Digitale Bilder : Warum wir immer und überall Fotos machen müssen

Schnell noch ein Bild vom Essen knipsen oder ein "Selfie" bei Facebook posten: Bei dem Versuch, möglichst jeden Augenblick mit Digicams, Handys und Tablets fotografisch festzuhalten, ziehen die schönsten Momente an uns vorüber. Woher kommt die fast schon pathologische Knipseritis?

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Fans halten bei einem Justin-Bieber-Konzert ihre Smartphones in die Höhe Foto: imago
Fans halten bei einem Justin-Bieber-Konzert ihre Smartphones in die HöheFoto: imago

Es ist zwar schon wieder ein halbes Jahr her, aber die Bilder von Jorge Mario Bergoglios Wahl zum Papst im März haben sich eingebrannt. Da steht der frischgebackene Pontifex auf dem Balkon des Petersdoms, vor ihm ein Meer von Gläubigen, es ist schon Nacht, in der Dunkelheit funkeln und glitzern Lichter. Aber das sind keine Kerzen oder Feuerzeuge. Es sind die erleuchteten Displays von Digicams, Smartphones und Tablets, die die Menge eifrig in die Höhe gehoben hat. Sie hat Franziskus nicht im eigentlichen Sinne gesehen. Sie hat ihn fotografiert.

Das Tolle an dem Moment war, dass er eines der ältesten Rituale des Abendlandes – die Papstwahl – und ein ganz aktuelles Phänomen ineinander geschoben hat. Denn die Angewohnheit, alles zu knipsen oder zu filmen, was sich in der unmittelbaren Umgebung ereignet, ist längst zu einer Art Zwangshandlung geworden. Auf dem Petersplatz kann man das übrigens schon seit vielen Jahren beobachten. Der Papst fährt im Papamobil vorbei, und niemand kriegt es mit. Weil alle an ihren Handys oder Kameras nesteln.

Vieles nehmen wir nur noch durch die Kamera wahr

Aber es muss gar nicht Rom sein, ein Blick aufs eigene Leben genügt. Wie oft waren wir in den schönsten Momenten mit Freunden oder Kindern gar nicht mental anwesend, weil wir durch eine Linse oder ein Display gestiert haben? Klassischerweise wird dieses Verlangen besonders virulent im Urlaub, wahrscheinlich, weil er jeden Moment als etwas Besonderes vorgaukelt. Touristen aus asiatischen Ländern haben es lange vorgemacht, jetzt tun es alle. Das Verpassen des Augenblicks im Versuch, ihn festzuhalten, hat etwas Tragisches. In der klassischen Musik wirken (im Moment noch) ältere Rituale und Regeln, an die sich die meisten halten: Die Kamera bleibt in der Tasche. Eine Bastion, die natürlich im Pop schon längst gefallen ist – ohne weißbläulich schimmernde Displays ist kein Konzert mehr zu denken. Auch Nofretete oder Mona Lisa haben keine Chance. Anstatt sie zu betrachten und sich, und sei’s nur für einen Moment, in den Anblick zu versenken, begnügen sich viele mit einem schnellen Schnappschuss und traben sofort weiter. So verlieren, um mit Walter Benjamin zu sprechen, längst nicht mehr nur technisch reproduzierbare Werke ihre Aura. Sondern auch einmalige Stücke. Weil wir sie nur noch durchs Handy vermittelt wahrnehmen, selbst wenn wir den Ort, die Stätte aufsuchen, an der sie stehen oder hängen.

Schauspieler fotografieren sich selbst mit dem Smartphone. Foto: imago
Schauspieler fotografieren sich selbst mit dem Smartphone.Foto: imago

"Weil wir es können"

Woher kommt die fast schon pathologische Knipseritis? Warum müssen wir alles im Bild festhalten? Die Antwort ist einfach und unglamourös: Weil wir es können. Früher war es schlicht nicht möglich. Der Schweizer Autor David Bauer beschreibt in seinem 2010 erschienenen Ratgeber „Kurzbefehl – der Kompass für das digitale Leben“, wie zwei Erfindungen unser Leben und Verhalten einschneidend verändert haben: Die Digitalfotografie und die Integration einer Kamera ins Mobiltelefon. Analoge Filme waren begrenzt (24 oder 36 Bilder pro Rolle), teuer und oft auch nicht gleich zur Hand. Da hat man sich zweimal überlegt, welches Motiv sich lohnt. Eine Zwang, der jetzt völlig wegfällt – und eine Menge Fotomüll produziert. Und seit die Kamera zum ständigen Begleiter in der Hosentasche geworden ist, anstatt umständlich vor der Brust umherzubaumeln, ist die Hemmschwelle weiter gesunken. Wir fotografieren, weil wir es können – ein urmenschliches Verhaltensmuster. Technische Neuerungen schaffen sich ihre eigene Daseinsberechtigung. 1890 dauerte die Reise nach New York eine Woche, heute sechs Stunden. Es gibt keinen objektiven Grund dafür, warum jemand in sechs Stunden in New York sein muss. Trotzdem tun wir es. Weil es möglich ist.

