Zu PAPIER gebracht : Mein Bein ist online

Handy-Taschen am Gürtel sind verpönt. Zu unrecht findet unser Autor. Die 90er-Jahre-Überbleibsel sind zwar reichlich old-fashioned, aber es gibt andere Gründe, sein Mobiltelefon nicht in der Hosentasche zu tragen.

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Foto: Privat
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Es gibt nur eine Art, sein Handy einigermaßen würdevoll bei sich zu tragen: versteckt in der Hosentasche. Wenn ich heute jemanden sehe, der sein Handy an der Gürteltasche hat oder in neongelben Schutzhüllen am Arm trägt, muss ich an die Neunziger denken. Damals war ein Handy noch etwas Besonderes. Die Tasche am Gürtel sollte auch sagen: Schaut her, ich bin modern, womöglich sogar meiner Zeit voraus. Heute tragen das höchstens noch Väter mit grau melierten Bärten. Ich transportiere mein Handy in der Hosentasche, immer rechts, da bin ich wohl auch autistisch veranlagt.

Seit Jahren lässt mich eine Frage nicht los: Warum kann ich mein Smartphone im Winter, wenn ich Handschuhe trage, nicht bedienen, während es zu jeder Jahreszeit in meiner Hosentasche, umgeben von Stoff, sehr gut funktioniert? Mein Bein schreibt ellenlange Textnachrichten, wenig eloquent, eher dadaistisch, etwa „jösadoifhaön vshgkjsdhnv asödhfv5555“. Es telefoniert auch. Am liebsten mit Mailboxen. Bis zu einer halben Stunde quatscht es in seiner raschelnden Fantasie-Sprache die virtuellen Anrufbeantworter meiner Bekannten voll. Im Englischen heißt dieses Phänomen „Bum-Call“. Ich nenne es „Bein-Call“.

Jeder kennt das. Manchmal nervt es, ein Grund zur Sorge ist es sicher nicht. Was mir allerdings Angst macht, ist eine andere Sache. Mein Bein ist jetzt auch online. Vor ein paar Tagen hat es in Kooperation mit der Hosentasche meinen Facebook-Status geupdatet.

Ein einfaches „I“, mehr nicht. Ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, doch kurz darauf blinkte mein Handy: „Barbara gefällt das“. Ein paar Minuten später wieder ein Klingeln. Volker gefällt das. Ja, was denn? Ich öffnete die App und tatsächlich: zwei Menschen, Barbara und Volker, gefällt mein Bein-Statusupdate.

Kurz darauf der erste Kommentar: „K“. Ich selbst nutze Facebook eher sporadisch. Und so sind auch die Reaktionen eher spärlich. Mein Bein hat mit seinem Statusupdate „I“ mehr Likes gesammelt, als ich es je mit einem Beitrag geschafft habe. Neid stieg in mir auf. Was hat mein Bein, das ich nicht habe?

Als meine Mutter mich anrief, warum zum Teufel ich ihr Fotos vom letzten Stadionbesuch schickte – meine Freunde und ich in verschiedenen Bierposen – war die Sache klar: So konnte es nicht weitergehen. Ich bin jetzt peinlich berührter Besitzer einer Gürtelhandytasche. An der Kasse im Supermarkt wurde ich dafür von ein paar Pubertisten ausgelacht. Mein Bein begann unweigerlich zu zucken. Ich hielt es aus.

Beim Blick in den Spiegel bemerkte ich die ersten grauen Haare in meinem Bart.

Dominik Drutschmann ist freier Autor

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