Doku : Überleben mit Beethoven

Das „Orchestre Symphonique Kimbanguiste“ ist das einzige Symphonieorchester in Afrika, das nur aus Schwarzen besteht.

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Mireille Kinkina dehnt mühsam die fremden Worte: „Ro-sen-spur“ und „Woll-lust ward“. Schillers „Ode an die Freude“ ist erst einmal keine Freude, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist. Aber die junge Frau strahlt: „Wenn ich Beethoven singe, die Neunte Symphonie, fühle ich mich ganz weit weg. Dann bin ich nicht mehr hier. Es ist einfach so schön.“

Mireille Kinkina gehört zum Chor eines der ungewöhnlichsten Symphonieorchesters der Welt. Jedenfalls erwartet man nicht unbedingt, dass im Kongo 200 Männer und Frauen mit Begeisterung und Ausdauer Verdi, Orff, Händel und Beethoven einstudieren. Einerseits ist es wie in jedem Orchester der Welt: Der Dirigent ist irgendwie nie zufrieden. Andererseits haben die Musiker hier ganz spezielle Probleme. Zum Beispiel den ständigen Stromausfall. Das Licht geht aus und an und wieder aus, aber das Orchester spielt einfach weiter. Außerdem haben sie ja noch Joseph Masunde Lutete. Der besitzt einen Friseur-Salon, ist aber gelernter Elektriker und lässt seine Bratsche sofort fallen, wenn sie mal wieder im Dunkeln sitzen.

Zu Beginn des Dokumentarfilms „Kinshasa Symphony“ sehen wir ihn, gelassen auf einem hohen, gefährlich geneigten Mast balancierend, mit einem Scheinwerfer und ein paar Drähten hantieren. Die Kamera fängt die Straßenszene ein, schwenkt langsam weiter, hinter einen grünen Plastikzaun. Dort probt eine große Gruppe von Männern und Frauen, mitten im staubigen, schäbigen Kinshasa, den Gefangenenchor aus Verdis "Nabucco". Es ist das „Orchestre Symphonique Kimbanguiste“, das einzige Symphonieorchester in ganz Afrika, das nur aus Schwarzen besteht, wie einer der Musiker später stolz sagt. Die Probe muss allerdings unterbrochen werden, als eine Staubwolke über den Zaun quillt, die den gesamten Chor zum Husten bringt.

Was sind das für Menschen, die sich mitten in Afrika für klassische Musik begeistern? Und: Wie organisiert man in der Demokratischen Republik Kongo ein Symphonieorchester? Wie kann es überhaupt existieren in einem Land, das nach seiner Unabhängigkeit 1960 beinahe ununterbrochen unter Diktatoren, Krieg und Chaos zu leiden hatte und das zu den ärmsten der Erde zählt? Claus Wischmann und Martin Baer beantworten in ihrem Dokumentarfilm „Kinshasa Symphony“ vielleicht nicht alle Fragen, zum Beispiel wie sich so ein Orchester im Kongo finanziert. Dafür erzählen sie eine wundersame, wunderbare Geschichte. Vom Zauber der Musik an einem unmöglichen Ort und von der Kraft und dem Überlebenswillen der Menschen.

Die Autoren begleiten das Orchester in der Zeit vor dem geplanten großen Konzert am Unabhängigkeitstag. Dabei stellen sie einige der Musikerinnen und Musiker näher vor. Den Lichtexperten Lutete etwa, oder die alleinerziehende Flötistin, die immer ihren kleinen Sohn mit zu den Proben nimmt und zurzeit eine Wohnung sucht. Natürlich auch den Dirigenten, Armand Diangienda, der eigentlich Pilot ist und dessen Großvater, ein Kämpfer für die Unabhängigkeit, eine eigene Kirche gegründet hat. Die Bilder vom Straßenleben und vom Alltag in Kinshasa, einer schnell wachsenden Metropole mit zurzeit rund neun Millionen Menschen, scheinen alle Erwartungen vom afrikanischen Elend zu bestätigen. Um so faszinierender, wie sich die Musiker, in kleinen Gruppen oder bei den Orchesterproben, Beethovens Neunte langsam aneignen. Wie sie Beethoven „afrikanisieren“, wie sie ihre Liebe zur klassischen Musik gegenüber Freunden verteidigen und vor der Kamera erklären.

Sehr schön auch: Als zweiter roter Faden, neben den Proben fürs Unabhängigkeits-Konzert, dient den Autoren die Entstehung eines Kontrabasses, in Handarbeit von Orchesterdirektor Albert Matunbaza persönlich gebaut. Leider versinkt diese dokumentarische Perle mal wieder im Nachtprogramm der ARD.

„Kinshasa Symphony“, ARD, Mittwoch, 23 Uhr 30

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