RedTube : Die hinterhältigen Tricks der Porno-Abmahner

Tausende sollten dafür bezahlen, dass sie angeblich illegal Pornos gesehen hatten. Zu Unrecht. War es gezielter Betrug?

Kai Biermann
Pornoseite redtube: IP-Adressen von Nutzern durch einen URL-Trick abgefischt Screenshot: Tsp
Pornoseite redtube: IP-Adressen von Nutzern durch einen URL-Trick abgefischtScreenshot: Tsp

Ein weißer Umschlag, die Adresse maschinell erstellt. Der Brief sah aus, wie Briefe nun einmal aussehen, doch er enthielt eine Drohung, gerichtet gegen möglicherweise 30.000 Kunden der Telekom. Manche sagen: Es war versuchte Erpressung. Jeder der Angeschriebenen sollte sich im Internet auf dem Portal RedTube Pornos angeschaut haben, ohne es zu dürfen. Und jetzt sollten sie alle dafür bezahlen. 

"Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzung und Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung", so waren die Briefe überschrieben. Eigentlich ist das nichts Besonderes. Längst werden solche Briefe massenhaft verschickt, um das illegale Kopieren im Internet zu bekämpfen. Aber der Fall RedTube zeigt, dass dieser Kampf gegen ungerechtfertigtes Herunterladen und Kopieren zu einem guten Geschäft geworden ist und deshalb auch Leute anzieht, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.

Hier wurden Fakten verschleiert, wichtige Informationen unterdrückt oder unvollständig weitergereicht. Es wurde geschlampt und leichtfertig geglaubt statt zu prüfen. ZEIT ONLINE hat wochenlang recherchiert und mit den Beteiligten gesprochen. Vollständig geklärt ist der Fall RedTube noch nicht, aber es besteht der Verdacht, dass es sich um einen gezielt vorbereiteten Betrug handelt.

Post vom Anwalt 

Die Schreiben kamen im Dezember 2013. Verschickt hatte sie die Kanzlei U+C Rechtsanwälte aus Regensburg. Sie warfen den Empfängern vor, "von Ihrem Internetanschluss aus" das "urheberrechtlich geschützte Werk Amanda's secrets" und andere Videos mit ähnlichen Titeln angesehen zu haben. Das alleinige Recht, die Filme im Internet anzubieten, habe eine Firma namens The Archive AG aus der Schweiz, argumentierte die Kanzlei. Auf RedTube seien sie illegal eingestellt worden. Deshalb forderte U+C Schadenersatz: 15,50 Euro. Samt Anwaltsgebühr, "Pauschale für Post und Telekommunikation" und "Aufwendung für die Ermittlung der Rechtsverletzung" standen am Ende 250 Euro, zahlbar innerhalb von acht Tagen. 

Wie viele Menschen sofort überwiesen haben, weiß niemand. Doch es werden einige gewesen sein. Denn wer wird gerne dabei erwischt, Pornos zu sehen, und dann noch illegal? So teuer erscheinen 250 Euro nicht, üblicherweise werden in Abmahnungen zum Urheberrecht zwischen 800 und 3.000 Euro gefordert. Mehreren Hundert Empfängern kam das Ganze merkwürdig vor, sie wehrten sich.  

Methode Abmahnung 

Wer verstehen will, wie im Fall von RedTube Geld auf Kosten unbescholtener Nutzer gemacht werden sollte, muss wissen, wie das Abmahnwesen heutzutage funktioniert. Eigentlich sollen Abmahnungen Unrecht eindämmen, ohne dass ein teures Gerichtsverfahren nötig ist. Bis 2008 ging das so: Eine Film-, Buch- oder Musikfirma hatte den Verdacht, dass jemand ihr Werk illegal tauscht und verbreitet. Also stellte sie Strafanzeige gegen Unbekannt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte dann, von welcher IP-Adresse, also von welchem Computer aus, der illegale Zugriff kam. Doch das dauerte. Die Industrie beschwerte sich.

Das Bundesjustizministerium schrieb ein neues Gesetz, erfand den sogenannten zivilrechtlichen Auskunftsanspruch. Seither kann jeder Rechteinhaber selbstständig nach Filesharern und illegalen Kopien suchen. Dazu erheben vor allem Musikunternehmen, IT-Klitschen und Anwälte IP-Adressen. Die legen sie einem Gericht vor. Das stellt ihnen, wenn es den Vorwurf halbwegs plausibel findet, einen richterlichen Beschluss aus. Anschließend gehen sie mit dem Gerichtsbeschluss zu den Telekommunikationsanbietern, die ihnen die Namen und Anschriften der Kunden aushändigen müssen, zu denen die IP-Adressen gehören. 

Das Geschäft floriert. Seit 2008 steigt die Zahl der abgemahnten Werke stetig, die Zahl der Abmahnbriefe explodierte. Eine neue Industrie ist gewachsen, der es mehr um ihren Profit geht als darum, Unrecht zu beseitigen. Sie scheut nicht davor zurück, Gesetze kreativ auszulegen oder zu umgehen.

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