Journalismus : Such! Maschine!

Zwischen Abschreiben, Hinterfragen und Journalisten-Fortbildung: Wie Google die Recherche verändert hat

Markus Ehrenberg
Journalismus
Journalisten würden öfter voneinander abschreiben, so die Ergebnisse einer Studie. -Foto: Vario

Sessel, Handtaschen, Motorsägen – es gibt kaum ein Produkt, das Plagiatoren nicht kopieren würden. Diese Meldung stand vor ein paar Tagen auf spiegel.de, Deutschlands meistbesuchter redaktioneller Website. Wenn man einer aktuellen Studie glauben darf, sieht das mit der Kopiererei bei Journalisten auch nicht viel besser aus. Journalisten recherchieren demnach am liebsten bei anderen Kollegen. Unter den ersten zehn Internet-Seiten, die von Journalisten am häufigsten angesteuert werden, stehen nicht Quellen aus erster Hand, etwa von politischen oder kulturellen Einrichtungen, sondern Online-Auftritte von Printmedien und Fernsehen, die Suchmaschinen Google und Yahoo sowie die Enzyklopädie Wikipedia. Das ist der Kern einer Untersuchung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Stichwort Googleisierung. Die Studie wirft damit auch die Frage auf, ob sich journalistische Produkte nicht immer mehr angleichen und wie viel Wert noch auf Originalität, investigative Recherche und Informationen aus erster Hand gelegt wird.

Für den Leiter der Studie, Marcel Machill von der Uni Leipzig, ist die Sache klar. Journalisten schreiben sprichwörtlich voneinander ab. „Computergestützte Recherche macht es den Medienschaffenden noch einfacher, schnell nachzuschauen, was die Kollegen zu einem aktuellen Thema erarbeitet haben.“ Zu den wichtigsten Internet-Angeboten zählten drei Viertel der Befragten die Suchmaschine Google, gefolgt eben von Spiegel Online (53,4 Prozent), Wikipedia (37,4), sueddeutsche.de (9,8) und tagesschau.de (9,5).

Das Telefon bleibe zwar das wichtigste Rechercheinstrument. Danach werde aber unter Medienleuten sehr schnell im Internet und dort meistens bei Google gesucht. Experten, die bei der Suchmaschine unter den ersten zehn Treffern landen, hätten größte Chancen, zu einem Thema interviewt zu werden. Dabei seien sich die meisten Journalisten durchaus bewusst, dass Suchmaschinen keine neutralen Ergebnisse lieferten. Ein Problem, das jeden Internet-Nutzer betrifft, vom Schüler über den Studenten bis zum potenziellen Arbeitgeber, der sich über Jobbewerber informiert. Als Grund für die beherrschende Rolle von Google gaben Journalisten vor allem personelle Engpässe und Zeitmangel an. Die LfM-Studie schlägt vor, das Berufsbild des Dokumentationsjournalisten zu fördern. In anglo-amerikanischen Medien seien „fact checkers“ gang und gäbe.

Wie sieht es damit in Deutschland aus? „Fact checkers“ gibt es hierzulande noch nicht. Die RTL-Journalistenschule bietet in ihrer zweijährigen Ausbildung zum Fernsehredakteur einen mehrwöchigen Intensivkurs an, in dem das Thema Online-Recherche größeren Raum einnimmt. Außerdem soll ein externer Coach altgedienten Redakteuren bei der Arbeit mit dem Internet über die Schulter schauen. Chefredakteur Peter Kloeppel versichert, dass in der RTL-Nachrichtenredaktion nicht ausschließlich „über Google recherchiert“ werde. „Wir sind keine Redaktionsroboter.“

Die Autoren der Studie hätten recht, es werde häufig zu wenig und zu schlecht recherchiert, sagt hingegen Jan-Eric Peters, Leiter der Axel Springer Akademie. Das Problem sei aber nicht neu. „In den angeblich guten alten Print-Zeiten hieß Recherche oft nicht viel mehr, als im Archiv den Staub von Aktendeckeln zu blasen und durch ein paar vergilbte Zeitungsartikel zu blättern.“ Ähnlich sieht das Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel: „Fälschungen gab es auch schon vor Google. Heutzutage finden viel mehr Überprüfungsrecherchen als früher statt, weil das schneller geht.“ Im Internet-Zeitalter, so Peters, hätten Journalisten die Chance, schneller, breiter und tiefer und damit auch besser zu recherchieren – wenn man die Möglichkeiten zu nutzen weiß. An der Axel Springer Akademie werde sowohl klassische Recherche als auch Online-Recherche unterrichtet, die laut Peters viel mehr sei als Googeln und Copy & Paste.

Ganz so kompakt führt das Flaggschiff der Nachrichtensendungen, die „Tagesschau“, nicht ins Handwerk ein. Die Online-Redaktion von tagesschau.de gibt NDR-Volontären zweieinhalbtägige Recherchekurse. Was die Qualität und Originalität journalistischer Arbeit in Zeiten des Internets betrifft, sieht Jörg Sadrozinski, Leiter von tagesschau.de, das größte Problem in der Selbstreferenzialität. „Da wird sich zu sehr an Meinungsführern wie spiegel.de orientiert.“ Heraus kämen oft die immer gleichen Geschichten in verschiedenen Blättern oder Sendungen. Das wird der Spiegel-Story mit den Plagiaten auch nicht anders ergehen.

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