Republica 2013 : Grundversorgung 2.0?

Wie wollen die öffentlich-rechtlichen Sender sich im Internet präsentieren und es als ein wahrhaft drittes Standbein der medialen Grundversorgung nutzen? Auch darüber diskutierte die Netzgemeinde auf der Republica. Schließlich gibt es bereits Angebote, die mit gutem Beispiel voran gehen.

Michael Krause
"Noch kein Konzept für die Online-Zukunft": Die öffentlich-rechtlichen Sender im Netz.
"Noch kein Konzept für die Online-Zukunft": Die öffentlich-rechtlichen Sender im Netz.Screenshot: www.ard.de

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört allen“ hat der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor vor wenigen Wochen gesagt. Als wüssten das nicht alle. Durch die neue Rundfunkgebühr jedoch bekommt diese Aussage nun eine ganz neue Bedeutung. Denn auf einen Schlag hat die Haushaltsabgabe die Beitragszahler zu Anteilseignern am gesamten öffentlich-rechtlichen System gemacht. Wo früher ein Radiohörer nur für’s Radio bezahlen musste, zahlen heute alle für alles.

Seit Einführung des neuen Rundfunkbeitrags zu Anfang dieses Jahres reißen die kritischen Debatten über die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr ab. Neben dem Tauziehen um die Digital- und Jugendkanäle werden nun auch die Fragen nach der Strategie der Öffentlich-Rechtlichen für den zukünftigen Umgang mit dem Internet als drittem Standbein der Medien-Grundversorgung immer lauter. Auf der Republica stellten Medienforscher ihre Forderungen an die öffentlich-rechtlichen Sender vor und diskutierten das Projekt „WikiVision“, eine unabhängige Sammel-Plattform für frei verfügbare Video-Inhalte.

Lorenz Lorenz-Meyer, Spezialist für Online-Journalismus von der Hochschule Darmstadt, kritisierte die „byzantinischen Strukturen“ der öffentlich-rechtlichen Sender, die ein übergreifendes Konzept für die digitale Strategie bisher behindert hätten. „Wir brauchen in der ARD eine Stelle, die ein solches Konzept für die mediale Grundversorgung im Internet erarbeitet und koordiniert“, so Lorenz-Meyer. Mit Blick auf die USA, wo Stiftungen und Philantrophen eine wichtige Rolle für die Grundversorgung mit journalistischen Informationsangeboten spielen, verteidigte er das deutsche öffentlich-rechtliche Modell als „zivilisatorische Errungenschaft.“ Nur so könne journalistische Unabhängigkeit dauerhaft sicher finanziert werden.

Öffentlich-rechtliche Sender sollten den Recherche-Journalismus stärken

Er plädierte jedoch für eine Neuausrichtung des gesellschaftlichen Auftrags der Sender nach dem Vorbild der BBC. Um mehr „public value“ zu generieren, sollten die Öffentlich-Rechtlichen den Recherche-Journalismus wieder stärken, etwa durch investigative Leuchtturmprojekte und Stipendien für aufwendige Recherche-Projekte. Außerdem müssten die Sender den Internetnutzern zukünftig Hilfsmittel zur Orientierung im Online-Nachrichtendschungel zur Verfügung stellen.

Zusätzlich zu ihren bisherigen Angeboten im Netz würden heute mehr und mehr Informationsportale nach dem Vorbild von Seiten wie „perlentaucher.de“ und „rivva.de“ gebraucht. Diese öffentlich-rechtlichen Portale könnten durch die Auswertung von Metadaten, zunehmend automatisiert, frei verfügbare Nachrichtenangebote zusammenziehen und für die Nutzer durchsuchbar machen. Zusätzlich müssten die Datenbestände der öffentlich-rechtlichen Sender mehr und mehr für Anfragen von Datenjournalisten und Bürger archiviert und über das Internet abfragbar gemacht werden.

Als dritte Maßnahme forderte Lorenz-Meyer die Bereitstellung von Werkzeugen und Schulungsangeboten technischer, journalistischer und rechtlicher Art für die neue Generation von „Produsern“, also jenen Nutzern, die aktiv an der Erstellung von Medieninhalten mitwirken, etwa im Bereich des Bürgerjournalismus. Wieder hob er dabei ein Angebot der BBC hervor. Das „BBC College of Journalism“ sei ein gelungenes Beispiel für ein solches, in die Gesellschaft hineinreichendes Weiterbildungsangebot.

WikiVision will zeigen, wie eine Grundversorgung mit Videos aussehen kann

Einen ganz anderen Weg geht Volker Grassmuck, Leiter der Forschungsgruppe „Grundversorgung 2.0“ an der Leuphana Universität Lüneburg. Mit dem Projekt „WikiVision“ haben er und sein Team vor, unabhängig von den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Online-Plattform für die öffentliche Grundversorgung mit frei verfügbaren Videoquellen aufzubauen. Die angestrebte „Aggregator“-Seite soll aus Quellen wie Youtube und Vimeo, dem Parlamentsfernsehen oder den frei zugänglichen Multimediaangeboten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Goethe Institute und Universitäten „grundversorgungs-relevante Beiträge“ zusammenziehen und möglichst automatisiert nach redaktionellen Kriterien sortieren.

Ähnlich wie bei der Aggregator-Plattform „Network Awesome“ sieht Grassmuck die Arbeit der „WikiVision“-Macher eher als kuratorische Aufgabe. Ein „Zensus frei verwertbarer Quellen“ könne so mit der Hilfe vieler aktiver Nutzer entstehen. Entscheidend sei dabei die Bedienung, die es den Besuchern der Seite erlauben soll, die Videobeiträge anhand von Schlagworten und Kriterien sinnvoll zu filtern. Wie in der Anfangsphase von Wikipedia müssten dazu nun Qualitätskriterien und -mechanismen entwickelt werden.

Zunächst geht es Volker Grassmuck und seiner Arbeitsgruppe um Inhalte, die mit Creative Commons-Lizenzen frei im Netz verfügbar sind. Zukünftig hofft er aber auch, die traditionell zurückhaltenden Nachrichtenproduzenten davon zu überzeugen, bestimmte Video-Inhalte auch unter einer CC-Lizenz für „WikiVision“ zur Verfügung zu stellen. Denn dies muss nicht zwingend eine Gefahr für deren Erlösmodelle sein. Die Erfahrungen anderer Plattformen aus der Wikimedia-Galaxis, in der Grassmuck die „WikiVision“-Plattform nach Abschluss des Projekts 2015 gern sähe, haben da schon Erfolge erzielt. Damit „WikiVision“ funktioniert braucht es die Unterstützung aus der Netzszene, denn die Gruppe um Grassmuck muss sich aufgrund mehrerer Projekte rund um das Thema Grundversorgung 2.0 vor allem auf die Bereitstellung der technischen Ressourcen konzentrieren. Grassmuck lud daher „Videoaktivisten, Hacker und Metadatenjongleure“ ein, das Projekt online zu begleiten und zu unterstützen. Nur wenn sich um die Plattform eine lebendige Community entwickle, könne „WikiVision“ ein Erfolg werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden die Entwicklung dieser Plattform sicher mit einigem Interesse verfolgen.