Netzspiegel : Videos sind die Zukunft des Internets

Visuell ist die Revolution : „Grumpy Cat“ hat’s vorgemacht - warum ohne Videos im Internet nichts mehr geht.

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Katzenvideos, an Katzenvideos kam lange niemand vorbei. Gegen Glasscheiben springende Miezen, in Badewannen abtauchende Kater oder der mürrische „Grumpy Cat“ haben neben allzu offenherziger Erwachsenenunterhaltung das Image von Webvideos geprägt. Szene-Star „Grumpy Cat“ hat einen Manager und mehr Facebook-Freunde als mancher Rockstar, Fanseiten listen seine „Filmographie“ auf. Ehre, wem Katzenfutter gebührt. Das renommierte „Walker Art Center“ im amerikanischen Minneapolis veranstaltet mittlerweile gar jährlich ein Katzenvideo-Filmfestival.

Leichen, an Leichen kommt niemand vorbei. Zerfetzte Leiber, leblose Kinderkörper, ein Bewaffneter schneidet einem Gegner das Herz heraus und beißt hinein. Solche zuerst im Netz aufgetauchten Aufnahmen haben das Bild von Krieg in Syrien mitgestaltet, sie sind ebenso drastisch wie ihre Echtheit zumeist fraglich ist. Das „Wall Street Journal“ bezeichnete diesen Kampf um die öffentliche Meinung per Netzvideo jüngst als „ersten Youtube-Krieg der Geschichte“.

Aus welcher Richtung sie auch kommen, bewegte Bilder bewegen das Internet in einem neuen Ausmaß. Die „Visuelle Revolution“ rollt an. Für Markus Hündgen, Netzpionier und Geschäftsführer der European Web Video Academy, hat dies zunächst vor allem technische Gründe: „Für die Nutzer ist heute alles auf Knopfdruck verfügbar, die Produzenten erzielen schon mit einem Smartphone vorzeigbare Ergebnisse.“ Eingängig und emotional leicht aufzuladen treten Videos im Internet nun aus ihrem ehemals ruckelnden Schattendasein heraus.

169 Minuten ist der durchschnittliche deutsche Nutzer laut ARD/ZDF-Onlinestudie täglich im Netz, innerhalb eines Jahres stieg dieser Wert um satte 36 Minuten. 23 Millionen Deutsche nutzen regelmäßig bewegte Bilder im Internet. Die Zahlen der Unterwegsnutzung wachsen ebenso rasant wie jene der kommerziellen Unterhaltungsangebote. Gab es Anfang 2012 noch keine auf den deutschen Markt spezialisierten Video-Streaming-Dienste, konkurrieren nun Lovefilm, Maxdome, Watchever und andere um Kunden, die gegen einen Festbetrag legal Serien und Filme sehen können. Mit Vevo ist Anfang Oktober ein neues Musikvideoportal gestartet, das 75 000 Clips und eigens produzierte Band-Beiträge liefert. Und dabei ohne die nervige Kultzeile „Dieses Video ist in ihrem Land leider nicht ...“ auskommt. Im Gegensatz zu Branchenriese Youtube hat sich Vevo mit der Rechte-Verwertungsgesellschaft Gema geeinigt. Ob die durch höhere Netz-Bandbreiten befeuerte Entwicklung sich auch rechnet, lässt sich seriös kaum sagen. Geld wird bei Netzvideos nach wie vor vor allem mit Werbung verdient – und der hiesige Werbe-Videomarkt liegt noch im statistischen Dunkeln, vor allem weil Youtube hartnäckig zu Zahlen schweigt. Branchenkenner gehen jedoch davon aus, dass sich der Werbe-Videomarkt in den letzten Jahren jeweils verdoppelt hat.

Dass es da nicht bei der eher quantitativen Feststellung bleibt – mehr Menschen schauen mehr Videos im Internet – liegt an der speziellen Clip-Kultur, die sich im entgrenzten Internet etabliert hat. „Die Gewichtungsfunktion klassischer Nachrichtensendungen wird durch ein Mosaikstein-System ersetzt. Die Nutzer bauen sich ihre Nachrichten zusammen“, erklärt Hündgen. Dass die Netzgemeinde bislang keine vorzeigbare „Tagesschau“-Alternative zustande gebracht hat, sieht Hündgen nicht so kritisch: „Eine trocken-objektive Berichterstattung ist im Netz nicht viel wert. Es geht nicht nur um Meinungsbeiträge, aber sicherlich um eine identifizierbare Haltung.“

Oh, my god!

Worum es beim auch von Hündgen organisierten deutschen Webvideopreis geht, ist vor allem Unterhaltung. Zum dritten Mal wurden in diesem Sommer die Trophäen verliehen, in 13 Kategorien wie „OMG“ (Oh my god), „cute“ (süß) und „fail“. Moderatorin Miriam Pielhau sagte zu Beginn der natürlich online gesendeten Show: „Webvideos sind lange nicht mehr Hobbyquatsch, der von irgendwelchen Mittelbegabten ins Netz gestellt wird.“ Was einerseits beweist, dass die Szene selbstbewusster wird und sich bekannte Moderatorinnen leisten kann, andererseits zeigt, dass sie immer noch positiven Zuspruch braucht.

