Umgangston im Internet : Wie das Netz sich selbst zivilisiert

Das ganze Internet ist krawallig, grob und unfair? Nein, längst haben Menschen Orte geschaffen, an denen Selbstkontrolle funktioniert. So könnte es überall sein.

Karsten Polke-Majewski

Man kann diese Geschichte mit dem berühmten Soziologen Norbert Elias beginnen oder mit einer S-Bahn-Fahrt. Da steht inmitten müder Pendler ein schlechtgelaunter Kerl und pöbelt herum. Schließlich erhebt sich ein älterer Herr, baut sich vor dem Radaumacher auf und blafft: "Halt endlich den Mund!" "Was willst Du tun, mir eine reinhauen?" "Nein, aber wenn Du keine Ruhe gibst, hole ich den Fahrer." Die Bahn hält, der Krawallbruder flüchtet.

Im Internet flüchtet niemand. Jedenfalls nicht der Laut-Sprecher. Ein "Mund halten!" beendet vielleicht einmal eine vulgäre Tirade; Einsicht aber entsteht oft nicht. Das Netz sei eben anarchisch strukturiert, höhnen Netzskeptiker dann gerne, seine Benutzer seien eine unlenkbare Masse, die im Schutz der Anonymität ihre dunkelsten Triebe auslebt.
Soweit die Legende. Die Wahrheit klingt anders.

Wer genauer hinsieht, entdeckt auch im Netz viele Spuren jenes Zivilisationsprozesses, den Norbert Elias schon 1939 beschrieben hat. Damals schilderte er, wie gesellschaftliche Konventionen entstehen. Je abhängiger Menschen voneinander seien, desto wichtiger werde es für sie, das menschliche Verhalten voraussehen zu können, weil nur dies Sicherheit vor der Aggression des Nächsten verspreche. Diese Sicherheit könne nicht allein von außen erzwungen werden, sondern es brauche dafür so genannte Selbstzwänge, die den Menschen disziplinieren. Das Gewissen zum Beispiel, das uns davon abhält, einem anderen ein Bein zu stellen. Oder das Empfinden, dass es peinlich werden kann, wenn man im Restaurant einen anderen Gast lauthals anpöbelt.

Es braucht einen menschlichen Faktor

Auch im Netz etablieren sich zunehmend gesellschaftliche Konventionen, wie wir in seinen verschiedenen Räumen miteinander umgehen. Allerdings sind die technischen wie die sozialen Bedingungen, unter denen das geschieht, ungleich schwieriger. Wenn das Netz aber dauerhaft zu einer Plattform unseres gesellschaftlichen Lebens werden soll, ist mehr nötig als technische Machbarkeit. Es braucht einen menschlichen Faktor.

Lange wurde das Internet von außen als ein einziger großer Raum betrachtet. Doch in Wahrheit bestand das Netz schon immer aus einer Vielzahl mehr oder minder ausdifferenzierter und voneinander getrennter Räume. Einige davon gelten ihren Nutzern als privat und geschlossen (beispielsweise einige soziale Netzwerke), andere sind Orte halböffentlicher oder öffentlicher Kommunikation. Je nach Charakter der Plattform geht es freundlich oder rau zu, vulgär oder hochanständig. An vielen dieser Orte herrscht ein guter Ton, aber in nachhaltiger Erinnerung bleiben die Stellen, wo es weniger nett zugeht.

Dafür gibt es eine Erklärung: Anders als in der analogen Welt fehlt im Netz bislang vielerorts die gemeinsame Basis, die es braucht, um soziale Normen zu etablieren. Die Kommunikation ist aufs Mindeste reduziert, klassische Regeln greifen deshalb nicht. Wer im Café miteinander spricht, der sieht, riecht, hört den anderen, nimmt seine Körpersprache wahr, erkennt, was ihn ablenkt. Im Netz bleibt davon oft nur die Schrift übrig, ein Ausdrucksmedium, das vielen Menschen ohnehin zu schaffen macht. Also werden aus Buchstaben Bilder gebaut ( :-) ), etablieren sich Gefühlskürzel (*lol*). Soziale Netzwerke versuchen, noch mehr Hinweise darauf einzusammeln, mit was für einem Gegenüber wir es zu tun haben: Profilbilder, Interessensangaben, Gefällt-mir-Ansagen, private Fotostrecken oder Videos. Der Umgangston bleibt dennoch häufig gewöhnungsbedürftig.

