Im Pannenfall : Letzte Rettung für digitale Erinnerungen

Was tun beim Festplatten-Crash? Der Daten-Doktor kennt selbst in den schlimmsten Fällen die richtigen Mittel und Wege.

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Anfällig. Eine Computerfestplatte verzeiht keine heftigen Stöße. Das Ausfallrisiko nimmt zudem durch die hohen Umdrehungszahlen aktueller Massenspeicher zu.
Anfällig. Eine Computerfestplatte verzeiht keine heftigen Stöße. Das Ausfallrisiko nimmt zudem durch die hohen Umdrehungszahlen...Foto: IBM/dpa/gms

Das Furchtbare an einem „Crash“ ist, dass man nicht darauf gefasst ist – ob beim Autofahren oder beim Absturz des PCs. Der Unterschied liegt darin, dass es im Autoverkehr meistens zu Auffahrunfällen mit reparablen Schäden kommt. Bei Computercrashs droht dagegen der Verlust der Daten. Dann sind die schönsten Fotos der Kinder weg. Die Steuererklärungen der letzten Jahre. Outlook-Adressen und Termine. Die frühe Prosa und Liebesbriefe, die jahrzehntelang von PC zu Laptop gerettet wurden – alles von einer auf die andere Sekunde perdu!

Katastrophen wie diese gefährden Freundschaften und Ehen. Ist aber wirklich nichts mehr zu retten? So lange sich noch etwas dreht in der Festplatte, ist es oft halb so schlimm. Viele greifen zu handelsüblicher Software, um Daten wieder herzustellen. „Restorer 2000“ half dem Verfasser dieser Zeilen bereits in einigen Fällen aus. Alternativen liefert das Software-Verzeichnis der Website www.heise.de. Viele dieser Programme sind dort auch bewertet. Was aber, wenn die Festplatte keinen Mucks mehr tut? Dann bleibt nur der Anruf beim Daten-Doktor.

Wie groß das Geschäft mit dem Unglück dieser Daten-Welt ist, zeigt die Suchmaschine. Gibt man „Datenrettung“ ein, dann erscheinen viele Anzeigen von Firmen, die „Rettung in Reinräumen“ ihrer „Klinik“ versprechen und „Soforthilfe“ wie bei der „Feuerwehr“. Wer zum Telefon greift, erreicht oft nur ein Call-Center, wo junge Damen erklären, dass und wohin man die Festplatte einschicken soll. Was dann passieren kann, stand im Computer-Magazin „c’t“ (Heft 26/2009). Kurz zusammengefasst: Das Opfer, dessen Fall die Fachredakteure nachgingen, hätte ohne deren Hilfe wohl niemals seine Festplatte wiedergesehen. Dabei hatte er im Voraus 240 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer überwiesen, daraufhin eine E-Mail bekommen, dass weitere 920 Euro fällig seien und auch nach der zweiten Überweisung nur einen Bruchteil seiner Daten gesehen.

Schwarze Schafe überschwemmen das Netz mit unterschiedlichen Websites, Telefonanschlüssen und Anschriften. Die Vielfalt ist oft Fassade, hinter der immer dieselbe umstrittene Firma im Ausland steckt. Woran sollte man sich halten? An die ganz Großen der Branche, „Kroll Ontrack“ zum Beispiel, mit 150 Spezialisten weltweit Marktführer. Von denen sagt sogar die Konkurrenz: „Wenn die es nicht schaffen, schafft es keiner.“ Aber Qualität hat ihren Preis. Mehrere hundert Euro für die Rettung der Daten sind wenig, fiel die Platte herunter, kann es schnell in die Tausende gehen.

Wir suchten nach bezahlbaren Alternativen in Berlin und wählten die Firma „WalRos“ in Charlottenburg (www.walros-datenrettung.de). Warum die? Weil die Referenzen im Internet seriös erscheinen. Und weil der Fachmann selbst ans Telefon ging und gezielt fragte: Wie kam es zur Panne, welche Festplatte, welche Größe, welcher Hersteller, welche Art von Daten? Und dann das Angebot: Vorbeibringen, die Diagnose gibt’s kostenlos. Clemens Walleit hat zehn Jahre Datenrettung auf dem Buckel und hat sich vor zwei Jahren selbständig gemacht. Als wir hineintreten, geht gerade ein anderer Kunde frohgemut mit DVD unterm Arm heraus. Darauf sind gerettete Daten von einem USB-Stick. Walleit zeigt die Bauteile: zwei braunschwarze Speicher, die er losgelöst von der Platine und ausgelesen hat. Kostenpunkt: 160 Euro.

Im Allerheiligsten von WalRos steht ein halbes Dutzend Rechner in Reih und Glied, gegenüber Schränke mit über 750 nummerierten und archivierten Festplatten sowie ein staubfreier Arbeitsbereich mit „Reinraumtechnik“. So steht es auf einem großen Gerät geschrieben, das fortwährend Luft herauspustet über die Arbeitsfläche im Inneren des Glaskastens hinweg, an dessen „Decke“ gut hundert Lesearme von Festplatten hängen. Der Luftstrom fegt die Staubkörner weg.

„Zu uns kommen die Platten erst, wenn Bruder, Freund, Hausmeister und Kollegen scheitern“, sagt Walleit. Er schließt den Testkandidaten an einen der Rechner an, aber auch unter seinen kundigen Händen bleibt das Gerät stumm. Nun wird ab- und aufgeschraubt: Die grüne Platine, auf der Schaltkreise und elektronische Bauteile liegen. Dann prüft Walleit die Kontakte. „Aha, ein defekter Widerstand“, sagt er. Er klemmt die Platine unters Mikroskop. Bei hundertfacher Vergrößerung erkennt auch der Laie den durchgeschmorten Widerstand. Von einer anderen Platine löst er mit 360 Grad heißer Luft ein ähnliches Bauteil, klein wie ein Staubkorn, und lötet es auf. „Das erste Problem ist gelöst“, sagt er und schließt die Festplatte erneut an einen der Rechner. Sie schnurrt wieder.

Der Rest ist dann Routine: Mit Spezialprogrammen brennt er eine identische Kopie der „reparierten“ Festplatte und mit dieser arbeitet er weiter. Am Ende bekommt der Kunde seine Daten auf einer fabrikneuen externen Festplatte, kann sie überspielen und die Festplatte zurückbringen oder gegen knapp 60 Euro auch behalten.

200 Euro kostet dieser Arbeitseinsatz – Grundkosten für die einfachste denkbare Rettung. Der Preis hängt nicht von der Zahl der geretteten Daten ab. Das Teure sind Arbeitskraft und Spezialausrüstung. Walleit muss oft Leseköpfe, dem Tonarm von Plattenspielern ähnlich, austauschen, den Motor des „Plattentellers“ oder die elektronische Steuerung. Die schwersten Schäden entstehen durch Stürze: In einem Fall waren sechs Leseköpfe verbogen – die Reparatur hätte über 1000 Euro gekostet. Das war dem Kunden zu viel.

Fast immer ist noch etwas zu retten, sofern die Festplattenscheibe nicht völlig verkratzt ist oder mit einem Magneten bearbeitet wurde. Doch die Expertenarbeit hat ihren Preis. Wer sich die sparen will, sollte seine Daten regelmäßig auf einem zweiten Laufwerk sichern. Aber wer tut das schon?

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