Was diese deutsche Webvideoszene eint, ist ihre Experimentierfreude. Ralph Ruthe, im letzten Jahr einer der Preisträger, ist mit Cartoons über das dreiäugige Versuchskaninchen „Pete“ bekannt geworden. Mit einem lauten „Ein Hoch auf die Wissenschaft!“ schluckt der kleine Pete Pillen gegen spontane Selbstentzündung oder gegen religiösen Fanatismus. „Angefangen habe ich 2006 mit dem Start von Youtube, aus der Frustration über das Fernsehen“, sagt der Entertainer. Jetzt habe er eine feste Fanbasis, „da kann ich inhaltlich machen, was ich will“. Auch ins ehemals verschmähte Fernsehen wäre Ruthe mit seinen bitterbösen Satiren fast gekommen, „aber für die TV-Leute mussten Cartoons immer etwas für Kinder sein“. Bei über 50 Millionen Aufrufen seiner gut 100 Videos kann sich Ruthe auch im Netz genügend Aufmerksamkeit sichern.

Dass sie nicht immer so unflexibel sind, zeigen die deutschen Sender in den letzten Jahren mit dem Ausbau ihrer Online-Videoaktivitäten. Für Bertram Gugel, einen Medienwissenschaftler, der sich auf Webvideos spezialisiert hat, waren die Branchengrößen zu lange stur „im Mediathek-Gedanken verfangen“. Man versuchte die Zweitverwertung im Fernsehen gezeigter Inhalte auf eigenen Plattformen. Nun produziert beispielsweise ProSieben originäre Inhalte für den eigenen Youtube-Kanal, wirbt sogar Szene-Stars wie den Computerspieletester „Gronkh“ ab. RTL kauft massiv Inhalte ein, die ARD fährt eine Archivstrategie und hat mehr Beiträge hochgeladen als alle anderen Fernsehstationen zusammen.

Youtube will Fernsehen überflüssig machen

Dass es lange keine nennenswerten Aktivitäten der deutschen Sender außerhalb ihrer eigenen Plattformen gab, mag auch mit der früheren revolutionären Attitüde von Youtube zusammenhängen. Mit eigenen Sendern wollte die Google-Tochter das Fernsehen überflüssig machen. Bertram Gugel bilanziert: „Die Etablierung reichweitenstarker eigener Sender ist nicht gelungen, aber die Kanäle haben Aufmerksamkeit und einen Imagewechsel gebracht.“ Youtube wird zunehmend professioneller und profitorientierter. „Die soziale Interaktion, das Teilen von Videos, haben den Aufstieg von Youtube ermöglicht“, sagt Markus Hündgen. Als Gefahr sieht der Experte, dass die ehemals fast schon avantgardistische Plattform heute mehr und mehr wie ein Fernsehsender funktioniert, mit organisierten Netzwerken statt Einzelkämpfern und stellenweise festgelegten Sendeplänen.

Alles auf null also, die Web-Revolution hat ihre Kinder verspeist und ist zur fein niedergeschriebenen Tagesordnung übergegangen? So weit muss angesichts der unausweichlichen Professionalisierung niemand gehen. „Wir sind jetzt so weit, dass Webvideomacher außerhalb ihrer eigenen Szene Aufmerksamkeit bekommen. Aber noch können die wenigsten von ihren Filmen leben“, sagt Gugel. Vieles von dem, was als Bewegtbild durchs Netz rauscht, sei überdies gar nicht als Fernsehersatz gedacht. „Die Leute nutzen Videos auch verstärkt zur Kommunikation untereinander.“ Wer also früher eine Geburtstags-Kurznachricht verschickt hat und heute per Handy das Bild einer Torte sendet, wird künftig per Back-Video gratulieren.

Als großes Problem sehen sowohl Hündgen als auch Gugel die mangelnde Medienbildung im Bezug auf Webvideos. „Bewegtbild war lange ein Mysterium. Die Nutzer müssen lernen, wie leicht auch Videos zu manipulieren sind“, sagt Hündgen. Dass nicht nur syrische Rebellen, sondern auch einige reguläre Armeen Videos von Tötungen ins Netz stellen, wie zuletzt die israelische, findet Gugel bedenklich. „Authentizität ist eine Sache. Wir müssen uns auch fragen, wie wir Jugendschutz und Persönlichkeitsrechte aufrechterhalten.“ Die Welle an Videos scheint bislang zu schnell zu sein für eine Gesellschaft, die unter dem ständigen Druck steht, ihre Medienkompetenz in rasantem Tempo zu steigern und ihre Vorstellung von Medienethik ständig zu erneuern. So viele komplizierte Bilderfolgen da draußen. Zum Glück gibt es noch Katzenvideos.

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