Unser digitales Leben: Systemvergleich : Die Spiegel-Fechter

Systemkamera oder Spiegelreflexkamera – welche Technik passt zu wem? Ein Überblick

Michael Krause
Auf Reisen kommt es nicht zuletzt auf das Gewicht der Ausrüstung an.
Auf Reisen kommt es nicht zuletzt auf das Gewicht der Ausrüstung an. Vollformat-Sensoren, reichhaltiges Zubehörsortiment und große...Foto: pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Wenn am späten Nachmittag die Schatten länger werden und die Landschaft wieder an Kontur gewinnt, dann ist das Licht perfekt. Auf Tour in den Hügeln bei Florenz – da darf eine handliche Kamera mit gutem Objektiv nicht fehlen. Am frühen Abend dann, in den engen Gassen der Innenstadt, ist das Licht schwieriger. Um die Stimmung und Architektur noch ohne Blitz einzufangen, muss die Kamera auch bei erhöhter Lichtempfindlichkeit des Sensors noch ohne Bildrauschen arbeiten. Im abnehmenden Licht ist dann ein ruhiges Händchen gefragt. Lichtstarke Objektive und die Bildstabilisatoren guter Kameras helfen dabei.
Wer optimal belichtete, hochaufgelöste Bilder von seinen Reisen mit nach Hause bringen möchte, kam bislang an einer Spiegelreflexkamera (SLR – Single Lens Reflex) nicht vorbei. Doch die großen Hersteller bieten heute zunehmend leistungsfähige Modelle ohne Spiegel an, die für viele Einsatzfelder eine Alternative sein können. Diese Systemkameras sind trotz modernster Technik deutlich kleiner und leichter als ihre großen Schwestern. Ebenfalls mit zahlreichen Wechselobjektiven und viel nützlichem Zubehör versehen, sind die spiegellosen Multitalente zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Spiegelreflexkameras im Preissegment zwischen 500 und 1200 Euro geworden.

Einige der „Kleinen“, wie die Nikon 1 V1 oder die Olympus OM-D und Pen-Reihen, sind dabei für Ästhetik-Freunde die reinste Augenweide. Designanleihen bei den Kamera-Klassikern des 20. Jahrhunderts treffen auf modernste Digitaltechnologie. Doch was ist wirklich dran an den hübschen Technikwundern, für die sich die Kurzbezeichnung „Systemkamera“ eingebürgert hat? Worin unterscheiden sie sich von den SLRs und den ebenfalls recht leistungsfähigen DSLR- beziehungweise Bridgekameras, den Einsteiger-Spiegelreflexkameras, die mit festen Zoomobjektiven und vielen Funktionen schon für unter 500 Euro zu haben sind?
Im Gegensatz zu Bridge- und Kompaktkameras sind die spiegellosen Systemkameras viel flexibler einsetzbar. Denn mit Wechselobjektiven, Aufsteckblitzen und Zubehör – etwa für das GPS-Tagging von Bildern oder den W-Lan-Anschluss – lassen sie sich auf verschiedenste Einsatzbereiche abstimmen. Schon ihre Grundausstattung orientiert sich klar an den Spiegelreflexkameras. Mit fast vergleichbaren Bildsensoren, schnellen Prozessoren, Bildstabilisatoren und hochauflösenden, zumeist schwenkbaren Bildschirmen sind die Unterschiede hier auf den ersten Blick gering.
Auch wer sich, zum Beispiel bei starkem Sonnenlicht, nicht allein auf das Display verlassen will, findet bei den Systemkameras ab 700 Euro hochauflösende digitale Sucher, die eine genaue Bildvorschau liefern. Der „Live View“-Modus vieler Modelle kann Belichtungs- und Tiefenschärfeveränderungen darstellen. Bei Kameras ohne Sucher kann dieser meist dazugekauft und über den Blitzschuh angeschlossen werden. Weiterhin können die Systemkameras aufgrund des fehlenden Spiegels sehr schnelle Bildserien mit automatischer Schärfenachführung schießen. Zehn bis 15 Bilder je Sekunde sind bei den Top-Modellen der Standard. Das ist deutlich schneller als bei den meisten Spiegelreflexkameras. Dass die besseren „Spiegellosen“ auch im RAW-Format speichern und, genauso wie die SLRs in ihrer Preisklasse, hochwertige Videoaufnahmen in Full-HD-Qualität – teilweise auch mit Stereosound – liefern, dürfte weitere Zweifel der Spiegelreflex-Verfechter zerstreuen. Wer noch bessere Videos drehen will, hat zudem bei einigen Herstellern die Möglichkeit, externe Stereomikrofone anzuschließen.
Bei dieser Funktionsfülle verwundert es nicht, dass auch die Bedienung der gehobenen Systemkameras den SLR-Kameras nachempfunden ist und über Drehräder und umfangreiche Menüs organisiert ist. Statt der angebotenen Objektive können Besitzer von Systemkameras aber auch weiterhin mit ihren gewohnten SLR-Objektiven arbeiten, sofern sie vom gleichen Kamerahersteller stammen. Dafür notwendig sind Adapter, die preislich ab 150 Euro beginnen, je nach Hersteller aber auch wesentlich teurer sein können.