Aber es wäre ganz falsch, nun zu behaupten, soziales Leben sei im Netz nicht möglich; das Gegenteil ist der Fall. Langjährige Mitarbeiter von Wikipedia kennen sich beispielsweise oft sehr genau, auch wenn sie voneinander nur den Spitznamen wissen und sich persönlich nie getroffen haben. Das liegt daran, dass sich alle, die dauerhaft an dem Online-Lexikon mitarbeiten, einer größeren Idee zugehörig fühlen, einer Gemeinschaft von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel. Man interessiert sich für den anderen, für seine Gedanken, seine Argumente, und Stück für Stück wird aus dem schreibenden Gegenüber eine Persönlichkeit, die respektiert wird.

Wikipedia zeigt auch, dass soziales Leben im Netz ebenso wie das analoge Leben ab und zu mit harten Auseinandersetzungen verbunden ist. Mancher Autor hat seine Mitarbeit im Streit aufgegeben. Die Gemeinschaft besteht jedoch im zehnten Jahr, die Wikipedianer identifizieren sich sehr stark mit ihrem Projekt.

Die soziale Leistung, welche die Wikipedianer erbracht haben, ist gewaltig. Im analogen Leben beziehen wir jede Vorstellung davon, was richtig und gut, anständig und angemessen ist, üblicherweise aus Kreisen von Menschen, die uns ähnlich sind. Im Internet treffen aber Menschen unterschiedlichster Millieus aufeinander, die nichts voneinander und von der Welt des anderen wissen, ihren eigenen Horizont jedoch zum Maßstab für alle erheben: Der Bauer aus Niedersachsen spricht anders als der Arbeiter aus Gelsenkirchen, der Student aus Tübingen anders als die Friseurin aus Leipzig, der arbeitslose Hilfsarbeiter aus Rostock anders als die Aufsteigerin mit Migrationshintergrund aus Stuttgart.

In den geschlossener strukturierten Räumen des Netzes sind die Unterschiede noch überschaubar. Jugendliche, die beispielsweise auf SchülerVZ schreiben, zählen mehrheitlich Nutzer zu ihren Freunden, die sie aus der Schule oder dem Sportverein kennen. Bei Facebook ist das Publikum, für das man auf den persönlichen Profilen (nicht auf allgemein zugänglichen Seiten!) schreibt, ebenfalls relativ klar zu definieren.

Wer sich dagegen in öffentlichen Foren äußert, der begegnet ungebremst äußerst unterschiedlichen Erwartungen davon, wie man angemessen miteinander umgehen sollte. Hier trifft der Bauer die Migrantin, die Friseurin den Studenten. Gleichzeitig ist der Nutzer selten dazu gezwungen, unangenehme Situationen auszuhalten. Wer im Büro schlecht über einen Kollegen redet, muss die Folgen seines Fehlverhaltens manchmal tagelang ertragen. In öffentlichen Foren klickt man weg, sobald man kritisiert wird. Es gibt also weniger Grund, zuvorkommend miteinander umzugehen.

Und dann sind es auch noch so furchtbar viele Leute, die sich an den öffentlichen Orten des Netzes bewegen. Viele Internetseiten, die eigentlich nach starker sozialer Normierung verlangen, werden geradezu überrannt. Youtube ist so ein Beispiel. Viele Millionen Menschen sind hier täglich unterwegs. Ihre Kommentare unter den Videos belegen, wie uneinig sie darin sind, was lustig, was klug, was peinlich oder was einfach nur daneben ist. Schwer vorstellbar, wie da ein gemeinsamer Grundkonsens entstehen soll, der über minimalistische Regeln hinauskommt. Die Masse zerstört alle Bezugsräume, sie verwischt jede Zuordnung, macht es unmöglich, gemeinsame Ziele zu fixieren.

Position beziehen

Kann es also doch nichts werden mit der Netz-Zivilisierung? Aber doch! Dazu bedarf es allerdings einiger Tatkraft. Was fehlt, sind Räume, in denen klar erkennbar wird, wo ich mich gerade bewege. Im Theaterfoyer rede ich anders als in der Fußballkneipe, selbst wenn ich keinen der Menschen kenne, die ich dort treffe. Solche Unterschiede kann man auch im Netz definieren. Man muss allerdings den Mut aufbringen, beherzt Position zu beziehen.

