Filmbibliothek : Das Movie-Monster

Den Eiffelturm, einen Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet, Sportszenen aus einem bestimmten Meisterschaftsjahr: Die größte Online-Filmbibliothek in Wyoming bietet News, Szenen und Serien in Sekundenschnelle.

Christoph von Marschall
Grant
Filmfan Jeff Grant. -Foto: promo

Laramie, USADas Herz schlägt tief unten, im Keller. Rot, grün und gelb blinken die Dioden in drei Reihen anthrazitfarbener Computerschränke mit Aluminiumeinfassung. In die Ohren dringt das charakteristisch leise Hightech-Rauschen von Kühlgebläsen und Minielektromotoren. „75 Terabyte Arbeitsspeicher“, weist Jeff Grant auf eine Reihe, „und hier drüben nochmal 75 Terabyte für den Katalog auf unserer Website.“ Der Raum ist Herz und Gehirn der größten Online-Filmbibliothek der Welt. Die steht in keiner Millionenstadt, keinem Wirtschaftszentrum, sondern in Laramie, einem Präriestädtchen in Wyoming. Mit 515 000 Einwohnern ist es der bevölkerungsärmste Staat der USA.

Durch ein Schrankfenster ist zu sehen, wie ein Roboterarm ein Tape aus einem Fach zieht und in ein Abspielgerät schiebt – in Gang gesetzt, durch einen Mausklick im Internet, womöglich tausende Kilometer entfernt. „40 Prozent des weltweit zugänglichen digitalen Contents ist bei uns sofort online verfügbar“, erklärt Grant, ein 33-jähriger Ex-Offizier der Navy, Chef der Laramie-Filiale von Thought Equity Motion. Dazu gehören Tier- und Naturszenen für Werbefilme, Zugriffe auf „National Geographic“, Sony Pictures und den Spielfilmkanal HBO, Dokumentarmaterial wie das Hissen der US-Flagge auf der japanischen Insel Iwo Jima 1945, das Spielearchiv der US-Basketball-Liga und seit wenigen Tagen das komplette News-Archiv des TV-Senders NBC, dessen ältere Teile noch digitalisiert werden müssen.

Kunden sind, zum Beispiel, Werbeagenturen, die Büffel vor schneebedeckten Bergen suchen, eine spezielle Perspektive des Eiffelturms oder einen Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet. Und Privatleute, die ihren Familienvideoclip mit Sportszenen aus einem bestimmten Meisterschaftsjahr schmücken wollen. Wenn man alles analoge Filmmaterial hinzurechne, gebe es Konkurrenten mit größerem Angebot, ordnet Grant den Superlativ für Wyoming ein. Aber da dauere es Tage bis Wochen, ehe man es bekomme. „Online, sofort, auch am Wochenende in sendefähiger HD-Qualität, da sind wir Spitze.“ Zehn Sekunden vergingen von der Bestellung bis ein Kunde die gewünschte Szene auf seinem Computer habe. Die Lizenzformalitäten, etwa bei urheberrechtlich geschützten Szenen, erledigt Thought Equity gleich mit. „Wir sind auch einer der weltweit größten Inhaber von Medienvermarktungsrechten für bewegte Bilder.“ Der Preis variiert nach Art des Materials, Rechten und Qualität der Kopie. „Ein Vulkanausbruch, den nur eine Kamera gefilmt hat, kostet mehr als ein Hirsch vor hunderten Objektiven.“

Die vier Jahre junge Firma aus dem nahen Denver, Colorado, mit Büros in New York, Los Angeles, Chicago, Indianapolis und Tokio hat ihr Online-Datencenter aus technischen und finanziellen Gründen in Wyoming eingerichtet. Der weitgehend steuerfreie Staat am Fuß der Rocky Mountains, der von seinem Rohstoffreichtum lebt, wirbt um Zukunftsindustrien für die Zeit nach dem Gas- und Ölboom. Wyoming hat kräftige Ansiedlungshilfen gegeben für Büroraum im Rechenzentrum der örtlichen Universität, das Glasfasernetz mit der erforderlichen Datenkapazität und ein System aus Notfallgeneratoren, das den Betrieb bei 99,8 Prozent aller Stromausfälle und Katastrophen am Laufen hält. In einer Stadt wie New York hätte das alles ein Vielfaches gekostet, ganz zu schweigen von den Löhnen der Computerexperten, die in Wyoming neben einer Naturlandschaft niedrige Lebenshaltungskosten vorfinden. 80 neue Jobs gibt es nun in Laramie.

Probe aufs Exempel ein paar Etagen höher im Büro. Anhand der Suchdaten „Cowboy reitet in Sonnenuntergang“ bietet die Bibliothek nach elf Sekunden 24 Szenen zum Preis zwischen 79 und 199 Dollar an, Anschauen kostenfrei. Die Website www.thoughtequity.com gibt es in fünf Sprachen, auch auf Deutsch. Drei Räume weiter stapeln sich 16 Holzpaletten mit Umzugskartons: das gesamte Werbearchiv einer großen Kaufhauskette aus den letzten Jahrzehnten, mehr als tausend Stunden Rohmaterial, Filmrollen, Videoband. Binnen eines Jahres soll Thought Equity das alles digitalisieren. Wenige Datenträger, nicht mehr als eine Handvoll, werden dafür ausreichen.

Im Internet: www.thoughtequity.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar