Digitaler Hass : "Viele Pöbler wollen nur provozieren"

Warum äußern sich Menschen im Netz rassistisch oder beleidigend, wie gegen "Topmodel"-Kandidatin Aminata Sanogo? Medienpsychologe Leonard Reinecke über die Mechanismen in sozialen Netzwerken.

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Wehrt sich gegen rassistische Beschimpfungen auf Facebook: "Germany's Next Topmodel"-Kanidatin Aminata Sanogo.
Wehrt sich gegen rassistische Beschimpfungen auf Facebook: "Germany's Next Topmodel"-Kanidatin Aminata Sanogo.Foto: ProSieben

Herr Reinecke, immer wieder wird in Foren und sozialen Netzwerken beleidigend oder rassistisch gehetzt, wie aktuell gegen die „Topmodel“-Kandidatin Aminata Sanogo, die auf der ProSieben-Facebookseite und ihrer Fanpage mit Äußerungen wie "Quotenneger", "gorilla fresse" und "Das gehört vergast" beschimpft wurde. Wird der Ton im Internet rauer und radikaler?

 

Es ist schwer zu sagen, ob das eine generelle Entwicklung ist, denn dazu liegen keine Statistiken vor. Sicher aber äußern sich Menschen im Netz zu strittigen Themen mitunter in einer Form, wie sie es offline nie tun würden.

 

Warum ist die Hemmschwelle dazu im Netz geringer?

 

Das hängt im Wesentlichen mit der Anonymität zusammen. In vielen Foren können sich Nutzer beteiligen, ohne ihren echten Namen preisgeben zu müssen und sich mit ihren radikalen Äußerungen dann hinter dieser Anonymität verstecken, weil sie keine Konsequenzen fürchten müssen.

 

Auf Facebook sind viele Nutzer aber mit ihrem Klarnamen angemeldet.

 

Ja, aber auch hier fühlen sich die Nutzer sicher, da sie nicht mit handfesten Reaktionen wie bei einem Gespräch Face-to-Face rechnen müssen. Selbst wenn andere Nutzer sie zurechtweisen, kommt es nie zu einer Konfliktsituation wie in der realen Welt. Dazu gehen viele Facebook-Nutzer vermutlich davon aus, dass ihre Freunde eine ähnliche Position oder politische Einstellungen vertreten wie sie. Sie fühlen sich dadurch noch ermutigend, sich entsprechend radikal zu äußern.

Leonard Reinecke ist Medienpsychologe an der Universität Mainz und forscht über Kommunikation in sozialen Netzwerken.
Leonard Reinecke ist Medienpsychologe an der Universität Mainz und forscht über Kommunikation in sozialen Netzwerken.Foto: Christof Mattes

 

Wer steckt hinter den Pöblern? Rassisten oder vor allem Menschen, die provozieren wollen?

 

Rassistische oder auch homophobe Ressentiments sind leider eine gesellschaftliche Realität, die wir nur allzu gerne verdrängen. Im Netz, wo Menschen das Gefühl haben, sich gefahrlos äußern zu können, zeigen sich solche Ressentiments dann in stärkerem Ausmaße als offline. Vielen der Pöblern geht es aber auch sicher nur darum, zu provozieren.

 

Inwiefern? 

 

Solche Äußerungen sind auch eine Form von Machtdemonstration nach dem Motto: „Seht her, ich traue mich, etwas auszusprechen, das eigentlich gesellschaftlich verboten ist.“ Die angenommene Konsequenzlosigkeit ist dabei eine der wichtigsten Triebfedern. Viele Leute haben das Gefühl, dass sie bestimmte Dinge im Alltag nicht äußern dürfen. Das Netz ist für sie eine willkommene Bühne, weil sie dort die Freiheit fühlen, die sie offline nicht haben. Insofern dienen Kommentarspalten auch als Ventil, um Frust abzulassen.

 

Beeinflusst die Inszenierung in Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ solche Reaktionen womöglich?

 

Ja, solche Sendungen zielen darauf ab, Emotionen bei den Zuschauern auszulösen. Die Kandidatinnen werden so inszeniert, dass es Fans und Gegenfans gibt. Das erleichtert solche Ausbrüche im Netz womöglich. Die Antipathie gegenüber ungeliebten Kandidatinnen stützt sich dann unter Umständen auf vorurteilsbehaftete Attribute, zum Beispiel die Hautfarbe oder den ethnischen Hintergrund.

 

Wie groß ist die Gefahr, dass die Minderheit von Hetzern im Netz zur gefühlten Mehrheit wird? 

Menschen mit extremen politischen Ansichten sind häufig besonders motiviert, ihre Meinung kundzutun. Sie treten im Netz als Lautsprecher auf und stechen entsprechend heraus. Ich denke daher nicht, dass die Anzahl der Kommentare einen repräsentativ Rückschluss auf das Meinungsklima in der Gesellschaft zulässt. Allerdings haben manche andere, politisch weniger extreme Nutzer wiederum das Gefühl, dass ihnen aus der Seele gesprochen wird und stimmen in den Kanon mit ein - das kann sich dann hochschaukeln. Wenn darauf dann reagiert wird,  positiv wie negativ, macht das den Leuten selbstverständlich Spaß und vermittelt ein Gefühl von Einfluss und öffentlicher Aufmerksamkeit. Dieser Reizeffekt würde verpuffen, wenn das Geschriebene ohne Reaktion bliebe.

 

Was ist dann aber der richtige Umgang mit solchen rassistischen und hetzerischen Äußerungen im Netz: Ignorieren oder reagieren?

 

Die richtige Reaktion kann nur sein, sich klar gegen rassistische Kommentare zu positionieren und diese zu löschen. In diesem Sinne hat ProSieben aus meiner Sicht richtig reagiert. Erfreulicherweise gibt es außerdem von anderen Nutzern viel Widerstand gegen solche hetzerischen Äußerungen. Debatten wie diese sollten daher als Weckruf und auch als Chance verstanden werden, sich mit den gesellschaftlichen Problemen offen auseinanderzusetzen, statt sie zu ignorieren.

- Das Gespräch führte Sonja Álvarez.

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