Zum Beispiel Flickr. Jeder kann hier private Fotos einstellen und sie mit anderen Mitgliedern diskutieren. Das Besondere: Wer in den Anfangsjahren der Website zum ersten Mal auf Flickr auftauchte, wurde persönlich von einem Mitarbeiter empfangen. Wie der Gastgeber einer Party führte er den Neuen herum, macht ihn mit Gegebenheiten und Umgangsformen bekannt, stellte ihn anderen Nutzern vor. Auf diese Weise entstand ein gemeinsamer Ton, der bis heute fortwirkt. Jede Abweichung davon hinterlässt einen unangenehmen Geschmack bei den übrigen Mitgliedern der Community.

Längst sind die Nutzerzahlen von Flickr so groß, dass dieser persönliche Willkommensgruß nicht mehr zu leisten ist. Doch was die ersten Nutzer als guten und erstrebenswerten Umgang erlebt haben, geben sie heute untereinander weiter. Wer neu dazukommt, hat Zeit, diesen Ton einzuüben, denn Regeln müssen gelernt werden. Allerdings nicht endlos. Verstößt er gegen die Ordnung, folgen irgendwann Sanktionen. Oft neutralisieren andere Community-Mitglieder schlechte Schwingungen schon durch ihre Kommentare. Im schlimmsten Fall sperren Mitarbeiter den Zugang. Auf den darauf oft gehörten Aufschrei "Zensur!" antworten die Macher von Flickr schlicht: Jede Gemeinschaft schließt Menschen aus, das ist ihr Grundwesen. Unsere tut es auch.

Suche nach dem Grundkonsens

Von Flickr kann man lernen, wie entscheidend es ist, sich beim Aufbau einer Community von Anfang an darauf festzulegen, welcher Stil und welche Regel gelten sollen, und beides konsequent durchzusetzen. Die Mitarbeiter von Flickr sind keine Moralwächter. Sie ziehen lediglich die Grenzen des Anstands, auf die sich jeder berufen kann. Denn so funktioniert unsere Gesellschaft: Wir suchen ständig nach einem gemeinsamen Grundkonsens. Daraus erwächst eine Gruppenidentität, ein Gefühl von Verantwortlichkeit für den anderen und für das Fortbestehen der Gruppe. Es wiederholt sich das Elias'sche Prinzip: Um die Gruppe zu stabilisieren, jedes Mitglied vor der Aggression der anderen zu schützen und ihm Freiheit und Sicherheit zur Entfaltung zu geben, braucht es Regeln, die schließlich so verinnerlicht sind, dass sie niemand mehr aussprechen muss.

Erinnern wir uns an das Beispiel vom Anfang. Pöbeln in der S-Bahn gehört sich nicht. Doch die Courage, dem Pöbler genau dies zu sagen, gewinnt der Mensch erst, wenn er sich auf etwas berufen kann. Das ist mal der S-Bahn-Fahrer, mal der Betreiber einer Website. Manchmal sind es auch einfach Menschen, denen Deutungsmacht zugesprochen wird. Fach- und Community-Redakteure beispielsweise, die sich in Diskussionen unter Artikeln zu Wort melden und sich auf ihre Netiquette berufen. Und erfahrene Nutzer, die sich in langen Jahren kontinuierlicher Mitarbeit an einer Website Respekt erworben haben.

Netz und Alltagswelt fließen immer stärker ineinander. Das hilft dem Zivilisierungsprozess. Denn wenn ich den Menschen, mit denen ich im Netz kommuniziere, auch in der Familie, in der Schule oder im Alpenverein begegne, nehme ich Umgangsformen von dort mit und übertrage sie ins Netz.

Allerdings funktioniert dieser Prozess auch andersherum. Was im Netz gelernt wird, wird in der analogen Welt angewandt, im Bösen wie im Guten. Schulkameraden werden gemobbt, Jugendliche verabreden sich zum gemeinsamen Selbstmord. Aber auch: Studierende halten quer über den Atlantik gemeinsame Seminare und wenden diese Erfahrung später an ihren Arbeitsplätzen an. Bürger entwickeln zusammen das Konzept für einen begrünten Platz inmitten der Innenstadt oder für die Sanierung des kommunalen Haushalts. Wieder andere nutzen die Kraft der Improvisation. Weshalb wir uns Gedanken darüber machen sollten, wie Nutzer darin unterstützt werden können, ihre Selbstkontrolle zu stärken. Und wie man Plattformbetreiber dazu bringt, ihre Verantwortung wahrzunehmen, die virtuellen Räume angemessen zu regulieren.

Quelle: Zeit Online

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