Zuletzt hat eine neue Bewegung Wellen geschlagen: Das eigene Essen zu fotografieren und über Instagram – eine App, die seit 2012 zu Facebook gehört – sofort mit anderen zu teilen. In Berlin soll sogar ein Wirt per Aushang gebeten haben, das Essen nicht zu instagramen – und den Aushang auch nicht. Genützt hat es nichts, der Zettel fand sich natürlich sofort im Netz. Von der hier geübten Kritik sollte man das allerdings ausnehmen. Fotografieren von Essen kann eine bereichernde Tätigkeit sein, weil sich der Esser zumindest momentweise mit seiner Nahrung auseinandersetzt, weil er sich vergegenwärtigt, dass die Aufnahme von Lebensmitteln in den eigenen Körper keine Selbstverständlichkeit ist, dass sie eine sinnliche, ja erotische Komponente hat. Davon mal abgesehen, wird Nahrung in Form von Stillleben seit Jahrhunderten gemalt und damit ästhetisiert.

Das Apfellogo schimmert mit

Wirklich neu erscheint hingegen der Trend zum „Selfie“, also zum schnellen, oftmals verwackelten Selbstbildnis mit ausgestreckter Hand oder im Spiegel, natürlich möglichst so, dass das Apfellogo immer schön mitschimmert. Erst vor wenigen Tagen hat das Oxford Dictionary „Selfie“ zum englischen Wort des Jahres 2013 gekürt. Klar, Selbstauslöser gibt es seit langem, aber Handys mit Frontkameras, bei denen der Fotografierende sich selbst im Display sieht, sind eine relativ neue Erfindung. Die meisten Selfies machen übrigens Teenager, nicht wirklich verwunderlich, Narziss war auch ein Teenager. Eines der frühesten Selbstporträts einer Jugendlichen zeigt Zarentochter Anastasia, die sich 1914 in einem Spiegel mit einer Kodak selbst ablichtete. Aber natürlich ist es auch für Erwachsene reizvoll, das eigene Bild zu kontrollieren, sich genau so in Szene setzen zu können, wie man es möchte, und im entscheidenden Augenblick abdrücken zu können.

Wir sammeln Beweisstücke

David Bauer schreibt, dass Fotografieren und Filmen zu einer modernen Form der Identitätskonstruktion geworden ist: „Was wir da sammeln und austauschen, sind keine Erinnerungen. Es sind Beweisstücke.“ Dass es sich wirklich so zugetragen hat. Erzählungen reichen nicht mehr aus, Identität diffundiert ins Netz, nur was dort belegbar ist, ist real. Aber: Wenn das stimmen sollte, dann höchstens augenblicksweise. Die Erinnerung im Netz ist labil. Was ein Paradoxon ist, denn einerseits speichert das Netz alles ab, vergisst nichts. Andererseits vergessen wir selbst das meiste sofort. Die Masse der Bilder gibt keinem einzelnen die Chance, länger im Gedächtnis haften zu bleiben. Was zählt, ist der nächste Schuss. Aber die einmal geschossenen Bildern werden, nachdem sie bei Facebook hochgeladen sind, nie wieder betrachtet. Wann auch, es müssen ja sofort neue gemacht werden. Fast schon konsequent wirkt da eine App wie Snapchat, die alle hochgeladenen Bilder nach kurzer Zeit wieder komplett zerstört – zumindest angeblich .

Was aber ausstirbt, ist eine Form der Erinnerung, wie sie das Fotoalbum auf klassische Weise verkörpert hat. Welche Großmutter wird in 20 Jahren den Enkel auf den Schoß nehmen, das Album aufschlagen, mit dem Finger auf Bilder deuten und sagen: „Schau, das war Tante Charlotte“? Weil sie Tante Charlotte höchstens im Handy swipen kann. Ein kleiner, wackeliger Chip speichert die ganze Familiengeschichte. Der aber wird in 50 Jahren wahrscheinlich zur leeren Hülle. Niemand weiß, welche Speicherformate dann noch von Rechnern eingelesen werden können. Digitalfotografie und Internet zusammen wirken wie die Mühlsteine einer gigantischen Vergessens-Maschinerie, in der die Erinnerung zermalmt wird.

Was das alles heißt? Vielleicht dieses: Eine Aufforderung zur Impulsunterdrückung, was eine bereichernde Übung sein kann. Einfach das Ding mal stecken lassen, sich dem Augenblick ausliefern, ihn so genießen, wie er kommt. Benjamins Definition der Aura („die Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“), bedeutet ja im Grunde nichts anderes, als Menschen, Gegenstände, Ereignisse, zumindest für einen Augenblick, in ihrem Sein, im Hier und Jetzt wahrzunehmen. Und dann auch gerne ein Foto von ihnen zu machen. Es ab und zu auf richtig altmodischem Papier auszudrucken, sichert wahrscheinlich sein Überleben.

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