Wer auf Vollformat-Sensoren Wert legt, landet fast automatisch bei den Spiegelreflex-Modellen

Wer also geringes Gewicht schätzt und auf Leistung nicht verzichten möchte, für den können die Spitzenmodelle unter den Systemkameras, wie die Nikon 1 V2 (rund 900 Euro), Samsung NX 20 (rund 900 Euro), Sony NEX-7 (rund 1200 Euro) oder die Olympus OM-D E-M5 (rund 1100 Euro) tatsächlich eine Alternative zur Spiegelreflexkamera sein. Zumal einige der Modelle mit einem hochwertigen, spritzwassergeschützten Gehäuse und Objektiv ausgestattet sind, etwa das an die klassischen „OM-D“-Spiegelreflexkameras der Vergangenheit angelehnte Top-Modell von Olympus. Besteht also für ambitionierte Fotografen gar kein Grund mehr, auf Spiegelreflexkameras zu setzen? Ein Vollformatbildsensor, wie ihn momentan keine Systemkamera bietet, ist schließlich auch bei den SLR-Kameras erst ab 2000 Euro zu haben.
Doch auch Spiegelreflexkameras unterhalb dieser Grenze bieten manche Dinge, die für die meisten Systemkameras schon aufgrund ihrer Kompaktheit nicht zu leisten sind. Während in den Systemkameras meist Sensoren von maximal 17x13mm verbaut sind, bringen vergleichbare Spiegelreflexkameras dann doch meist die größeren APS-C-Sensoren (22x14mm) beziehungsweise DX-Sensoren (24x15,5mm) mit. Nur Sony und Samsung statten ihre Systemkameras mit APS-C-Sensoren aus. Weiterhin ist der Autofokus nur bei den Spitzenmodellen unter den Systemkameras, etwa der Olympus OM-D E-M5 genauso schnell wie das Fokussieren vergleichbarer Spiegelreflexkameras. Das ist sicher nicht für alle Anlässe wichtig, aber beim Fotografieren sehr schneller Objekte schon. Hinzu kommt, dass die SLRs meist über robustere Gehäuse verfügen und gegenüber den Systemkameras mit größeren Tasten und Drehrädern meist praktischer in der Bedienung sind. Auch bieten sie oft mehr Steckplätze für Speicherkarten. Weiterhin findet man, zumindest im Moment noch, für die Spiegelreflexkameras ein größeres Zubehörsortiment, besonders, wenn man auf kostengünstigere Drittanbieter – etwa bei Zoom-Objektiven – ausweichen möchte.

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