu jeder Person benötigt. Bei der Vorratsdatenspeicherung fallen allein über die Verbindungen eines Smartphones täglich mehrere hundert Datensätze an – und das statistisch bei 90 Prozent der Deutschen. Der Nutzen davon ist weit weniger einleuchtend.

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